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Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg · 1938-11-01 · 21 (1.11.1938) · p. Seite 321

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
Volume
14 (Ausgabe A) (1938)
Issue
21 (1.11.1938)
Date
1938-11-01
Page
Seite 321 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern 321 Paula Ollendorff (1860-1938) „Guck dir die Frau dort gut an!" sagte meine Mutter zu mir, als ich ein kleines Mädchen war und noch in die unterste Klasse der Mädchenschule ging, wenn wir Paula Ollendorff in den StraBen von Breslau begegneten. — „Denn das ist vielleicht die klügste Frau, die ich je kennen gelernt habet" — Und ich guckte, was ich nur gucken konnte — wie es damals und hinterher viele mit mir taten —: auf die einfach gekleidete mittelgroße Frau mit den ausdrucksvollen, scharfgeschnittenen Zügen und dem dunklen Lockenkopf — es war ein Kopf, dem weder Zeit noch Krankheit etwas anhaben konnten und der bis zuletzt im Schmucke der weißen Haare denselben eigentümlichen Reiz behielt wie nur je zuvor. — Wir waren alle stolz auf sie, wir Jüdinnen aus Breslau; war sie doch eine der ersten, so schien es uns, die in jener frühen Generation ' der Vorkämpferinnen für Frauenbildung und Frauenarbeit neben aller leidenschaftlich erstrebten und erkämpften Geistesbildung niemals die Arbeit für die Gemeinschaft vergessen hatten. Aus dem kleinen Orte Kostenblut bei Kant in Schlesien gebürtig, war sie als eine« von fünf Geschwistern, an denen sie mit jener najurbestimmten Liebe hing, die eine Geistesverwandte, die Rahcl Levin, einmal „Fasernliebe" nannte, aufgewachsen; schon als Kind träumte sie davon, wie sie einmal erzählte, später Kinderheime anzulegen. Das Leben und ihre eigene Arbeit haben ihr diesen Wunsch später in reichem Maße erfüllt; das Breslauer Jüdische Jugendheim, das Lehrlingsheim, das Mädchenheim und die Paula-Ollendorff- Haushaltungsschule zeugen von ihrer Tatkraft und ihrem Ideenreichtum. — Als junge Lehrerin hatte sie Jahre in England zugebracht; und sie verdankte jener Zeit nicht nur wertvollste menschliche Bindungen, die später nicht nur sie selbst, sondern viele ihrer Freunde beglücken sollten, sondern auch jene seltene und fast meisterhafte Beherrschurig der englischen Sprache, die sie in der Folgezeit befähigte, bei vielen internationalen Tagungen und Kongressen die fremdsprachlichen Reden mit überlegener Schnelligkeit und wahrhaft künstlerischem Einfühlungsvermögen derart ins Deutsche zu übertragen, daß, wie man scherzend sagte, manchmal ihre Übertragung viel packender wirkte als das Original selbst. Paula Ollendorff hatte .den bittersten Schniefz - ihres Lebens erfahren müssen; sie mußte «wei blühende Kinder begraben und verlor auch den Gatten, der einer der angesehensten Rechtsanwälte in Breslau gewesen war, in frühen Jahren (1911). Alle diese Herzensnot überwand sie durch ihre Arbeit für die Gemeinschaft. Bald nach dem Tode des jungen Sohnes war sie in den Vorstand des . Jüdischen Frauenbundes eingetreten; und erst ihr letzter Brief, von ihrem Krankenlager in Jerusalem datiert, meldet ihren notgedrungenen Abschied aus dem Kreise der Mitarbeiterinnen durch ihre Übersiedlung nach Palästina. Dort bekennt sie auch, daß sie geglaubt hatte, dieser Arbeit „bis ans Ende ihrer Tage anzugehören" — das Schicksal hat ihr diesen Wunsch erfüllt. Die Mitarbeiterinnen werden ihren Abschied aus ihrem Kreise erst nach der Kunde von ihrem Abschied Vom Leben erfahren... Paula Ollendorffs soziale Arbeit ist durch die Eindrücke bestimmt worden, die sie in ihrer Jugendzeit in England von der jüdischen Arbeit (im Settlement in Whitechapel) und der christlichen Arbeit (in Toynbee-Hall und in der Heils-Armee) empfing. Jugendvyoh'lfahrt und Jugendpflege blieben ihre eigensten Schöpfungen;, sie gründete das Kleinkinderheim in Breslau-Krictcrn. das