Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 17 (1.9.1938)
- Date
- 1938-09-01
- Page
- Seite 256 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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256 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern Achtuna! Am Sonnabend und Sonntag, den 17. und 18. September 1938 f 20 Uhr 30, im Jtus-Saal, Plinganserstraße 76 w ■ l Erstaufführung für Deutschland (gleichzeitig mit Berlin) des neuen Palästina*Tonfilms Vor.nze.ge! DER NEUE WEG * Beginn des Vorverkaufs am Freitag, den 9. September im Büro des Zionistischen Ortsverbandes, Schlosserstraße 2/1. Telefon 53052. .6. Zahl- und Maaß-Verhältnisse. Rechnen aus dem Kopfe und an der Tafel. Ks sind nun bereits fünf Viertel Jahre verflossen, seit dem wir unternommen haben, die hiesige jüd. Jugend, sowohl in hebräischen als deuHschen Elementar-Gegenständen zu unterrichten, und wagen es nun, auf allergnädigste Erlaubniß, am 26,en August Vormittags um 8 Uhr, in der männlichen Feyertagsschule eine öffentliche Prüfung vorzunehmen, wozu wir alle hohen Gönner, Schulfreunde und Aeltern höflichst einladen. Wir schmeicheln uns keineswegs bey dieser Gelegenheit glänzenden Beyfatl einzuärndten; vielmehr wissen wir im Voraus, daß jeder Sachverständige so manches auszusetzen finden wird, und halten es daher nicht für unzweckmäßig, einen Blick auf das Beginnen dieser kleinen Schule, und auf den inneren Zustand derselben zu werfen, um desto vertrauungsvoller auf gütige und schonende Nachsicht Anspruch machen zu können, wenn uns das Unternehmen bis jetzt nicht so gelungen ist, wie wir es wünschten. Das milde Urtheil. daß wir das leisten, was wir konnten, wird uns als hinlänglicher Ersatz für das unangenehme Bewußtseyn dienen, niöht das geleistet zu haben, was wir wollten. Der allergnädigsten Erlaubniß ungeachtet, vermög welcher der Jugend unserer Glaubensgenossen die Theilnahme an dem Unterrichte in den hiesigen königl. Schulen nicht nur gestattet, sondern sogar zur Pflicht gemacht wurde, hatte dennoch, da sich diese Theilnahme doch nicht auf den heiligsten und wichtigsten Gegenstand Religion und ihre unzertrennliche Gefährtinn Sittenlehre erstrecken konnte, (weswegen auch nur sehr wenige Gebrauch von dieser Wohlthat machten) ein so wesentlicher Mangel an Bildung Statt, daß wir unmöglich gleichgültige Zuschauer bleiben konnten. Es würde uns zu weit führen, hier den ehemaligen Zustand der hiesigen jüdischen Jugendbildung zu schildern. Genug, die Klagen mehrerer diesen Mangel fühlenden Aeltern gieugen uns zu nahe,' als daß wir demselben nicht nach unsern Kräften, so viel wie möglich, abzuhelfen wünschen sollten. Angefeuert von dem innigsten Wunsche, aufgemuntert durch das Zureden und die willige Handbietung einiger Hausväter, entschlossen wir uns. die hiesige jüdische Jugend gemeinschäftlich zu unterrichten, und die hebräischen mit den deutschen Gegenständen so erä als möglich zu verbinden. Hinwegblickend über so viele Hindernisse, welche wir während dieser Zeit zu bekämpfen hatten, mietheten wir Schulzimmer, verschaffen uns den unentbehrlichsten Schul-Apparat, (alles auf eigene Kosten) ^ind eröffneten im May verflossenen Jahres unsere kleine Schule, mit 14 Kindern, unter denen, sowohl von Seiten des Alters, als von Seiten der Fähigkeiten und Fertigkeiten die auffallendste Verschiedenheit herrschte. Um uns aber zu dem wichtigen Ber.ufsgeschäfte mehr auszubilden, und den Forderungen des Lehrplans mehr Genüge leisten zu können, besuchte einer von uns zu gleicher Zeit, in den Nachmittagsstunden, das königliche Schuliehrer-Institut, während welcher Zeit der Unterricht dem andern allein oblag. Ohne fernere Leitung, ohne Aufsicht, einzig und allein von der reinen Absicht, Herz und Geist unserer Schüler zu bilden geleitet, arbeiteten wir nun seit dieser Zeit. Reine Begriffe von Gott, Religion und Sittlichkeit unter sie zu verbreiten, allgemeine Menschenliebe, Liebe zum Vaterlande, und zur Erfüllung bürgerlicher Pflichten in ihr Herz zu pflaftzen, und