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Jerubbaal · 1918-04-01 · 1 (4.1918) · p. Seite 20

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Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
1 (4.1918)
Date
1918-04-01
Page
Seite 20 (sequence 22)
Language
German
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20 Robert Weitsch: heit. Es ist viel wesentlicher, daß Geist die Menschheit erfasse, als daß irgend jemand, sei esaudi ich selbst, oder eine Gruppe, sei es auch mein Volk, Güter häufe und »Macht« und Ansehen. In einer Umdeutung auf das ethische Gebiet könnte man an das Wort des Aristoteles erinnern, daß ein einziges Theorema mehr wert sei als das Reich des Perserkönigs. Eine einzige gute Tat ist mehr wert als aller Kolonialbesitz. Das Ziel, von dem alle Politik bestimmt wird, muß von Grund auf gewandelt werden. Das ist die Forderung der jugend: Die Entthronung des Egoismus in der Politik. Es gibt Menschen, die ihr persönliches Glück, ja ihr Leben opfern, um einem Götzen zu dienen: dem Gruppenegoismus, der im Grunde ein qualitativ gleich ungeistiges Ziel ist wie der private Egoismus. Wir verkennen die ideale Gesinnung dieser Menschen nicht/ aber was hätte ihr Leben und Werk bedeuten können, wenn sie nicht einer falschen, unterschobenen Idee, sondern wahren Menschheitszielen, Gotteszielen, gedient hätten? Wir wollen heute wieder verstehen, daß es solche höhere Ziele gibt. In unvergleidilicher Weise ist dieser Gedanke Wort geworden in einer griechischen Tragödie, die wir im Gymnasium gelesen haben: in der Antigene des Sophokles. T<J/fao7^ a7tolt<; otco ttö xo&öv £uvs£>Tt toky.xg Xapiv — »auch der im Staate Höchststehende ist staatlos, wenn er mit dem Bösen zusammen ist« . . Das Gute ist eine höhere Macht als die Staatsgewalt. Und es gibt heilige Gesetze, die zu erfüllen das Gebot eines Tyrannen nicht abhalten kann. Gottes Recht geht vor Menschensatzung. Dieses Verstehen muß in die wirkliche, unser Leben regelnde Politik hineingetragen werden. Natürliche Lebensgemeinschaften, die auf Geschichte und Tradition beruhen, werden nur zu leicht von der Mechanik des Lebensgetriebes erfaßt, sodaß wacher Geist geradezu als Störung empfunden wird und schließlich Empörung gegen das Festgewordene werden muß. Wie der Ketzer gegen die Erstarrung der Religion, so muß der Revolutionär gegen die Erstarrung der Politik, des Gemeinschaftslebens den lebendigen Geist durchsetzen. »Ketzer« und »Revolutionär« sind nomina odiosa, von der gestörten machthabenden Gruppe geprägt. Die Jugend steht immer mit ihren Sympathien auf deren Seite, weil sie erkennt, daß hier ungebrochene Menschen die tiefe Wahrheit ihres Lebens gegen die für gewisse tote Zwecke eingerichtete Welt verteidigen. Die echte Jugend hat aber den stürmischen Wunsch nach ungebrochenem, wahrhaftem, nicht in Lüge und Zwang verfangenem Leben. Sie empfindet als höchstes Glück das Gefühl des inneren Wachstums, die Bereicherung an Kraft und die im Bewußtsein der sittlichen Verantwortung sich festigende Individualität. Macht, Besitz, Ökonomie liegt ihrem Gesichtskreis ferner. Sie lebt um des Lebens willen, sie hat noch echte, unmittelbare Beziehung zum Geistigen und wird von Schönheit und Größe hingerissen,- der Idee gegenüber scheinen ihrem hochgemuten Sinn die »Güter« des Erdenlebens gering. Sie will etwas sein, nicht etwas gelten. Sie will durch ihr Wesen, nicht durch Besitz oder Titel wirken. Demgemäß wird die Jugend auch an der Politik ihren Anteil fordern. Das Gemeinschaftsleben $oll nicht von jener bekannten Art »erfahrener« Männer geleitet werden, die den »Ernst des Lebens« kennen und auf

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