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Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg · 1938-09-15 · 18 (15.9.1938) · p. Seite 271

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
Volume
14 (Ausgabe A) (1938)
Issue
18 (15.9.1938)
Date
1938-09-15
Page
Seite 271 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern 271 flehend vor die Füße, und bat ihn. ihm seine Sünden, die er begangen, zu verzeihen. Jedoch sein Vater erkannte ihn nicht, denn gar sehr hatte sich sein Aussehen verändert. Da begann der Sohn mit bitterer Stimme zu schreien: „Vater, mein Vater, wenn Du auch mein Gesicht nicht mehr kennst, erkennst Du denn nicht meine Stimme? Meine Stimme wenigstens ist doch nicht anders geworden!" Da erkannte ihn der König, sein Vater, erbarmte sich über ihn und nahm ihn wieder in sein Haus auf. — So ist es auch mit' uns. Söhne sind wir dem Ewigen, unserem G'tte, dem Könige aller Könige, dem Heiligen, gelobt sei Er, er liebte uns, wollte uns wohl, erhob uns aus alren Völkern, führte uns unter den Trauhimmel, und gab uns seine heilige Lehre, die Thora, die den Menschen lehrt, auf graden Wegen zu wandeln. Wir aber wichen vom Weg, den Er uns gebahnt, gingen ab von seinen Geboten und Gesetzen, den guten, und wurden von unserem Lande Verstößen. Und unsere Schuld hat uns so gewandelt, daß unser Aussehen sich veränderte und all' unser Glanz in Verderben sich kehrte. Und jetzt, angesichts der heiligen Tage, haben wir unsere Taten bereut, wollen umkehren zu unserem Vater im Himmel und schreien zu Ihm empor: „Höre unsere Stimme", wenn Du unser Antlitz schon nicht kennst, so erkenne doch unsere Stimme, denn wir sind es, Deine Söhne, „schon uns- und erbarme Dich unser, und nimm entgegen in Erbarmen und Gnade unser Gebet!" (Anm.: Der durch das Gleichnis interpretierte Vers lautet: „Höre unsere Stimme, Ewiger, unser G'tt, schone und erbarme Dich unser und nimm entgegen in Erbarmen und Gnade unser Gebet!". Dieser Vers wird während der S'lichoth-Tage vom Vorbeter laut vorgetragen und von der Gemeinde wiederholt und ist für die Slichoth-Tage kennzeichnend.) \ Kenntnis unserer alten großen Kultur tut not Wie oft ist in diesen Blättern wiederholt worden, daß nur ein vertieftes, jüdisches Wissen, die volle Kenntnis unserer uralten Kultur, unsfTn de/f)gegenwärtigen Lage * eine gewisse AusgegHcheiAeit-^nd- Ruhe Jieben kann. Ohne dieses Wissen "muß das^uns auferlegte Schicksal eines Sinnes entbehren und uns' in eine freudlose Melancholie hineintreiben. Im letzten Heft der Monatsschrift „Der Morgen" bringt Emanuel bin Gorion unter dem Ti{el „Wissen ist Trost" zu dem Thema eine <. Glosse, die wir im Nachstehenden wiedergeben. Der Jude, der an der europäischen Kultur gebildet whrde, sich irgendwelcher Isolation lebenslang nicht bewußt war und unvermutet erfährt, daß er ohne Heimat ist — woran soll sein Geist sich klammern? " Die Spur der Jahrtausende, die sein Stamm schon fern dem Mutterboden weilt, vermag der späte Erbe in sich nicht mehr zu tilgen; er konnte sich vielleicht noch zum Weltbürger vorentwickeln — in die verlassene Schale zurückzükriechen, vermag er nicht mehr. Die Religion hat aufgehört, ihn zu wärmen; die Norm hat er abgestreift mit allem Mittelalter, die Symbole haben ihre magische Wirkung für ihn verloren; vielleicht ist er schon, mit Spinoza aus der Synagoge herausgeschritten; er kann nur noch zweifeln und grübeln, der Glaube ist ihm abhanden gekommen. Es fehlt nicht an Vorwürfen, vielleicht auch nicht an Selbstvorwürfen — nun, nachdem man, in des Weges schönster Mitte, plötzlich im finstersten Dickicht sich findet. Ketzer, Abtrünniger, Renegat. Assimilant — so ruft es um ihn und in ihm — du hast deinen Weinberg im Stiche gelassen, und nun bist du selber verstoßen und ausgesetzt. Das beiseitegeschobene Bekenntnis und das verleugnete