Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 18 (15.9.1938)
- Date
- 1938-09-15
- Page
- Seite 273 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/10638461-6435885-6435912--438-3770953- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern 273 Mit dieser „Grundlegung" hat Gulkowitsch seiner Forschung den eigenen Stempel gegeben. Zwar stellen Vosslers Forschungen auf dem Gebiete der französischen Sprache einen ähnlichen Versuch dar, vielleicht darf man auch Ammanns Arbeiten über die deutsche Sprache damit in Zusammenhang bringen, das grundsätzlich Neue bei Gulkowitsch aber ist, daß ihm Sprachwissenschaft uml Kulturforschung. Sprachphilosophie und Soziologie in großer Zusammenschau untrennbar synthetisch geworden sind. Damit sind bisher klargezogene Grenzen, die bei aller Annäherung der Gebiete streng eingehalten wurden, als unberechtigt, ja als methodisch unhaltbar erwiesen. Der neuen Einheit von Kultur- und Sprachforschung, vielleicht sogar von Geschichte und Philologie ist der Weg geöffnet. Die Auswahl der Einzelforschungen über die „Zentralbegriffe", die im obigen Sinne zu leisten sind, hat nun Gulkowitsch mit der Erforschung des Begriffes „Chassid" eingeleitet. In allen seinen Wandlungen wird dieser Begriff untersucht, da er in besonders demonstrativer Weise alle Seiten der jüdischen Kultur umfaßt oder zumindest berührt. Sein ausgesprochen soziologischer Grundsinn (hierüber „Die Entwicklung des Begriffes Chassid im Alten Testament", Dorpat 1934. und „Die Bildung des Begriffes Chassid, in der Gattung der Ma'asijot. Chassid und Wunder", Dorpat 1935) erschließt das Verständnis der soziologischen Struktur des Judentums, wie darüber hinaus dieser Begriff geeignet ist, an ihm das Problem gesellschaftlicher Phänomene in ihrer Bedeutung für die Geschichte der Kulturen überhaupt zu erfassen. Die jetzt vorliegende Arbeit „Öie Grundgedanken des Chassidismus als Quelle seines Schicksals, ein Beitrag zum Problem Idee und Leben" (Dorpat 1938) Ist der in sich abgeschlossene, erste Teil einer wissenschaftlichen Trilogie über den Chassidismus._ jene von R. IsraeLBa'al Schern Tob ins Leben gerufene, große religiöse Renaissancebewegung des Judentums. Die folgenden Werke „Das kulturhistorische Bild des Chassidismus" (erscheint im Oktober) und „Der Chassidismus als ein kulturphilosopliisches Problem" (im Druck) werden die in der jetzt erschienenen Arbeit aufgeworfenen Problemkreise erschöpfend behandeln. Hier wird nun die Vollendung des Begriffes „Chassid" in seiner abgeschlossenen Form^ als historisches Phänomen dargestellt, und zwar dies in der bis jetzt noch ausstehenden geschichtswissenschaftlichen Deutung, die alle bisherigen Bearbeiter des Chassidismus, wie Gulkowitsch nachweist, unterlassen haben. Die besondere Note dieser Darstellung wird dadurch gewährleistet, daß jeder Blickpunkt auf das Ganze abzielt, wie oben ausgeführt. Es ist also nicht allein der Chassidismus gemeint, sondern in ihm „das Jüdische", sein Schicksal wird nicht behandelt als das Schicksal einer Bewegung, sondern als das Schicksal der jüdischen Idee im Kampfe mit dein Leben überhaupt, sein Wesen wird nicht gedeutet als etwas Zeitgeborenes oder als Schöpfung eines oder einiger großer Geister, sondern als die Explikation eines daseienden, implicite ständig im Judentum geborgenen Inhaltes, der somit das Wesen des Judentums zu kennzeichnen vermag. Wir haben hier zum ersten Male eine Da-stellung der so viel beschriebenen, propagierten oder verketzerten Geistesrichtung, die in leidenschaftsloser, wissenschaftlicher Objektivität den Blick über Einzeldaten und Einzelpersonen auf den großen Bau des Judentums richtet, ein Werk, in dem sich die notwendige Nüclitern-i. heit glücklich mit dem großen Wurf der klaren Zusammenschau paart und sich somit In das Gewand einer Wärme hüllen'darf, die von Erkenntnis ausgeht und nicht von Enthusiasmus, eine Darstellung also, die dattiit die bisher produktivste Bearbeitung dieses Themas ist, selbst wenn nian absieht vom bedeutsamen Rahmen; in welchem dieses Werk nur eine Einzeldarstellung sein will. Die an sich schon große, für das Gesamtjudentum unschätzbare 'Bedeutung des Lehrstuhles für jüdische Wissenschaft an der Dorpater Universität, des ersten und einzigen dieser Art, wird durch die Persönlichkeit des Forschers, der ihn leitet, noch erhöht. Es steht zu erwarten, daß der Lehrstuhl noch weiter ausgebaut wird und sich vielleicht zu einer Akademie für jüdische Wissenschaft