Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 1 (4.1918)
- Date
- 1918-04-01
- Page
- Seite 27 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Jung^Juda. 27 einzige Mysterium einzudringen. Welche Zaubermacht liegt in jener Abstraktion, die vermochte und vermag ein verkommenes, krankes .Volk mit unerschöpflicher Energie zu erfüllen? In dieses Mysterium will ich nun versuchen das Licht der eigenen Erkenntnis zu tragen. Nachdem ich lange vergeblich gesucht hatte, irgendwo einen Einblick in die konkreten Tatsachen, die dem Judentum zugrunde^ liegen, zu gewinnen, fand ich sie in Dingen, die so verknüpft sind mit dem, was ich und viele von uns kürzlich vom Zaddik Martin Buber'1" hörten, daß ich glaube, es müsse viel Wahrheit darin sein, umsomehr, als es im Einklang mit allem wesentlich Jüdischen steht, das ich bisher erlebt und erfahren habe. Der Weg ist beschwerlich, auf dem ich zu den konkreten Tatsachen komme, die dem Judentum zugrundeliegen. Es sind die Tatsachen, durch die dieWorte Bubers zu klarerem Verständnis kommen, Tatsachen, die mir ein wesentlicher Schlüssel zu allen Offenbarungen des Judentums zu sein scheinen, Tatsachen, die uns die geistige Besitznahme der Propheten und ihrer Prophezeiungen ermöglichen sollen und können. Martin Buber sagte uns, daß es zur tiefsten Wesenheit des Juden ge^ höre, in seiner Seele Raum für weite Widersprüche zu haben, in deren Vereinheitlichung sein Leben bestehe,- daß es einen großen Zwiespalt gäbe, der das Judentum umfaßt, und ein ewiges Ringen nach Einheit, worin das Leben des Judentums bestehe. So ungefähr war der Sinn der Worte des Meisters, deren genaue Folge ich umsoweniger behalten konnte, als ich lange nichts von ihrem tiefen Sinn erfaßte. Der Zwiespalt, von dem wir hörten, hat eine tiefe natürliche Quelle. Es ist der Widerspruch, in dem notwendig Individualität und Tatsächlichkeit stehen. Es muß daher das Erste sein, daß ich zeige, in welchem Widerspruch die Tendenz der Individualisierung und der Erhaltung der Individuen zu der Wirklichkeit steht. Die Wirklichkeit ist ein unendlich Gegliedertes, ein in aller Ausdehnung Unendliches, in allen Momenten Einzig-Unwiederholbares und doch in seiner Totalität Unverrückbares, Absolutes, Unveränderliches, Ein- und Allmaliges. Sie ist nicht die Summe von vielem Für^sich-Bestehendem, wie etwa ein Haufe Sandes, der die Summe der Körner, aus denen er besteht, ist, sondern die Wirklichkeit ist die, in eine absolute Einheit gebundene, Wechselwirkung der »Dinge«. In dieser Einheit hört das Einzelding nicht auf, aber nur in ihr hat es einen Sinn. Das Individuum hört im Universum nicht auf, aber nur im Universum hat es seinen Sinn. Es hat keinen absoluten Sinn. Das Individuum, seiner bloßen Existenz nach, steht mit dieser Einheit nicht in Widerspruch. Die Tendenz aber, dieses Individuum als Individuum zu erhalten, steht damit in Widerspruch. Dies folgendermäßen: Das Universum ist ein Eines, eine Einheit, ein einziges »Ich«. Dieses absolute Ich hat Jeschurun in den heiligsten Momenten seiner inbrünstigen Andacht gefühlt und erschaut. Dieses Ich hat Moses von Angesicht zu Angesicht geschaut, dieses Ich hat aus Jeschua gesprochen, dieses Ich ist * Dr. Martin Buber hatte kurz vorher seine Rede »Das Judentum und die Menschheit» in Wien gehalten. Zur Entschuldigung ihm und anderen gegenüber sei hier betont, daß das Wort Zaddik nicht als Urteil, sondern als einzig mögliche Wiedergabe des Eindruckes seiner Worte und Persönlichkeit gemeint war ~ ~ und ist.