Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 16 (15.8.1938)
- Date
- 1938-08-15
- Page
- Seite 243 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 16_Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern \ 243 TotaUAusverkauf Ich erlaube mir höflichst mitzuteilen, daß ich infolge Auswanderung meine Firma liquidiere und sämtliche Modelle Kostüme, Kleider, Mäntel, Pelze, Felle sowie Stoffe: Wolle, Seide, Samte, Brokate usw. billigst abgebe. Ich bitte um liebenswürdigen Besuch! a | f lv k I ■ ~I I I— Adolf Rothschild München, Briennerstraße 52 des geselligen Lebens, die der Qualität der Menschen nicht entspricht. Die Folgen sind teils gr,obe Veräußerlichung der Geselligkeit (Verbreitung der Gesellschaftsspiele unter Erwachsenen), teils übermäßige Intellektualisierung (Klubvorträge, oft schweren Kalibers, statt wirklichen -Gesprächs). 10. Man kann diese Dinge vielleicht am besten so zusammenfassen: Der Amerikaner lebt in der geistigen^Welt des 19. Jahrhunderts, obwohl er über die Maschinen und' technischen Bequemlichkeiten des 20. in vollständigerer Weise verfügt als der Bürger irgendeines anderen Landes. Der Amerikaner ist unter der Decke von Technik, Konvention und Wettbewerb ein sehr natürlicher. M.ensch, mit Starken Instinkten der Hilfsbereitschaft. Er ist in jedem Sinn jünger als.der Europäer, d. h. er hat größere geistige Stoßkraft, aber seine Haltung zu vielen Lebensproblemen erscheint dem Europäer als ein Ausdruck von Unerfahrenheit. Dem elementaren Willen zur Bildung fehlt viel-1" fach noch das Wissen um die richtigen Zugänge. Wege zur geistigen Einordnung 1. Geistige Einordnung ist etwas völlig anderes als krampfhafte Amerikanisierung. Gewiß ist es ein ungeheurer Vorteil für den Einwanderer, daß die amerikanische Kultur ihm nicht als etwas so Festgefügtes, eindeutig Gegebenes gegenübertritt wie etwa die französische, englische oder italienische. Aber trotzdem kann zum mindesten der im reiferen Alter Auswandernde nie im gleichen Sinn Amerikaner werden wie es der im Land geborene ist. Dabei hängt wenig davon ab, ob man mehr von deutschen oder mehr von jüdischen Voraussetzungen an das Problem herangeht. Der Einwanderer kann in Amerika engste Beziehungen zum nationalen Leben gewinnen — und Millionen von Einwanderern haben sie gewonnen, vieJe hunderte sind zu Führern geworden. Das ist möglich, weil die Stellung des Einwanderers in diesem Land der Immigration nichts Anormales ist, — die Vereinigten Staaten sind eben eine gemeinsame Unternehmung der europäischen Völker. Aber wie der erwachsene Einwanderer niemals das Englische ohne Akzent sprechen lernt,- obwohl er nicht selten einen reicheren Wortschatz und einen besseren (nicht nur korrekteren) Stil besitzt als der geborene Amerikaner, so wird für ihn amerikanische'Sitte und amerikanische Lebensauffassung niemals das Selbstverständliche, unbewußt Angenommene und Geübte sein. Es liegt an ihm. dieses scheinbare Defizit in Reichtum zu verwandeln, in Reichtum für sich wie für die anderen; das amerikanische Leben wäre ohne den Zustrom von Menschen und Ideen viel ärmer. 