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Jerubbaal · 1918-05-01 · 2 (5.1918) · p. Seite 55

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Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
2 (5.1918)
Date
1918-05-01
Page
Seite 55 (sequence 13)
Language
German
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Jung-Juda. 15 die eigentliche Geschichte eines Volkes ist die Geschichte seiner Religion. Nachdem die Religion das Bewußtsein von der Außenwelt ist, und sowohl Erklärung als Bild geben soll, so ist hier audi der Anfang zu aller Wissenschaft und aller Kunst gegeben. Aber die Wissenschaft wird noch von einer anderen, gewissermaßen entgegengesetzten. Seite aus angebahnt, dem Bedürfnis der momentanen Kenntnis. Die Religion ist das Bewußtsein von Außenwelt, dasselbe wie Erleben der Außenwelt, oder Erleben der Götter oder Gottes. Die Eraktische Wissenschaft ist Wissen von der Außenwelt zum Zwecke eines ,ebens gegenüber der Außenwelt. Die Wissenschaft ist bedingt zwecks gerichtet, ihr Dienst gehört dem Individuum. Die Religion ist absolut zielgerichtet, das Individuum gehört ihrem Dienst. Diese beiden Bestrebungen stehen in einem offensichtlichen Widerspruch, da beide aus entgegengesetzten Motiven die Außenwelt in ein und dieselbe Sprache abbilden wollen. Und dieser Widerspruch enthält das treibende Moment des nationalen Lebens, denn dieser Widerspruch verlangt nach einer fortwährenden Verständigung, einer Vereinigung. Diese Verständigung ist stets das große Geschehen im Volke und erfolgt meist durch eine einzelne überwältigende Persönlichkeit oder eine Gruppe von Personen, denen das gesamte Volk sich anschließt, weil sie nur ein Mittel sind, dem Volkswillen Ausdruck zu verleihen. Anfänglich ist die Ver^ ständigung leicht, denn die sachliche Liebe ist größer als die fachliche Leidenschaft. Revolutionen sind erst gegen Gesetze nötig. Gesetze entstehen auf mehrerlei Weise, vornehmlich aber entspringen sie der Angst um die Sache. Wenn die Furcht erwacht, das Volk könnte trotz seines gemeinsamen Gottesbewußtseins von dem gemeinsamen Gottesglauben abweichen, dann wird der Dienst in Schlagworten nieder^ geschrieben und das sind die Anfänge der Gesetze. Diese Gesetze sind zunächst bloß Zeichen, bei deren Anblick sich das Volk mit wahrer Bestimmtheit des gemeinsamen Gottesbewußtseins entsinnen soll. An sich können ursprünglich die Gesetze nichts sagen. Erst auf einer weiteren Stufe der Entwicklung werden diese Gesetze so ausführlich und scheinbar klar, daß selbst fremde Völker daraus einen Sinn, wenn auch einen fremden Sinn entnehmen können. Das, was man gewöhnlich als Religion bezeichnet, der ausgesprochene oder niedergeschriebene Dienst des Gottesbewußtseins ist eine organische Verbindung, nur selten bloße Zusammen^ Stellung von verarbeiteten Mythen und Gesetzen. Mit der schriftlichen Registrierung des Glaubens beginnt ein unaufhör^ licher Kampf im Volkstum, der das eigentliche Leben des Volkes ist und das Ringen zwischen Individual- und Universalbewußtsein darstellt. Es ringt nämlich die praktische Wissenschaft mit der absoluten, denn Religion ist absolute Wissenschaft, um eine Vereinigung in den Gesetzen zu erstreben. Eine vermittelnde Rolle spielt hier die Philosophie und das ist der eigentliche Sinn der Philosophie. Die Religion, es kann nicht genügend oft wiederholt werden, ist das nationale Bewußtsein von der Außenwelt. Philosophie ist das Denken der Welt, aber gemäß den Prinzipien des praktischen Wissens, später also gemäß den Prinzipien der praktischen

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