Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg · 1938-08-15 · 16 (15.8.1938) · p. Seite 242

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
Volume
14 (Ausgabe A) (1938)
Issue
16 (15.8.1938)
Date
1938-08-15
Page
Seite 242 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/10638461-6435885-6435909--405-3770922
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

242 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern Nr. 16 Günstige Gelegenheit für Auswanderer Reine Seide-DamenstrUmpfe II. Wahl RM. -.95 und 1.95 *^S& Herren-Socken aus Flor u. Wolle kurz u.3, lang, &tlf ohne Sockenhalter zu tragen Der ^ä^rumpfladen Hoh.n,oM.,„.t, Max Schoenemann ^^■^^ Eck« Wilhalmttr. Schw»nthal«ram Stachua BayeratraBa 1 atrafa 188 \ meiner Kollegen und mit mindestens ebenso vielen Gymnasiallehrern und -lehrerinnen, katholischen und evangelischen Geistlichen, Ärzten und Rechtsanwälten zusammen gewesen; ich habe mit Rabbinern aller Richtungen (außer den streng orthodoxen, die an der Westküste selten sind), mit den Leitern der jüdischen Wohlfahrtsorganisationen, und mit jüdischen und nichtjüdischen Geschäftsleuten gesprochen. Trotzdem kann auch ich das Bekenntnis, vön einem vollen Verständnis Amerikas noch weit entfernt zu sein.smit vollster Uberzeugung ablegen. Aber immerhin kann man sich von Kalifornien aus noch am ehesten ein Urteil über manche Grundtatsachen des amerikanischen Lebens luldeu-—— Kaliforniens moderne Geschichte begann mit der Entdeckung der Goldlager im Jahre 1848. Der „gold rush" brachte die Einwanderer aus allen Teilen der Union an die pazifische Küste und ihre Nachkommen, vermehrt durch neue Wanderungswellen, sind im wesentlichen die Kalifornier von heute: nur ein unbedeutender Bruchteil stammt von alten spanischen Familien oder von den wenigen amerikanischen, russischen und britischen Einwanderern, die vor der Goldentdeckung da waren. Daher bildet Kalifornien ein verhältnismäßig zuverlässiges Bild aller politischen und gesellschaftlichen Kräfte, die in den Vereinigten Staaten lebendig sind, eine Art soziologischen Querschnitts durch die Union. Freilich, ganz zuverlässig ist das Bild nicht, weil die Menschen, die anderswoher kamen, von dem Einfluß des Landes und von der Mischung selbst nicht unberührt blieben. Besonders die FormeHstrenge Neu-Englands fand im Fernen Westen keinen Kiiten Boden, und wenigstens San Franzisco selbst ist vom neuenglischen PuritanfSimts nie erobert worden. Die Leichtlebigkeit, der Optimismus, die Toleranz sind hier größer als im Osten, wobei man vielleicht In mancher Hinsicht New York vom Osten ausnehmen muß. Den Unterschied der' Westküste von* Mittel-" Westen, dem Kemgebiet Amerikas, zu definieren, traue ich mir noch nicht zu: nur das eine ist klar, daß der Mittelwesten weniger Internationale Interessen (wirtschaftliche wie geistige) hat als die beiden Küsten. Der Süden, wirtschaftlich rückständig — trotz starker Entwicklung seit Kriegsende —. kulturell und politisch höchst konservativ, an der ungelösten Negerfrage leidend, noch schwerer geplagt von der Erinnerung an die Niederlage im Bürgerkrieg und ihre politischen und wirtschaftlichen Folgen, ist von der Westküste ebenso verschieden wie von Chicago, New York oder Boston: höchstens die größere Leichtigkeit des Lebens, die sich in Städten wie New Orleans trotz aller ungelösten Probleme und allen Ressentiments zeigen soll, mag manche Verwandtschaft mit dem Fernen Westen haben. Bedingungen der geistigen Einordnung Aus. alledem ergibt sich für den Einwanderer nach Amerika, daß er auch in geistigen Dingen — für praktische sollte es selbstverständlich sein — mit sehr verschiedenen Bedingungen zu rechnen hat, je nach dein Teil der Union, in den er Kommt. Aber es gibt ein paar allgemeine Feststellungen, die für manchen'Teil der Union, richtiger als für den anderen, aber für keinen falsch sind. 1. Der Geist Amerikas wird vom Mittelstand bestimmt, .zu dem. materiell wie psychologisch, ein erheblicher Teil der gekernten . Arbeiter gehören. Schon zahlenmäßig ist dieser Mittelstand größer als in den meisten anderen Ländern; an Einfluß übertrifft er bei weitem die reiche wie die proletarische Schicht. 2. Trotz aller .Verschiedenheit der Herkunft ist dieser Mittelstand in seiner Lebensautfassung wesentlich.englisch; die Assimilationskraft des Angelsachsentums auf dem amerikanischen Kontinent, verstärkt durch ein dichtmaschiges Netz von MAGISTER KIRSCH dargute Likör, Magl st er München VII Stadrflllale HochbrUckenstr. 