Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 2 (5.1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 46 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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46 Martin Buber: dabei stets dein Herz daran wenden, daß du das Draußen zu einem Drinnen machen willst. Der Knabe: Erkläre es mir. Der Führer: Du hast hebräisch gelernt. Was weißt du davon? Der Knabe: , . . Worte . . . Sätze . . . Verse . /. Geschichten . . . Gedichte ... Der Führer: Sind sie dir alle wirklich ein Drinnen geworden? Der Knabe: Was ich davon lieb habe, ja. Der Führer: So sehr wie . . . welches ist dein liebstes deutsches Gedicht? Der Knabe: Wanderers Sturmlied. Der Führer: So sehr wie Wanderers Sturmlied? Der Knabe <schmerzlich>: Nicht so sehr. Der Führer: Und die Sprache selbst, ist sie dir ein Drinnen geworden? Der Knabe <nach einer Pause): Nein. Der Führer <bleibt stehen, sieht dem Knaben in die Augen): War es dir nicht bisher beim Lernen so, als seiest du hier und die Sprache irgendwo anders, du mitten im Geschehen und die Sprache etwas seit unvordenklichen Zeiten Fertiges, das du einfach annehmen, hinnehmen mußt, mit dem du dich abfinden mußt, weil es eben die Sprache deines Stammes ist? Der Knabe: Wohl. Der Führer: Und ginge es nicht an zu versuchen, nicht jetzt und nicht morgen, aber von jetzt an und immer stärker, dich mit der Sprache so abzugeben, als machtest du sie? Der Knabe: Als machte ich sie? Der Führer: Ja — als brächtest du diese Worte, diese Sätze, diese Verse aus deinem Innersten hervor, weil es nur in ihnen sich selber wahrhaft vernehmlich werden kann,- als bildetest du diese spröden Laute mit Kehle und Lippen, weil sie nur an ihnen ihre lautbildende Kraft vollkommen auswirken können / als fügtest du den Bau dieser Wortfolgen in dieser und keiner anderen, dieser strengen und keiner milderen, dieser innigen und keiner lockrem Ordnung, weil du nur in ihr das Geheimnis deines Wesens selbsttätig betrachten kannst. Als ob . . . nein, es ist kein Als ob. Wir beide waren dabei, als Wanderers Sturmlied gedichtet wurde, das wir so sehr lieben,- wir waren beide dabei, als das Lied vom Schilfmeer gedichtet wurde, das wilde, urweltlich ferne Lied. Du hast an dieser Sprache gebaut und gemeisselt, zahllose Geschlechter lang, nun ruht all dessen Gedächtnis vergraben, verschüttet in deiner Seele — wenn du der Sprache als deiner Tat inne wirst, befreist du es. Dann erst kannst du wahrhaft ei kennen, nach welchem Gesetz sie geworden ist, da du dieses Gesetz unaussprechlich in deinem Blute trägst,- kannst mehr als ihren »Geist«, kannst mit deiner Seele ihre Seele erfassen. Magst du es versuchen, dich als den Urheber dieser Sprache zu fühlen, während du sie »lernst«, während du sie wiedererfährst, — dich zu fühlen: jenes größere Ich, von dem du gesprochen hast, jenes Draußen und Drinnen? Der Knabe (nicht langsam, dann nochmals und entschiedener): Ich will es versuchen.