so einst nützliche, brauchbare Mitglieder des Staates heranwachsen zu sehen ist unser Hauptendzweck. Wird diese Schule von den äußeren Umständen begünstiget, bekömmt sie ein blühendren Zustand, so schmeicheln wir uns. die gehörigen Mittel anzuwenden, um denselben mit der Zeit zu erreichen. M. & J. AMBRUNN München, Theetinerttrerje 17/1 Telefon 12046 Elegante Herrenschneiderei und Tuchhandlung Anfertigung mitgebrachter Stoffe zu zivilen Preisen, Tafelgerät und Schmuck Vornehme Geschenke M. T. Wetzlar, Sittlichen MaximilianstraQe 2 Levinger Zigarren haben ihre Stammkunden! S. LEVINGER, Bayarstr.21 im Hotel Rheinischer Hol Gegr. 1886 Fernsprecher 54897 Die beiden soeben wiedergegeben Dokumente sprechen eine beredte Sprache. Vollkommen schweigen sie über die Persönlichkeit und Herkunft der beiden Lehrer, von denen auch sonst keine Spur zu finden ist. Wir wissen auch vorläufig nichts über das weitere Schicksal der im Mai 1807 errichteten Schule. Die Schülerzahl betrug 15 ordentliche und 5 außerordentliche Schüler. Eine von Dingfelder in' der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung 1927, Nr. 12, erwähnte Privatschulehat 1815 mit 19 Schülern begonnen. Die Seelenzahl der Münchener Judenschaft betrug im Jahre 1802 insgesamt 300 und war 18M712 auf 380 gestiegen: wir dürfen also für 1808 mit schätzungsweise 350 jüdischen Einwohnern in München rechnen. Unbekannt ist, wie groß die Zahl der Schulpflichtigen war und welchen Anteil davon die 20 die Elementarschule von 1807 "besuchenden Kinder ausmachen. Die vier Kinder der 1. Klasse waren 5—6 Jahre alt, die sechs der 2. Klasse 6—10 Jahre und die vier der 3. Klasse 8—11 Jahre. Unter den Namen der Schüler verdient der des damals sechsjährigen Julius Uhlfeider unsere besondere Aufmerksamkeit. Julius Uhlfelder ist der am 16. Januar 1802 in Würzburg.geborene Julius Jolsohn, unter dem Namen Friedrich Julius Stahl berühmt. Abraham Uhlfelder, sein Großvater, der Vorsteher der Münchener Gemeinde, war laut der „Münchener Judenbeschrefbung von 1805" 58 Jahre alt, 1808 also 61 Jahre. Schon im Jahre 1805 lebte bei ihm — wie jenes Verzeichnis beweist — „Jolsohn aus Würzburg, 24 Jahre alt, dessen verstorbene Aeltern hatten in Würzburg den Schutz". Er wohnte, schon zwei Jahre bei seinem Schwiegervater, lebte in dessen Haus und betrieb mit ihm gemeinsam Handel in Grundstücken. Wechseln, Juwelen und Galanteriewaren. Im erwähnten Register steht weiter: „Seine Frau heißt Bella, hat einen Knaben Joll, 3jährigen Alters.'.' Es ist kein Zweifel, daß dies der spätere Stahl ist. Uber seine Herkunft und Jugend he Meinen zahlreiche Biographien eingehend; aber selbst die von Gerhard Masür (Friedrich lulius Stahl: Berlin 1930) weiß von der Erziehung des Kindes nicht mehr zu sagen als: „Sehr jung noch wurde es schon in der hebräischen Sprache und im jüdischen Kultus unterwiesen." Sowohl - Oskar Voigt in seiner Dissertation „Werdegang und Wirksamkeit Friedrich Julius Stahls in Bayern bis zu seiner Berufung nach Berlin 1840" (Macburg, 1919; ungedruckt) als auch Ernst Salzer, „Neue Briefe Friedrich Julius Stahls" (in „Deutsche Rundschau 1914) stellen fest, daß Stahls Vater immer den Doppelnamen Jolsohn-Uhlfelder benutzt hat; über Julius' Schulbesuch vor seinem Eintritt in das Münchener Wilhelms-Gymnasium sind auch sie völlig . uniformiert. Bezeichnend ist der Beifall, den das „Intelligenzblatt" der jungeq Schule und ihrer Arbeit spendet. Das Blatt gält zu seiner Zeit in seine/klugen Mäßigung und in seinem aufgeklärten Fortschrittsglauben als eines der maJ^ebendstea^BlättejLtvgLdarüber Döberl in der Allgem. Ztg.~fÖ0"3).5eine Haltung in der gesamten damaligen Staats- und Kultur-Politik spiegelte die des Kabinettes Montgelas (vgl. Johann Schmid, Die bayerische Judenpolitik unter dem Ministerium Montgelas, Nürnberg 1920) getreulich wieder. Darum verdient jener Aufsatz von 1808 sowie die „Einladung", die uns von der ersten jüdischen Schule in München Kenntnis gibt, unsere besondere Aufmerksamkeit. Hans Lamm. -S i