Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 2 (5.1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 48 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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48 Martin Bu.ber: Jüdisch leben. drigung entfacht sich die gewaltige Flamme seiner Entscheidung. Entscheidung: das ist der Augenblick der jüdischen Geschichte, in dem du lebst/ durch die Jahrtausende wandernd in dem größeren Ich bist du bei dem kleinen Ich angelangt, das heute fünfzehn Jahre alt ist/ und hier findest du als Aufgabe, als des Volkes und deine gegenwärtige Aufgabe wieder, was du dort als den innersten Vorgang erfahren hast: Jahwes Sieg über Baal Kampf und- Selbsteroberung, Gericht und Reinigung —* Entscheidung. Der Knabe: Schwer, schwer ist das . . . und wunderbar. Der Führer: Du kannst mich noch nicht ganz verstehen, und doch will ich es dir in dieser Stunde sagen. Baal ist niemals ein Ganzes, Baal ist immer nur die böse Seite eines Dings, das Falsche, Widersacherische an einem Ding, das an ihm, was den Gang des Geistes hemmt. Zu Elijas Zeit war Baal die böse Seite der Natur, das an ihr, was den Menschen gierig und grausam macht,- in unserer Zeit ist er die böse Seite der Gesellschaft, das an ihr, was den Menschen feig und verlogen macht. So ist es jetzt eine andere Entscheidung als damals, die gefordert wird, vom Volk und von dir. Der Knabe: Ja, vom Volk und von mir. Der Führer: Um aber des Sinns und des Umfangs, der Voraussetzungen und der Folgen dieser Entscheidung ganz gewahr zu werden, mußt du in lebendiger Gegenwart mit dem Volk zusammenwachsen. Du wirst das vorstellende und denkende Ich des Juden in der Sprache, das handelnde und leidende in der Geschichte entdeckt haben, du wirst in beiden deine Verbundenheit mit dem Judentum gefunden haben,- aber noch hast du sie erst im Geist, und deine Verbundenheit ist vor den Augen der Forderung noch eine Einsamkeit und Abgeschlossenheit. So innerlich bereitet mußt du erst ins Volk gehen und mit ihm Gemeinschaft schließen, mußt, wie die Ordnungen der Sprache und der Geschichte, nun auch das ganze Chaos der jüdischen Gegenwart zu einem Drinnen machen. Das wird, so scheint es mir, die härteste Probe deines Lebens sein. Tausendfältige Niedrigkeit wird sich dir enthüllen: so denke du, daß der Messias unserer Sage als ein Bettler lebt,- tausend* fältige Entartung: so denke, daß er als ein Aussätziger lebt,- tausend** fältige Versklavung: so denke, daß er in Ketten lebt. Du darfst dich von dem Widersinn, der dich überfallen wird, nicht schrecken, nicht in deine Einsamkeit zurüdtjagen lassen. Du darfst dich nicht zu den Stillen und Reinen allein, zu den Treugebliebenen allein gesellen,- du mußt dem Anblick und Anhauch des jüdischen Kriegsgewinners, des jüdischen Zeitungsmachers, des jüdischen Agenten der Gewalt stand* halten/ denn du weißt, daß der Aufstieg des Volkes an seinen Fall gebunden ist. Du darfst vor diesen Kalbsanbetern und Baalspriestern nicht wähnen: »Das bin ich nicht« — du mußt erkennen: »Das bin ich das bin ich«,- du mußt ihrer Finsternis das lichte Zeichen der Erlösung, den Davidschild, das Sinnbild des Qberwinders entgegenhalten,- du mußt ihnen sagen: «Brüder in der Schande, ich habe eure Verstrickung geteilt, ihr aber werdet meinen Kampf und meine