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Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg · 1938-11-01 · 21 (1.11.1938) · p. Seite 322

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
Volume
14 (Ausgabe A) (1938)
Issue
21 (1.11.1938)
Date
1938-11-01
Page
Seite 322 (sequence 4)
Language
German
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322 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern Nr. 21 BAMBERGER&HERTZ DIE ZUVERLÄSSIGEN KLEIDERFACHLEUTE unendlich mehr als ein Mitlcilungs-, Ausdrucks- und Vcrständigungsbehelf — mit allen Konsequenzen ermessen hat. i Nur bei oberflächlichem Hinsehen wird man sich damit begnügen, den Begriff der Sprachgemeinschaft als einer Menschengruppe, -Uie durch die gleiche Sprache zusammengehalten wird, zu bestimjtnen. Gegenüber den viclumstrittcnen Begriffen von „Volk" und „Kasse" hätten wir es, wenn dieser Definition Gültigkeit zukäme, im Fall der gleichen „Sprache" mit einer viel einfacheren, fast statistischen Bestimmbarkeit (ähnlich dem Lebensalter und Geschlecht) zu tun. Selbst wenn man beispielsweise die englische Sprachgemeinschaft definiert als die Gesamtheit derer, die die englische Hochsprache, das ist die im mündlichen und schriftlichen Verkehr anerkannte, in Grammatik und Wörterbuch normierte Ausdrucksart, als ihre Muttersprache, also von Geburt an, besitzen, ist da- ' it das Wesen der Sprachgemeinschaft nicht getroffen. Juristen, Statistiker und Geschäftsleute mögen sich damit begnügen. Halten wir weiter Ausschau: Denk- und Gefühlsgemeinschaft, Schiksals- und Gesinnungsgerrieinschaft hängen zwar mit der gemeinsamen Mundart eng zusammen, diese Begriffe machen jedoch nicht klarer, daß Sprachgemeinschaft viel mehr ist als die Gruppe derer, die sich mit den gleichen Lauten, Worten und Sätzen muttersprachlich Oder mittels des vorwiegend gebrauchten Idioms ausreichend zu verständigen vermögen. Nur ein tiefes wissenschaftliches Eindringen in die Daseinsbedingungen, in die Entstehung und in die Entwicklungsformen der Sprachgemeinschaften könnte ihr Wesen enthüllen und damit zur Beantwortung der Frage beitragen, ob es dem Menschen wirklich, wie man bisher allgemein angenommen hat, versagt ist, die Sprachgemeinschaft zu wechseln, sie aufzugeben, aus ihr auszutreten, in eine andere einzutreten. Mit gelegentlichen Erfahrungen und Beobachtungen läßt sich das Problem nicht ToseiT Durcfi ~Kncrgtc,.' Beg¥büng,"HnführungsläHigkeit, imitatorisch-schauspielerische Fähigkeiten, langen Aufenthalt im Gastlande sowie durch ausschließliche Berührung mit seinen Be wohnern haben es viele Individuen zu einer virtuosen Beherrschung der fremden Umgangs- und Schriftsprache oder auch der Sondersprachen, einzelner Stände und Schichten, jä sogar der Mundarten bestimmter Volksteile gebracht. Die zwingende Verbindlichkeit der ursprünglichen Sprachgemeinschaft und die Gewalt, mit welcher diese den Einzelnen von Kindesbeinen an erfaßt, ist durch die Erlernung und Beherrschung der neuen Sprache ebensowenig gebrochen, wie damit poch in keiner Weise eine neue Kulturverbundenheit mit der Wahlheimat hergestellt ist. Die Frage nach dem Verhältnis der Sprachgemeinschaft zur Volksgemeinschaft enthält die Grundfrage unseres jüdischen Schicksals; in ihr ist auch das Problem des willkürlichen oder erzwungenen Wechsels der Sprachgemeinschaft miteingeschlossen. Die verschiedenen Sprachen bilden die natürliche Scheidewand der Völker und Länder. Aber ich kann mir, selbst mittels musterhafter Erlernung von Grammatik und Wörterbuch, keinen Zugang zu einer fremden Sprachgemeinschaft, und noch weniger zu einer neuen Volksgemeinschaft verschaffen. Aber gerade beim Sprachenwechscl wird es eindeutig klar, daß der Mensch bei aller Unterworfenheit unter die biologischen Gesetze aller Lebewesen doch auch unter den Bedingungen vpn ihm eigenen Kräften steht und selbst wählen kann. Es herrscht heute Übereinstimmung, daß Abstammung und biologtsche^Gesetze inTall^ gemeinen die Umprägung in einen neuen Sprachgeist und damit die Wegebereitung für eine sprachliche und kulturelle Neueingliederung nicht hindern* Das Weltbild und die Denkweise, die sich in einer Sprache offenbaren, kann nicht aus der Veranlagung einer auf irgendeine Weise biologisch zusammengehaltenen Menschengruppc abgeleitet werden. Der Versuch einer derartigen Ableitung wird immer daran scheitern, daß eine Sprache keine Größe aus der , SCHUHHAUS M. FLEISCHMANN MÖNCHEN, THEATINERSTRASSE 17 Sp.iiolitöt: BALLY-SCHUHE Ordnung der Natur, sondern eine Erscheinungsform des Geistes ist Die Sprachgemeinschaft ist als Grundform menschlicher Gemeinschaft erwiesen. Das undurchbrechbare Gesetz der Sprachgemeinschaft, soweit menschliches Leben sich findet, ist dieses: die Sprache und die mit ihr gegebene