14, Eck« Herrnstr. Schulen. Volksbibliotheken und Einrichtungen der Erwachsenenbildung, hat Wunder getan. Gewiß will man die Unabhängigkeit von England deutlich unterstreichen, und Mißtrauen gegen England ist durchaus häufig, aber das wird mehr als Meinungsverschiedenheit zwischen Familienmitgliedern empfunden. Im Grunde betrachtet man die englische Geschichte als einen Teil der eigenen, die englische Kultur als die Grundlage der eigenen, und sieht Europa wesentlich durch englische Augen. Das gilt für die Nachkommen polnischer Juden nicht weniger als für die von Deutschen, Skandinaviern und Franzosen. Im Westen fängt es sogar an, für die zweite Generation von Japanern und Chinesen zu gelten. 3. Englisch ist am Amerikaner vor allem die Bereitschaft zum Kompromiß, in privaten wie in öffentlichen Dingen. Dieser englischen Tendenz zum Kompromiß wirkt entgegen, .daß der Amerikaner eine starke Neigung hat, Dinge zu Ende zu de n k e n. dabei die Voraussetzungen entgegen der Wirklichkeit zu vereinfacben, und dann ohne viel Tiedenken praktische Folgerungen zu ziehen. Die amerikanische Politik der letzten Jahrzehnte bietet viele Beispiele. Rückschläge entmutigen ihn nicht leicht; der Mensch kann sein Schicksal gestalten, also versucht in.ui es eben mit einem anderen Weg, wenn der eine nicht zum Ziele geführt hat. _t.-_______ Dieser Optimismus der Tat bedingt nicht notwendig eine individualistische Einstellung; mehr und mehr bricht die Auffassung durch, daß viele Probleme vom Einzelnen nicht lösbar sind; aber dann kann eben die Gruppe oder die Nation sie lösen. 4. Wenn sich politische oder soziale Schwierigkeiten zeigen, so ist der Amerikaner geneigt, sie in der „wickedness" von Personen zu suchen. Wickedness ist unübersetzbar, es bedeutet mehr als Schuld und weniger als Verworfenheit. Diese Tendenz. Individuen für soziale Übel zur Rechenschaft zu ziehen, auch wo diese Übel aus geschichtlichen Verhältnissen herausgewachsen sind, steht im Widerspruch zu dem humanitären Optimismus des Amerikaners: dem Glauben, daß der Mench von Natur aus gut ist, daß er durch vernünftige Belehrung und fairness der Behandlung auf den rechten Weg zurückgeführt werden kann. 5. Der Amerikaner hat einen tiefen Glauben an die Wirksamkeit des Lernens und Lehrens. Er fühlt nicht den Verdacht, daß Lernen tote Wissensanhäufung sein könnte; die amerikanische Schule leidet darunter, daß er dieses Mißtrauen zu wenig kennt. Er fürchtet auch nicht, daß er seine Lebenskraft durch einen Uberintellektualismus gefährden könnte; vielleicht kommt das daher, daß'er sehr viel Lebenskraft in sich fühlt. Der Widerspruch zwischen Religion und Wissenschaft ist zwar bekannt, führt aber (trotz des berühmten Affenprozesses in Dayton) zu verhältnismäßig wenig Konflikten, weil der Schwerpunkt des Religiösen von den führenden kirchlichen Kreisen nicht mehr auf Dogmatik, sondern auf Sozialethik gelegt wird. 6. Der Amerikaner ist kein Materialist, wenn man darunter einen Menschen versteht, dem es vor allem ums Geld zu tun ist. Materielle Motive werden vielleicht mehr zugestanden als anderswo, was aber nicht heißt,'daß sie stärker sind. Der amerikanische Snob lebt in seinen eigenen Kreisen; dem Multimillionär gibt die Vielzahl seiner Millionen eine Uberlegenhet unter Millionären; bei den Massen trägt sie ihm mehr Haß als Ansehen ein, wenn er das nicht durch besondere persönliche Eigenschaften oder durch besonders geschicktes Auftreten auszugleichen weiß. Die Summen, die für Zwecke eines „unpraktischen" Idealismus ausgegeben werden, sowohl von privaten wie von den öffentlichen Kassen unter Billigung der Steuerzahler, sind auch im Verhältnis zum Reichtum des Landes ungeheuer. 7. Der Amerikaher liebt das quantitative Denken; darin mag man eine Verwandtschaft zum Materialismus entdecken. Er schließt manchmal die Augen vor Dingen, die sich nicht quantitativ ausdrucken lassen. Das bewirkt, daß im typischen Weltbild des Amerikaners sehr wesentliche Züge fehlen. Auf der anderen Seite gibt es seinein Denken ein hohes Maß von Klarheit und Ehrlichkeit, weil eben der Verzicht auf den Ausdruck des nicht quantitativ Erfaßbaren auch viele Schlupfwinkel geistiger Unehrlichkeit verschließt. 9. Der Amerikaner ist äußerlich formlos, aber er ist sehr darauf bedacht, die Gefühle seiner Mitmenschen zu achten. -Er respektiert die Lebenssphäre des anderen. Er will ihn nicht mit seinen eigenen Sorgen belasten, soweit es nicht unbedingt erforderlich ist, und hat auch eine Abneigung, tiefe Gefühle zu zeigen. Das wirkt oft sehr wohltuend, aber macht es schwierig, menschliche Beziehungen zu vertiefen. Zusammen mit dem geringen Verbreitungsgrad einer Kultur des Gesprächs führt die Zurückhaltung oft zu einer Oberflächlichkeit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.