Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 2 (5.1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 47 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Jüdisch teben. 47 Der Führer: Und die jüdische Geschichte? Woran denkst du im ersten Augenblick, wenn du diese zwei Worte hörst? Der Knabe <halb lächelnd, halb beschämt): Im ersten Augenblick? Voriges Jahr noch an ein Lehrbuch. Der Führer <mitlächelnd, mit seinem guten Lächeln die Schäm aus^ löschend): Und jetzt? Der Knabe: An Begebenheiten ... an große Begebenheiten ... an große Menschen ... an Größe ... an Leid; . . an Schidssal. Der Führer: An wessen Schicksal? Der Knabe: Des Volks. Der Führer: Nicht an dein Schicksal? Der Knabe: Ja* . . auch an meins. Der Führer: Du solltest nicht »auch« sagen müssen. Der Knabe bleibt stehen, besinnt sich. Der Führer <legt ihm die Hand auf die Schulter): Du müßtest die Geschichte der Juden nicht erfahren als etwas, das andern geschah, andern, wenn auch Nahverwändten, nicht als etwas, das einmal war und besiegelt ist, wenn es auch im Herzen fortlebt. Du müßtest die großen Begebenheiten ganz wirklich und unmittelbar als Begebenheiten deines Lebens erfahren, das Leid als dein Leid, die Größe als deine Größe . . . und das Versagen als dein Versagen. Stelle dich nur ganz ein, halte nur nichts von deinem leibhaften Leben zurück, stelle dich nur ungeteilt in diese Menschen ein, von denen du gehört und gelesen hast. Du siehst ihr Tun und ihr Lassen von hinten, du mußt es von vorn sehen lernen, von da aus, wo Tun und Lassen noch unge^ schieden in einem Herzen ruhen, das sich noch nicht entschieden hat, noch nicht zu entscheiden hatte, und wo auch das Schicksal somit noch nicht begonnen hat sich aus den Hüllen zu lösen,- denn das Schicksal des handelnden Menschen ist nur die äußere Gestalt, die die Unwiderruflichkeit seiner Handlung annimmt. Du bist es, der nun zu wählen haben wird, du es, in dessen noch traumhaftem Leben sich Tat und Geschick bereiten — und der nun, eine Stunde später, beides gewählt und entschieden hat. Aber zunächst wird es dir schwer werden, das ganz zu umfassen. Du wirst es wagen, vor dem Volk am Fuße des Sinai zu wissen: »Das bin ich«, aber du darfst dich nicht weigern es auch vor dem Volk zu wissen, das das Kalb anbetet,- nidit Elija allein, auch dieBaals^ priester bist du. So wirst du durch die Geschichte des Volks, durch die Geschichte deines Lebens gehen von Scheideweg zu Scheideweg, wirst dich entscheiden und dich gehen lassen, dich bewähren und versagen, und wirst über all das in dir selber Gericht und Reinigung halten, wenn Elija in-dir wahrhaft den Baalspriestern obgesiegt hat,- wirst aber auch erleben, daß die göttliche Gnade den Mann nicht von oben überkommt, sondern aus der Finsternis seiner Verstrickung durch Kampf und Selbsteroberung, Gericht und Reinigung sich bereitet, und daß die Bibel nicht umsonst den Brief an Urija und die Psalmen aus dem Herzen desselben Mannes hat werden lassen. Dies ist der Weg des Volkes, sein Aufstieg ist an seinen Fall gebunden, in den Tiefen seiner Ernie^ 4*