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Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg · 1938-09-15 · 18 (15.9.1938) · p. Seite 275

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
Volume
14 (Ausgabe A) (1938)
Issue
18 (15.9.1938)
Date
1938-09-15
Page
Seite 275 (sequence 9)
Language
German
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NkJJL Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern 275 vier Armen inmitten der Stubendecke. In guter Ehe lebte sie mit ihrem Manne, der Simon hieß; das mußte nach alledem so sein. Und einen Sohn hatten sie, der dem Vater beim Viehhandel längst zu Seite stand, einen einzigen Sohn und sonst keine Kinder, den die Mutter in geheimen Augenblicken als Belohnung ansah für ihr eigenes Leben, so wie sie es führte. Das Wichtigste aber für sie selbst war das. was ihr durch die Sorge um Hannchen Lipschitz aufgetragen war, jene alte Frau, die bei Weils hinter der Synagoge zwei Dachstuben bewohnte. Lipschitz? Das ist ein Name, den es in unserer ^Gegend sonst nicht gab, und bis heute nicht gibt, das ist wahr. Niemand weiß auch mehr, woher dieses Weiblein kam. Aber da ist es gewesen und war allein, ein Gegenstück etwa zürn Männlein Salme, von dem schon gesprochen worden ist. Nun, es ist unwichtig, das zu wissen. Nur überliefert ist uns, daß es eine Sprache gesprochen hat, die ein wenig so klang für die damals, wie die unserer Brüder, die aus dem Osten kamen und die sehr fromm waren, frömmer, als sich die Unseren glaubten; so hatte man doch Achtung vor dem Hannchen. Aber nicht darum, man achtete es vor allem noch aus einem anderen Grunde; auch es hatte einen Sohn. Dem war freilich niemand je begegnet, aber bewiesen war, daß er lebte und gar in Amerika. Und alle wußten, wie das hieß dort, und seltsam wirkten die fremden Leute auf alle, ja geheimnisvoll: Kiokuk hieß der Ort, und in einem Staate namens Jowa war er gelegen; Kiokuk und Jowa — solche Worte gab es, ja. Und einer hatte einmal gesagt, man spreche sie ganz anders aus, als sie geschrieben seien; doch wußte auch er nicht, wie. Und bewiesen ■ wurde das alles — und das ist die Hauptsache — dadurch, daß allmonatlich ein Brief kam mit fremden Marken und Stempeln; und 1 kein gewöhnlicher Brief war es, sondern eingeschrieben kam er und enthielt nicht nur Mitteilungen, Schriftliches, sondern jedesmal lag darin ein Fünfdollarschein, fünf Dollar, das erzählten sie sich immer wieder. Ja, man wird begreifen, welche Wirkung solches im Städtchen hervorbringen mußte. Jemand erhielt soweit her aus der Fremde, aus Amerika gar. Geld, und so viel, daß er einen ganzen Monat davon leben konnte, wie es dem Hannchen möglich war. Davon also hauptsächlich kam die Achtung, die sie vor ihm haben mußten, und man wird sie auch heute noch verstehen. Ihm selbst aber war viel wichtiger das, was in dem Brief zu lesen stand, was er kund'gab über den Sohn, der so weit drüben über dem Meer lebte schon viele Jahre. Wahrscheinlich ging es ihm gut. Nein, das war sicher: wie hätte er sonst regelmäßig, allmonatlich das Geld schicken können über das hinaus, was er für sich selbst brauchte. Mehr als zwanzig Jahre sollte er schon fort sein. Aber verheiratet war er immer, noch nicht, obwohl er, als er auswanderte, schon um die Zwanzig gewesen war; darüber dachte die Mutter manchmal nach. Hiervon waren sie alle unterrichtet, und auch, daß er Heinrich hieß. wußtenssie: nur welchen Beruf er ausübte, das blieb ein Geheimnis. Die Mutter allein wußte es. aber sie sprach niemandem davon, weil der Sohn aus irgendeinem Grunde hatte fort müssen und drüben schließlich bei einem Schuster als Lehrling 1 und später als Gesell untergekommen war. aber nicht mehr Kaufmann sein konnte. Darob schämte sich das Hannchen, obwohl es ihn liebte, wie man nur den einzigen Menschen des eigenen Blutes lieben kann. Aber die alte Frau, die stets ein schwarzes Spitzenhäubchen mit lilafarbener Samtschleife trug, hat nie einen der Briefe selbst gelesen. Wie denn? Was hatte es dann für einen Sinn, ihr zu schreiben? Um es klar zu sagen: sie konnte nicht lesen, hatte es nie gekonnt, abgesehen davon, daß sie seit langem schlecht sah mit ihren alten Augen. Und wer mußte dem abhelfen? Die Tante Fradel, das war klar. Seit je, seit die Briefe kamen, hatte sie es übernommen, diese der einsamen Mutter vorzulesen. Das war eine Aufgabe recht nach ihrem Herzen. Jedesmal, wenn einer der Briefe gekommen war. schickte die Mutter eine Botschaft an Frau FradeL -meistens durch eines der Kinder, die vor ihrem Hause spielten, und die beeilte sich stets, hinzugehen, um die Neuigkeiten zu lesen und auch das Geld umwechseln zu lassen durch ihren