Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 1 (4.1918)
- Date
- 1918-04-01
- Page
- Seite 16 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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16 Robert Weltsch: welche Kunst! welches Glück! Den ganzen unaussprechlichen Widerspruch dieser einzigartigen, unvergleichlichen, alltäglichen Situation zu erleben welch ein Erlebnis für den jungen Menschen! Wenn er inne wird, daß sein Weg allenthalben und jeder Zeit von den Wegen ungezählter Menschen gekreuzt wird, die neben ihm, mit ihm, gegen ihn gehen, so muß er sich zutiefst auf sich selbst besinnen, um zu begreifen, wie er sein Verhalten in der Welt einzurichten habe. Maximen, Wünsche, Begierden, Leidenschäften sollten sein Tun bestimmennun stößt er in die Wirklichkeit, und das Wesentlichste, was nun seinem Leben Richtung geben will, kommt von den Menschen, mit denen er lebt und denen er nicht entfliehen kann, selbst wenn er es wünschte <aber er wünscht es nicht). Die unzähligen, grenzenlosen Möglichkeiten seines Handelns liegen gespalten vor ihm: nun gilt es zu wählen, und aus tiefstem Entschlüsse heraus sein Verhalten zu den Menschen zu regeln. Feinde? Freunde? Im Grunde jeder hilflos wie er. Helfen, nicht kämpfen —' muß sein Grundsatz sein. Denn der unver* dörbene junge Mensch ist nicht ausgezogen, den groben Vorteil eines bequemen Lebens zu suchen <wo wäre der Sinn dieses Lebens?), sondern das Gute zu suchen, das seines Herzens geheime Sehnsucht ist/ das Gute aber ist nicht mein oder dein, es ist aller, und Weggenossen, einander helfend, werden die Menschen es finden. So ergibt sich für jeden Menschen, unausweichlich, die Notwendigkeit, aus einer Grundanschauung und einem Grundgefühl in Rüdesicht auf die Menschen um ihn zu leben und zu handeln. Und den ewigen Werten, die in der Welt der Ideen unwandelbares Dasein haben, sind für alles Tun die geltenden Normen angemessen, in stetem Mühen um deren Erkenntnis sind die Richtlinien aufgestellt worden, welche man als System der Ethik bezeichnet. Uns kommt es hier nicht auf Gegeneinanderstellung philosophischer Systeme an: aber: »ethisch handeln« —- wer verstünde nicht, trotz allen Gegensätzen der Schulmeinungen, was darunter begriffen wird? Das Problem zumindesten muß dem Menschen, der sich seiner sozialen Wesenheit bewußt geworden ist, offenbar werden. Die Alten, die weiser waren als unser Zeitalter, haben als einen wichtigen Bestandteil der Ethik die Politik bezeichnet. Politik? Es schmeckt übel auf der Zunge. Politik —- und Ethik? Der Mensch unserer Zeit versteht den Zusammenhang nicht. . . oder beginnt ihn vielleicht wieder zu verstehn. Daß es Geschäfte und Interessen der Allgemeinheit gibt, das ist jeder* mann klar,- aber der durchschnittliche Bürger möchte dadurch nicht allzu sehr beunruhigt werden. Er macht sich keine Gedanken darüber, daß das Zusammenleben der Menschen, sein eigenes Leben, gewisser Voraus* Setzungen bedarf, ja daß sogar höchst Wichtiges für ihn von der Gestalt der Gesamtverhältnisse abhängt, in denen er lebt. Er überläßt die Regelung dieser Angelegenheiten den hiezu bestellten Organen, und nimmt deren Einrichtungen beinahe so hin wie die Einrichtungen der Natur, deren Lenker auch einem andern Reich angehört. So kommt es zu der merkwürdigen Erscheinung, die besonders für das Zeitalter vor dem Krieg charakteristisch war: daß der Durchschnittsmensch seinen persönlichen Lebenskreis gegen* über andern Einzelmenschen abgrenzt, aber seinen Anteil an der Haltung