Volkstum, beide bieten sich ihm verzeihend an. Aber ist es Trotz, ist es Scham — oder gar das Gefühl, das Rätsel, an dessen Vorhandensein man nicht geglaubt hat, könne nur, da es entdeckt ist. nicht so schnell, nicht so einfach und nicht so glatt gelöst werden: mancher, wenn er nun auf einmal dem Anruf seiner Brüder im Glauben und Blut gehorchte, käme sich wie ein Heuchler vor, wie ein Nutznießer der Gelegenheit. Wie also soll er wirklich leben, wofür wirken und wovon sich tragen lassen? Europa ist seine Amme gewesen; sein Lebtag hat er um den Unterschied iwischen Milchsohnschaft und Blittsohnschaft nicht gewußt; und nun auf einmal muß er die Ziehmutter verlassen. Da er ihr Dank schuldig ist, ist er ihr auch Gehorsam schuldig, und, statt mit ihr zu rechten, wird er auch noch in ihrem Bannspruch" den Spruch des Schicksals vernehmen und sich fügen lernen ohne Bitterkeit? Aber so gelassen er das- Unglück tragen mag. irgend- Ein neuer aktueller Palastina-Tonfilm des Keren Kajemeth Lejisrael (Bilder aus dem Leben und Kampf des Jischuw in den Städten und Siedlungen) Aufführungen in München , im 1 tus Saal, PlinganserstraBe 76 Samstag, den 17. September, 20 Uhr 30 Ansprache: Dr. A. Perlmutter Sonntag, den 18. September, 20 Uhr 30 Ansprache: Max Weiner V Karten xu —.90 und 1.20 Im Vorverkauf (bi* Freilag, den 16. Sept.) im Büro des Zionistischen Orlsverbondes, Schlosserstrohe 2. Tel. 53052, und an den Abendkassen. Eintritt nur gegen gültige Mitgliedskarlen des Jod. Kulturbundes, des Reichsverbandes Jüdischer Kulturbünde, des Zionistischen Ortsverbnndes oder seien besonderen an der Abendkasse erhältlichen Filmauswels (20 Pfg. - Gültig für alle Filmveranstaltungen 1938). ein Trost muß ihm gereicht werden, wohlgemerkt: ein Trost nicht sentimentaler, sondern geistiger Natur. Dem Dichter gab ein Gott zu sagen, was er leidet; der Mensch in seiner Oual verstummt, weil er nicht weiß, warum er leidet. Hier ist die Wurzel der Tragik des Weltjuden von heute: er begreift nicht, warum ihm geschieht, was ihm geschieht. Der Jdde der alten Zeit überwand die Schrekken der Zeit, denn er sagte sich: Gott hat uns für unsere Sünden gestraft. Wo findet der heutige eine Erklärung für das. was ihm widerfährt, ohne daß er sich von dem loszusagen braucht, was ihm so lange Ersatz für alle Tradition gewesen ist: die schönen Künste, die Wissenschaft? Er braucht sich keineswegs des Vorrats der geschaffenen Geistigkeit zu entschlagen; im Gegenteil er hat ihn nur noch aufmerksamer, noch gründlicher eu studieren. Dann wird ihm, zu seiner Beschämung, etwas aufgehen: nämlich daß die Großen aller Zeiten auch ihren Durst erst einmal haben stillen müssen, bevor sie selber zu Brunnen und Quellbrunnen wurden, und daß wohl jeder von ihnen seinen ersten Trunk aus der Bibel getan hat. Dante, Shakespeare und.Goetlie —: ihr Werk ist die Summe allen Gefühls, aller Handlutrg und aller Erkenntnis; aber du, Jude, der du in, mit und von ihnen lebst, darfst es dir nicht daran genug sein lassen, daß du für jede Lebenslage eines von ihren geflügelten Worten zu Hand hast — dich verpflichtet deine Herkunft dazu, daß die von dir verehrten Meister dich nicht übertreffen dürfen an Kenntnis deiner selbst, deines Stammes und deiner alten Kultur. Der aufgeklärte Israelit, der den Faust auswendig kannte und nicht wußte, daß es ein Buch tiiobvgibt, — dieser Typus ist nicht Erfindung eines Satirikers, sondern eine Massenerscheinung gewesen, vielleicht gar: geblieben. Nicht darum etwa geht.es: nur einen dummen Stolz heranzuzüchtcu. daß wir, dals^heißt: unsere Ahnen, sozusagen der Anfang von allem, gewesen sind, — sondern um die Verpflichtung zum reinen, nüchternen, positiven Wissen. MAGISTER KIRSCH ~ dar fjuta Likör, Mag War München VII Stadttillale HochbrUckenstr. 14, Eck« Herrnstr.

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