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Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg · 1938-09-15 · 18 (15.9.1938) · p. Seite 272

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
Volume
14 (Ausgabe A) (1938)
Issue
18 (15.9.1938)
Date
1938-09-15
Page
Seite 272 (sequence 6)
Language
German
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ideblattfür den Verband der Kultusgemeinden in Bayern Nr. 18 Wegen Geschäftsübergabe nur noch bis 1. Oktober Moderne Coudiestoffe, bedruckte Leinen und , Cretonne,Tischdecken, Kissenplatten, Matratzendrelle, preiswerte Qualitätswaren M. & L. Bach ■ efllU ■ Buttermelcnerstrafje 1 / Fernsprecher 27559 Der Lehrstuhl für jüdische Wissenschaff an der Universität Tartu (Dorpat) Zu den Forschung en von L a z a r G Ii I k o w i t s c h Es, ist noch wenig bekannt, daß an der estnischen Staatsuniversität zu Tartu (früher Dorpat oder Jurjew genannt) seit dem Jahre 1934 ein ordentlicher Lehrstuhl für jüdische Wissenschaft besteht. Die Universität Tartu wurde 1635 durch den Schwedenkönig Gustav Adolf begründet und war im alten russischen Reiche eine der bedeutendsten Hochschulen. An ihr wurde auch in deutscher Sprache gelehrt,'die Universitätsbibliothek, die mit ihren rund 750flOO\ Bänden die größte Osteuropas ist. ist größtenteils deutschsprachlich. Seit der Begründung des estnischen Staates ist die Universität Tartu das kulturelle Zentrum des gesamten Baltikums und hat demgemäß eine noch größere Bedeutung erlangt. Hier in Tartu gelang es mm der unermüdlichen Arbeit eines Mäzens, des» dortigen Apothekers Blumemeld, die maßgebenden Kreise für die Schaffung eines Lehrstuhles für jüdische Wissenschaft zu interessieren. Nach umfangreichen organisatorischen Vorarbeiten wurde im Jahre 1934 das „Institut für jüdische Wissenschaft an der Universität Tartu" durch .Erlaß des estnischen Kultusministeriums geschaffen. Das Institut umfaßt den'eigentliclten Lehrstuhl für jüdische Wissenschaft, der alle akademischen Rechte genießt, ferner ein Forschungsinstitut. Beide, Lehrstuhl und Forschungsinstitut, stehen unter der Leitung von Professor Dr. Dr. Lazar Gulkowitsch, der bei Gründung des Institutes vom Senat der Universität aus Leipzig als ordentlicher Ptofesspr berufen wurde. Prof. Gulkowitscli hat einen in vieler Hinsicht seltenen Werdegang. Als Sohn einer litauischen Tahuudistenfamilie und Nachkomme bedeutender Rabbinen kam er schon als Kind auf die bekannte Jeschiwa zu Mir (heute Polen), die'seit Schließung der Woloscliiner Jeschiwa die größte der Judenheit ist. Nebenbei aber bereitet er sich aui die Gyinnasialprüfungen vor, tritt dann auch in ein russisches Gymnasium ein. wobei er jedoch ständig sein Hauptinteresse dem Studium jüdixclien Wissensgutes zuwendet. Sein Lehrer war in dieser Zeit ein Cliässid, der ein ebenso glühender Talmudisi wie tiefer Kenner der chassidischen Gedankenwelt war. eine in Litauen nicht seltene Erscheinung. Vielleicht hat dieser Lehrer den entscheidensten Einfluß auf ihn gehabt, wenn sich dies auch erst viel später äußern sollte. Nach Abschluß seiner Gymnasialzeit wendet sich der junge Gulkowitscli nach Königsberg, wo er Medizin. Philosophie und Philologie] studiert, im Jahre 1922 promoviert er zum Dr. phil., Seil IS45 5amt; Seide u. Wolle geschmackvoll, haltbar u;' preiswert bei HAI M Ä N N am Schillerdenkmal .kurz darauf ist er auch Dr. med., seine medizinische Dissertation über den Blutdruck in den Arterien des Augeninneren erregt großes Aufsehen und wird in der Reihe der „Veröffentlichungen der Königsberger Gelehrten Gesellschaft" publiziert,. Dennoch bleibt sein Haupttätigkeitsfeld Philologie und Philosophie. Prof. Lohr, das bekannte Königsberger Original, mit dem Gulkowitsch zusammenarbeitet, legt ihm nahe, sich der philosophisch-akademischen Laufbahn zuzuwenden. Schon damals werden in Fachkreisen die verschiedenen Veröffentlichungen und Beiträge des jungen Gelehrten, insbesondere die philologischen, sehr aufmerksam verfolgt. Bald wird er als Leiter der nachbiblfschen Abteilung für spätjüdische Wissenschaft und Nachfolger von Prof. Kahan an die Universität Leipzig berufen, wo er sich