erweitert, die für die Zentralisation der jüdisch-wissenschaftlichen Forschungsarbeit eine sichere Grundlage wäre. Die Schaffung einer Halbiahresschrift für jüdische Wissenschaft unter Redaktion von Prof. Gulkowitsch ist geplant und bereits in die Wege geleitet. Zahlreiche Gastvorlesungen und Gastseminare hat Gulkowitsch bereits auf Einladung verschiedener skandinavischer Universitäten abgehalten, wodurch der große Ruf seines Institutes sich noch verstärk' hat. Die jüdische Welt kann hoffen, daß das Institut für jüdische Wissenschaft unter der Leitung dieses Gelehrten, ein Zentrum jüdischer Forschung und Geistespflege werden wird, wozu die Vorbedingungen die denkbar günstigsten sind. W. *i * . ■• '• ■■■■■,''.'.'' ■ - ' ' Der Erbe Davids Von Georg H i rse-h f eld Vorbemerkung: Der erste Abschnitt eines entstehenden Romans ist hier gegeben, der in einer Zeit schwerster PrflfUM einen geschichtlichen Urstoff der Juden aufzuhellen sucht. Dieser Stoff war in der, jüdischen Seele von jeher geborgen und wartet auf befruchtendes Licht. Der Anfang des Romans gibt nicht zufällig keine jüdischen .Gestalten, sondern nur den Feindeskreis der Belagerer Jerusalems um den Despoten und Weltpolitiker Nebukadnezar. In seiner Seele lebt als unbezwingltche Kraft Juda. und aus seiner Seele kommt der geniale Entschluß, die Niedergeworfenen durch die Führung eines Juden neu zu erheben. In dem heidnischen König wirkt wundersam die Macht des Judengottes. Deshalb setzt er als Statthalter Gedalja ein, den Sohn Jerusalems, Der barbarische Weltweise will auch den wahren Propheten, den strafenden Erkenner Jeremias den Juden lassen. Dies die Einleitung des Romans, Jerusalems Fall und neuer Aufstieg. Der eigentliche Held tritt nun hervor: Ismael aus Davids Geschlecht, in neuer Beleuchtung, wertvoll gerade un>Heutigen. Er ringt mit Gedalja, dem aufrechten Soldaten, der nur seine Pflicht kennt, um Zion. Er ist nicht der tückische Mörder aus der spärlichen Quelle der Bibel, sondern es ruft-uns, seine Tragödie aufzuzeigen, die Tragödie des letzten Königserben, des Spätlings, der an großen Träumen zerschellt und die selbstlöse Reinheit Gcdaljas verkennend den Retter als Verräter Zions tötet. Georg Hirse Ii fei d. Vor dem Königszelt schritten die Chaldäer der Leibwache. Grau funkelnde Panzer schirmten die Riesengestalten, Mit geheimnisvoller Gemessenheit kamen sie? initiier wieder über den Platz und rammten, wenn sie sich trafen, ihre Lanzen ein. Es war die Losung im Feldlager: Wachet über Nebukadnezar, Doch in die blaue Stille drang Roßgestampf. Eni Reiter näherte sich um diese Stunde noch dem Königszelte. Hie Wachen senkten die Lanzen. Der Reiter, der in einen dunklen Mantel gehüllt war, stieg vom Roß. Ihm öffnete sich das Zelt. Er trat in das Heiligtum Babylons. Jetzt blickten die Wachen einander an. „Nebusarraddon?" „Der Oberst." „Gibt es endlich Sturm?" —r Im Vorraum des Zeltes stand Nebukadnezars Vertrauter, aber er ging nicht weiter. Er wußte, wer ihn hier empfangen würde. Es war das einzige Weib im Feldlager. Keines sonst begleitete den König. Surniith von Susa konnte er nicht entbehren. Die Soldaten fühlten sie njeht als Weib, seitdem sie sicli vor den König geworfen und die Dolche persischer Verseilwörer aufgefangen, hatte. Sie gehörte zu den Knaben, obwohl ihr edler Wuchs den Frauenrock trug. . . , Schon trat Surniith zu Nebusarraddon. __JciiJühre Dich zum Königin_____________ ______. „Wohl. Tch bin bereit." „Der König leidet!" „Die alte Plage?" „Ohne Wahn! Ich bin bei ihm. den Arzt begehrt er nicht!" „Weshalb den Obersten der Leibwache?" Sie antwortete nicht und trat mit Nebusarraddon vor den König. Der Oberst wollte sich zu Boden werfen, doch ein Wink beschied ihn auf das Löwenfell neben dem Herrn. Surniith verschwand. „Ich kam zum Entschluß." j „Begnade mich mit Deinem Willen. Herr." „Wie steht es draußen?" „Alles ruht und wartet." „Beten die Juden?" " ,' \ - •- ' „Ihr Schicksal erfüllt sich." u „Mond um Mond liegenwir vor Jerusalem." „Es wird bald zu Deinen Füßen liegen." „So will es die Notwendigkeit. So lange dieses Volk lebt, trotzt es. Es bückt sich, wenn es vor mir steht, und fällt mir in den Rücken, wenn ich es hinter mir lasse." „Unbelehrbar sind sie." „Doch ein Baum In seinem Holz. Nur der Besitzer fault. Sie haben keinen Herrn. Zedekias äfft den Schatten Davids und verliert den Tempel Salomos> ohne ihn besessen zu haben." „Du vollziehst sein Los." Der König schwieg. Nebusarraddon wartete. . \ \