Kinderlandheim in Flinsberg neben den schon erwähnten Brestauer Heimen und man hat eine lange Reihe von Jahren ihr als Vorstandsmitglied der Breslauer' Jüdischen Gemeinde das Dezernat für das Wohrfahrts- und Jugendamt übertragen. Soziale Krankenhausfürsorge und Gefangenenfürsorge danken ihrer Aktivität und ihrem nie versagenden Optimismus nene Impulse. Lange Zeit sprach sie" auf ihren vielfachen Reisen nicht nur in jüdischen und allgemeinen Frauenvereineh, sondern suchte regelmäßig auch die Gefängnisse auf, um auch dort Trost und~Leben zu erwecken. Das ist vielleicht der wenigst bekannte, aber fast der wertvollste Teil ihrer überreichen Arbeit. — Früh hatte diese überaus wache Frau die Rolle erkannt, welche die Vereinigten Staaten von Amerika für Gegenwart und Zukunft des Judentums in Europa zu "spielen bestimmt sind; in häufigen Reisen hatte sie sich auch dort Freunde und Bewunderer erworben, zumal seit sie bei der Tagung des Weltfrauenbundcs als ausgezeichnete Dolmetscherin aufgetreten war. — Dem Aufbau Palästinas aber hatte sie wie so viele ihrer Generation lange Zeit fern uhd fremd gegenüber gestanden. Aber sie besaß das Geheimnis unserer alten Weisen: viel von den Lehrern, mehr von den Freunden, am meisten von den Schülern zu lernen. Von der Jugend ihres Hauses und ihres Volkes lernte sie die Bedeutung des Heiligen Landes ken- Wichtiger Termin im Monat November 1038 15. November 1938t (Wegen Umzuges verlegt) Einzahlung der Beiträge aus der am 10. XI. 38 fällig gewesenen Yermögenssteuerrate (15° 0 des an das Finanzamt zu entrichtenden Betrages) an die Beitragstelle der Israelitischen Kultusgemeinde, Lindwurmstraße 125, Riickgebäude, Erdgeschoß, Fernsprechanschlüsse 73216—19. Postscheckkonto der Beitragstelle München Nr. 60990 Bankkonto der Beitragstelle beim Bankhaus H. Aufhäuser, München Nr. 17299. nen und lieben: dann aber nahm sie die neue Erkenntnis auch mit ganzer Seele auf, wie es ihre Art war. In den letzten Jahren lebte sie lange bei ihren Kindern in Jerusalem; auch dort nicht als kalt staunender Besuch, sondern voller Anregungen für die Arbeit dort und hier. Sie wars, die den Anschluß des Jüdischen Frauenbundes an die Jewish Agency beantragte; sie war auch jetzt voller Pläne für ihre eigene Zusammenarbeit mit der WIZO, für die sie schon ein Programm entworfen hatte. In Jerusalem ist sie gestorben ... ein Lebensziel, wie es unsere Mütter «inst ersehnten. Ihr Tod bildet die Krönung ihres Lebens. Bertha B a d t - S t r a u ß. Wechsel der Sprachgemeinschaft Wer eine neue Sprache zu erlernen sich bemüht, kümmert :sich in erster Linie um die Aneignung von Grammatik und eines ausreichenden Wortschatzes. Die erlernten Regeln und Wörter sucht er sodann in mehr oder minder geregelter Weise durch Sprechen, Lesen und Schreiben anzuwenden. Die meisten, auch die es zu einem hohen Grad der Fertigkeit, sich in der fremden Sprache gewandt auszudrücken und sie zu verstehen, gebracht haben, sind sich bewußt, daß sie damit noch nicht in eine neue Sprachgemeinschaft hineingewachsen sind. Die sprachlichen Bindungen des einzelnen Menschen sind wie die staatliche Gemeinschaft und die Abstammungsverbundenheit nicht vom persönlichen Willen abhängig. Die Muttersprache ist das unentrinnbaFc geistig-seelische Schicksal des Menschen. In welchem Grade und ob überhaupt Zugehörigkeit zu einer Sprachgemeinschaft rückgängig gemacht werden kann, inwieweit im besonderen die mit der Muttersprache von der Geburt her haftende Verbundenheit lösbar und lockerungsfähig ist, läßt sich nur beurteilen, wenn mankdic Reichweite der Wirkungen drr Sprache und Sprachgemeinschaft, nämlich das Schaf; fen einer gemeinsamen Welt des Denkens und der Werte — also MAGISTER KIRSCH d«r gut« LI»«ö-, Magister München VII Stadtfiliale HochbrOckenstr. 14, Ecke Herrnstr.

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