gleichzeitig als Dozent an der philosophischen Fakultät habilitiert und auch am Forschungsinstitut für vergleichende1 Religionsgeschichte arbeitet Seine Habilitationsschrift „Der Chassidismus" erscheint im Jahre 1927. Nach vierjähriger Tätigkeit wird Gulkowitsch Zum Professor an der philosophischen Fakultät ernannt. Bald hat er, als jüngster Leipziger Professor, einen großen Kreis junger Wissenschaftler um sich geschart, die ihm später z. T. sogar nach Dorpat folgen sollten. Viele dieser Schüler von Prot Gulkowitsch sind heute bereits selbst schon Dozenten und Professoren an deutschen und ausländischen Universitäten. Die in jener Zeit durch Gulkowitsch angeregten und z.T. von ihm mitredigierten Veröffentlichungen dieses Kreises fanden größte Beachtung. In Leipzig arbeitet Professor Gulkowitsch an seiner neuen, bahnbrechenden Methode, die an dieser Stelle nur ganz kurz skizziert werden soll. Gulkowitsch geht von der Sprache aus. Diese wird aber nicht nur, wie bisher, als „Form" und „Ausdruck" bewertet, sondern als E i n h e i t von Inhalt und Form erfaßt. Das bedeutet, beide Komponenten, Inhalt und Form, werden, um zum eigentlichen Wesen der Sprache vorzustoßen, niemals isoliert untersucht, sondern stets nur in ihren Wechselbeziehungen. Unter „Sprachinhalt" versteht G. das Gesamt derjenigen Kultur oder besser „Kultureinheit", die in der zu untersuchenden Sprache ihren „genuinen" Ausdruck findet. Somit wird die Sprache zum zuverlässigsten Quellenmaterial für die Kulturforschung, an welchem sich spezifische Kultureigenarten, Kulturentwicklungen, Überfremdungen und andere Beziehungen zu sonstigen Kultureinheiten untrüglich ablesen lassen., Sprachforschung, in diesem Sinne betrieben, geht naturgemäß weit über das rein Philologische hinaus, wenn sie auch an strengste philologische Exaktheit gebunden ist.' Ihre Aufgabe ist vielmehr, an Hand einer bestimmten Kultur und ihrem sprachlichen Ausdruck das Phänomen Sprache überhaupt und"das Phänomen Kultur überhaupt zu erfassen. Notwendigerweise muß sich die Forschung, gemäß der Eigengesetzlichkeit jeder Kultureinheit, auf eine Sprache und eine Kultur beschränken. Die Ergebnisse dieser Forschung jedoch werden der allgemeinen Sprach- und Kulturforschung nutzbar, weil sie die Prinzipien aufhellt, nach denen Sprach- und Kulturentwicklungen erfaßt werden müssen, und weil darüber hinaus diejenigen Faktoren erkannt werden, die das Phänomen der Sprache und das Phänomen der Kultur allerorts bedingen. Die formal-sprachliche Grundlegung dieser Methode erfolgte in dem 1931 in Leipzig erschienenen Werke „Die Bildung von Abstraktbegriffen in der hebräischen Sprache". Dort weist Gulkowitsch nach, daß die hebräische Sprache, entsprechend der Geschichte der hebräischen Kultur,'eine kontinuierliche Entwicklung durchlaufen hat. Die zweite Seite dieser Forschungsarbeit-"liun, die inhaltlich-kulturelle, erfährt durch ihn in seinem Werke „Zur Grundlegung einer begriffsgeschichtlichen Methode in der Sprachwissenschaft" (Dorpat 1937) eine genial konzipierte und genial durchgeführte Lösung^.Gulkowitsch weist nach, daß eine fruchtbare Erforschung des Kulturphänomens Judentum — denn dieses und die semitischen Sprachen andererseits sind ja sein Forschungsmaterial "zur Durchleuchtung der Kulturgeschichtsprobleme überhaupt — nur dann möglich sei, wenn man eine genügende Anzahl von „Zentralbegriffen" dieser Kultur in ihrer Entwicklung untersucht habe. Unter „Zentralbegriffen" versteht Gulkowitsch diejenigen Begriffe, deren Bedeutungsumfang und deren "Bedeutungsspanne die Hauptinhalte der „genuinen", d. h. der spezifischen, zentralen und vor allem unverlierbaren Kulturwerte umfaßt. Sind genügend solcher Begriffe erforscht, so wird man ein Bild gewonnen haben, das als Prototyp des Bildes der Geschichte überhaupt dienen kann: die organische Einheit von Volk (als dem normalen Träger einer KiÜtur, in höherem Sinne also als der normalen „Kultureinheit"), VonlKultur (im inhaltlichen Bezüge) und von Sprache (als der "einzig untrüglichen Quelle des Unzerstörbaren, „Genuinen") wird damit begrifflich geworden sein! n

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