Mann, der manchmal in die Stadt drüben in der Schweiz kam. Freilich, viel stand nie auf den vier Seiten der kleinen linierten Bogen des nicht ebeiT vornehmen Papiers: es gehe ihm gut. dem Sohn, und er habe Arbeit, das las man zunächst lange und regelmäßig darin: und die ersten Jahre hatte er auch noch kein Geld geschickt. Dann schrieb er eines Tages, er sei gesund und habe sich nun selbständig gemacht, ein eigenes Schuhgeschäft aufgetan und bald werde er mehr schicken können. Aber es wurde nie mehr, so daß Tante Fradel ihre Schlüsse zog und niemals, das wollen wir noch besonders erwähnen, erzählte sie den anderen Finzelheiten aus den Briefen, so daß es wirklich war. als würden die nur von der Mütter gelesen. Diese aber war nun wieder sehr (tWo, FÜR DEN HERBST Wärmere Wäsche, Morgenröcke, Blusen, Pullover, Strümpfe, Schals, fesch, gut und preiswert in großer Auswahl. Komplette Aussteuern in einfachen und eleganten Ausführungen. ROSA KLAUBER, München, Theatinerrirafre 35 stolz auf den Sohn; ein Sohn und gar Kaufmann In Amerika. Schließlich schlug Fradel vor, sie wolle ihm, — er nannte sich jetzt Harry — vorschlagen, er möge die Briefe direkt an sie adres- ' sieren. der Einfachheit halber, wie sie meinte, damit sie es so am schnellsten erführe, wenn einer eingetroffen sei: denn, und das hatten wir vergessen zu sagen, -selbstverständlich hatte sie es auch übernommen. Hirn zu schreihjbn. Das geschah freilich nicht so. daß sie ihm von sich aus anredete, nein, seine Mutter sprach mit ihm, redete ihm zu, gab ihm Ratschläge. Ratschläge aus dem Städtchen daheim, das noch nicht einmal eine Eisenbahn hatte, hinüber ins weite Amerika; nur ihre Schrift lieh Tante Fradel dazu. v So gingen die Jahre, und Fradel war beglückt über die Rolle, die sie da spielen konnte, und dabei dachte sie stets an den eigenen Sohn, der bei ihr und gut geraten war, und sie war dankbar im Herzen. Einmal aber blieben die Briefe aus. einen Monat, zwei Monate: Tante Fradel suchte Mutter Lipschitz zu beruhigen: Amerika sei weit, und ein Meer liege zwischen ihnen und dem Sohn, und ein Schiff oder gar zwei könnten untergegangen sein, und was der Trostgründe mehr waren. Und schließlich kam dann noch ein Brief: aber der hatte schon eine fremde Aufschrift: und in ihn stand zu lesen, und es war gar deutsch geschrieben von einem " Landsmann, daß der Sohn an Lungenschwindsucht, die ihn ja schon lange geplagt habe, gestorben sei, und außerdem, daß er nichts hinterlassen habe, als seine geringwertigen Arbeitskleidcr. denn er habe, wie er selbst, in einer Schuhfabrik gearbeitet;. Von einem Geschäft oder derlei großen Dingen oder gar von Erbsachen stand nichts in dem Brief. Nun, das wird man begreifen und gar billigen, daß der Sohn seiner alten Mutter den Traum hat erwecken müssen, er sei wieder ein Kaufmann geworden — das wollen wir nebenbei nur bemerken. p , Aber nun geriet Tante Fradel in arge Zwangsttgc, so wie wir - sie kennen. Mehrere Tage ging sie umher, ging mit sich zü*Ratc und war beschwert .Wie hätte sie auch der armen Mutter das. Leid antun können, ihr die schlimme Nachricht zu sagen, zumal ja die alte„Frau in letzter Zeit immer hinfälliger geworden war. Und schließlich kam sie mit sich überein. zu lügen, so schwer es ihr fiel: aber sie vertraute, daß Gott es ihr verzeihen werde um des Guten willen, weshalb sie es tat. Sie ging hin zu Hannchen Lipschitz und las aus dem Brief, den sie ohne Umschlag luitgenommen hatte, vor, was die beruhigen konnte, erfand einen Grund für die Verzögerung und erzählte Dinge, die der Sohn früher auch schon geschrieben hatte Erleichtert und befriedigt hörte die Mutter zu...'. Aber ein Monat ging vorüber, und es war Zeit, daß wieder ein Brief kam; schon hatte die Mutter gemahnt. Da setzte sich Tante Fradel hin und schrieb einen Brief aus Amerika und las ihn darnach der Besorgten vor .Und den nächsten Monat wiederholte sie es. Damit sie es leichter'habe zu antworten, begann sie eines Tages an den fremden Sohn, der nicht mehr lebte, zu schreiben. Und antwortete sich selber als der tote Sohn. So setzte sie es fort eine lange Welle. Aber jetzt fragt ihr. wie das mit dem Geldc geworden sei. das doch kommen mußte. Nun. auch da wußte die, gütige Frau-Rat. Wozu war ihr Mann in der Chewra Kaduscha? Ihm legte sie alles dar, und dort trug er den Sachverhalt vor: und diese harmherzige Vereinigung stellte allmonatlich einen Betrag zur Verfügung, mit dem die geringen Bedürfnisse von Hähnchen Lipschitz befriedigt IffTsTLBE: KT HAI & CO. KAUFINUKKHTBANNB 10 Das Haus für hübsche Geschenke in I hrem Mchmuck »ilberwaren Kultnsgeräte

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