2. Richtig begriffene geistige Einordnung ist für den Einwanderer absolut unerläßlich; selbst für die materielle Existenzgründung ist sie wichtiger, als viele Einwanderer denken. Geistige Einordnung in Amerika bedeutet vor allem das Begreifen, daß hier eine ganz große Menschheitsaufgabe zu vollenden ist. Der Kontinent ist erschlossen; die äußeren Bedingungen der Zivilisation.sind in überreichein Maß vorhanden; aber diese Nation, in die Volkskräfte aus allen anderen Nationen eingeströmt sind, hat geistige und seelische Energien, die viel mehr als materiellen- Reichtum schaffen können und auch nach viel mehr als materiellem Reichtum streben. Nicht nur die Besiegung der äußeren Schwierigkeiten, sondern noch viel mehr die inneren Reibungen zwischen den ursprünglich fremdartigen Volkselementen haben in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten amerikanischer Geschichte so viel von jenen Energien verzehrt, daß heute Amerika seinen Weg z u manchen und durch manche Probleme erst finden muß, mit denen Europa schon seit Jahrzehnten ringt. Mit anderen Worten, Amerika wird die Schwelle vom 19. und 20. Jahrhundert überschreiten müssen. Aber seine große Aufgabe ist es, dabeivdie Sackgassen zu vermeiden, in die der europäische Geist im 20. Jahrhundert geraten ist. 3. Daß der Einwanderer etwas von dieser Aufgabe begreifen soll, heißt natürlich nicht, daß er sich zunächst kulturphilosophischen Studien zu widmen habe. Aber er soll die Haltung des Mußamerika n ers loswerden. Gewiß/er wird in vielen Fällen einfach deshalb nach Amerika' kommen, weil seine Verwandten in Chicago und nicht in Johannesburg leben, oder weil er kein Zertifikat nach Palästina bekommen konnte. Darüber braucht er weder sigh noch anderen etwas vorzumachen. Nur sehr wenige von den Vorfahren der 130 Millionen Amerikaner haben Amerika gewählt, weil sie glaubten, daß es das einzige Land sei, das ihren innersten Wünschen Genüge tun könne. Warum der Ein- * wanderer nach Amerika kam, ist unwichtig; aber unendlich wichtig ist für ihn, seinem Dasein in Ameiika einen Sinn zu gebet), der nicht nur darin beruht, daß er hier sein Leben verdienen kann. Dazu braucht er nicht dicke Bücher zu lesen, obwohl etwas amerikanische Geschichte sehr nützlich ist. Aber er soll vor allem seine Augen aufmachen, in jedem Sinn. Kein Mensch verdenkt ihm die Sehnsucht zurück, jeder oder doch fast jeder Amerikaner .versteht sie, viele haben sie selbst erlebt. Aber wenn Sehnsucht zur Bitterkeit wird, und das Herz nicht mehr frei genug ist, um das Neue in sich aufzunehmen, dann wird sie zur tödlichen Gefahr. Dann lernt nämlich der Einwanderer niemals amerikanische Menschen behandeln, und dann ist er hier verloren}. Um in Amerika zu leben, muß in an sich an Amerika freuen können; um sich daran freuen zu können, muß man Amerika studieren. ■ , ■ 4. Wie macht man das. wenn man frisch hereinkommt? Es gibt hundert Wege. Man rede mit Menschen, so viel als nur irgend möglich. Wietin man es sich leisten kann, gehe man in ein s u m - mer camp (Sommerlager); die billigsten sind nicht nur wegen der Geldersparnis die besten. Wenn man Kinder hat, suche man viel Kontakt ini t der Schule. Die meisten Volksschulen, wenigstens in Westamerika, ha'ben es gern, wenn Eltern in die Klasse kommen, um zuzuhören. Jede Schute hat eine parentteachers'association (Vereinigung von Lehrern und Eltern), die Teilnahme ist sehr empfehlenswert. Für Frauen ist die Teilnahme an einem Klub sehr in Erwägung zu ziehen; das geistige Niveau ist natürlich sehr verschiedene die Lebendigkeit des Interesses aber fast immer größ. (MttmerMubs bieten weniger.) Ein anderer Weg ist Teilnahme an den Veranstaltungen des sehr umfassenden V o I k s b i I d u n g s w e s e n s; in vielen Teilen Amerikas gibt es ..Forums" mit ausgezeichneten Rednern und1 interessanten Diskussionen. Die „night school". die. meist einer öffentlichen \ .