Sprachgemeinschaft steht an einer entscheidenden Stelle in dem Schichtenbau des menschlichen Lebens; sie bedeutet den Eintritt in die Welt des Geistigen und damit die Grundlage für die Entfaltung allen Geistes, aller Gemeinschaft und aller Geschichtlichkeit. c Die freie Wahl des Einzelnen, sich die Spruche herauszusuchen, in der man künftig denkt und lebt, ist bei den besten Anlagen und der größten Ausdrucksfertigkeit in der zweiten Sprache, allerdings beschränkter als bei „Optionen" verwandter Art. Und doch bleibt ' hier der nachhaltige Wille entscheidend. Wer Sprachen „erlernt",' dem fügen sich' die Dinge in neue Bezüge ein; er kann nun nicht nur eine fremde Speisekarte mit ihren mannigfachen Gaumen-Assoziationen lesen oder Definitionen aus der Medizin oder Physik „getreu" „auf Französisch" oder Englisch aussprechen und lesen. Es sind vielmehr neue Bezüge kulturellhistorischer Art. Denn in der „neuen" Sprache nimmt das „Ding", der ausgesprochene Sachverhalt den der Fremdsprache anhaftenden, ihrer Uberlieferung gemäßen, bestimmten geschichtlich charakterisierten, unmerklich neuen Bedeutungsinhalt an. Mit dieser Ver- —Wandlung hängt bei aller Bemühung um Sinn- und wort treue das Problem der Unübersetzbarkeit zusammen. Die Muttersprache kann sogar vergessen oder — wie man heute wieder gewahr werden kann — zu einer scheußlichen Mischsprache des Entwurzelten herabsinken. Darin liegt jedoch kein Beweis gegen die Einzigkeit der Muttersprache und gegen die Einzigkeit ihrer Funktion. Jene Mischsprache — sehr häufig und in vielen Variationen und Kombinationen in der Jüdischen Scbicksalsgeschichte gesprochen — klingt dem Eingesessenen oft wie ein allzu gewandtes, wenig schönes, ja unbescheidenes Badebrechen mit unbestimmbaren'Beiklängen aus fremden Zonen. Die Unsicherheit des Sprechenden ist in Wahrheit nur eine Unsicherheit der Grammatik, im Wörterbuch und in der Aussprache, dagegen im Kampf des Land- und Sprachfremden um eine neue Position Zeichen und Bürgschaft der unbeirrbaren Ziel- und Erfolgssicherheit. Wir rühren mit dem Problem der Mischsprache an eine der schmerzhaftesten Stellen der vielräumigen und großactigfiJJr-JULauiaivJerJtHrhfln Tnuj"di?n überreichen Geschichte des jüdischen Volkes. In dem Aufundab seiner Wanderungen, seiner Aus- und Eingliederung hat sich auch sein Sprachschicksal vollzogen. Die eine Generation hat eben Atem geschöpft, ihr Kauderwelsch, Artikulation und Syntax, zeigen noch die Spuren des überstandenen Kampfes um neuen Lebensraum; die Kinder und Enkel geben sich jedoch bereits der aufmerksamsten Pflege der aufs reinste, ohne Beiklang gesprochenen „Muttersprache" hin. Sie atmen mit der Setzung der Worte die geistige Art der von den Eltern neu erworbenen Gemeinschaft so unbekümmert ein wie die Luft, die sie umgibt. Durch den guten Willen können wir nicht von heute auf morgen unsere Sprache wechseln. Die Mischsprache oder Zweisprachigkeit des Emigranten ist in ihrem Wesen nicht erfaßt, wenn die Verschiedenheit von der Normalsprache des Einsprachigen in der Wortwahl und Aussprache festgestellt ist. Die Verschiedenheit besteht in einer anderen Sicht und Ordnung der Erfahrenswelt, darin, daß die Dinge auf andere Merkmale hin betrachtet und benannt werden. Bei der Zweisprachigkeit tritt oft eine Störung des einen Systems der Denk- und Sprachwelt durch das andere ein. Nicht die Wörter, die Lautzeichen, stören einander, sondern es wird die Anwendungsweise der Wörter auf die Erscheinungen der Welt in falscher Analogie unterbewußt von der einen Sprache in die andere übertragen. Die formalen und syntaktischen Analogiefehler sind nur die äußerlichen, von dem Einheimischen leicW erkennbaren Mängel. Verhängnisvoller ist die geistige und seelische Unsicherheil Die Nützlichkeit, ja rnenthehrlichkeit des Nebeneinanders zweier Sprachen für Existenz, Erfolge und iulUcres l'ortkomnien steht nicht im Widerspruch zu der Erkenntnis, daß nur in der Muttersprache Seelisches voll auszureifen vermag. Die Sprache' ist eben nicht nur das technische Mittel, das ein freier unabhängiger Geist handhabt zur Äußerung und Mitteilung seiner Denkergebnisse. Erst die Kinder und Enkel, die in der neuen Heimat geboren werden und aufwachsen, gehören ohne ihr Zutun der Sprachgemeinschaft des Landes an, in welches ihre Eltern eingewandert sind. Sie haben nicht nur die Sprache gelernt, sie handhaben sie nicht nur, sie denken zwangsläufig in ihr, ihr Weltbild ist von der Muttersprache geformt. Daß die, Muttersprache nicht nach Belieben mit der hebräischen Sprache umgetauscht werden kann, ist von den besten Kennern und brennendsten Liebhabern des Hebräischen anerkannt. Der beste und festeste Wille kann die Prägung, die wir durch die

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