Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 16 (15.8.1938)
- Date
- 1938-08-15
- Page
- Seite 238 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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238 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern Nr. 16 So gewinnt praktisch jetzt wieder der alte Vorschlag von Lord Samuel Interesse, den der frühere „Hohe Kommissar" in diesen Tagen in einer Rede vor dem Britischen Oberhaus nachdrücklich wiederholte. Viscount Samuel lehnt bekanntlich den Teilungsplan ab und verlangt von beiden Seiten Opfer: Die Juden sollen sich für die nächsten 10 Jahre mit der Polle einer Minderheit im Land (bis höchstens 40Ä der Bevölkerung) zufrieden geben und die arabische nationale Bewegung anerkennen. Umgekehrt sollen die Araber die Tatsache des Jüdischen Nationalheims hinnehmen und einer Teilung Transjordaniens für eine gleichmäßige Besiedelung von Juden und Arabern zustimmen. Unter einer von Großbritannien garantierten Anleihe könne so Transjordanien auch für die Juden großzügig erschlossen werden, während für Palästina ein System nationaler Autonomien zu gelten habe. Die englische Regierung hat bis jetzt den alten Teilungsplan des Peelberichtes keineswegs aufgegeben. Di« zur Durchführung des Planes in das Land entsandte Grenzfestset^ungskommission hat soeben nach 3 Monaten ihre Arbeit abgeschlossen. Ob aus dem bevorstehenden Bericht dieser technischen Delegation eine politische Entscheidung der britischen Regierung und des Genfer Rats, der im September sind nur zur Zulassung gewisser Berufe, sozialer Klassen und Altersstufen bereit. Das ständige Büro will sich daher auch mit der Schaffung neuer Möglichkeiten befassen, in gewissen Durchgangsländern junge Menschen aus Deutschland auszubilden und in einer geeigneten Berufslehre unterzubringen, um sie so siedelungs- und niederlassungsfähig in den Dominions und Kolonien zn machen. Praktisch wird das Schwergewicht auf der Einzelauswanderung liegen. In den Einzelheiten ist für die künftige Behandlung dieser Fragen der Simpson-Bericht maßgebend, das ist 'der Bericht, den Sir John Hope Simpson im Auftrag des Royal Institut of International Affairs soeben Ober das politische Auswanderungsproblem erstattet hat. Die praktische Lösung des osteuropäischen Judenproblems muß nach dem Simpson-Bericht von der deutschen Auswanderung scharf getrennt werden. Die Entfesselung einer allgemeinen Wanderung der östlichen Juden mit etwa 5 Millionen Menschen müßte sonst dahin führen, daß der Plan der Unterbringung der 500 000 Juden aus Deutschland einschließlich Osterreich zum Scheitern verurteilt wäre. Den Osijuden hilft nach dem Simpson-Bericht nur ein konstruktives Programm für eine allgemeine Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen in Osteuropa, insbesondere die planmäßige Anpassung zusammentritt, hervorgehen, wird, weiß jetzt imAugust noch nie' niand. Es steht nur fest, daß alle Araber, ferner eine AiwalüLd£r_der häufig anormalen wirtschaftlichen Struki^r des jüdischen Sek- ..wichtigsten" Juden in Palästina selbst, in Amerika und in En? tois an die Bedürfnisse des Landes in denr Heimatland selbst, laud die Teilung des kleinen Gebietes in drei Teile für unnötig, ohne Auswanderung in die angelsächsischen Länder und ihre Koschädlich und unausführbar halten, während die englische Regielonien. Die Juden aus Deutschland müßten dagegen durch eine rung das Projekt nicht aufgibt und noch die beste Art der techinternationale Sofortaktion nach Kategorien auf die neuen aufnischen Durchführung prüft. Feststeht ferner, daß die englische nahmebereiten Staaten verteilt und für sie eine Berufsschulung Palästinapolitik nur im engsten Zusammenhang mit der Weltpolitik beurteilt werden kann und in ihren Wirkungen viel stärkere Kreise zieht als in dem nach Quadratkilometer gemessen sehr engen Raum von Palästina oder im Umkreis der darin wohnenden 1,3 Millionen Menschen. So geht es auch hier wieder um jüdisches Schicksat, ohne daß Juden selbst innerhalb oder außerhalb des Landes in nennenswerter Weise Einfluß darauf ausüben körjuen. t ' "V Evian und London Gerade im Schatten der palästinensischen Angelegenheiten hatte die auf Einladung des amerikanischen Präsidenten Roosevelt vom 6. bis 15. Juli versammelte Konferenz von Evian zur Regelung des Emigrantenproblems besondere Hoffnungen erweckt, die dann — bei näherem Hinsehen ungerechtfertigter Weise — enttäuscht wurden. Die Leistung der Sommer-Tagung von 32 Staaten in Evian war die Schaffung einer Einrichtung für Verhandlungen der Ursprungsländer der unfreiwilligen Auswanderung, der Durchzugsländer und der Länder der letzten Niederlassung über die Auswanderungsregelung. ferner die Entgegennahme und Prüfung von Plänen der verschiedensten Auswanderungsorganisationen zur Verbesserung der Bedingungen der Emigration. Endlich empfing die Konferenz von den Zufluchts- und Niederlassungsländern Mitteilungen über den künftigen Beitrag jedes Landes zur Verteilung und Schulung der. Emigrierten. In London wurde sodann am 3. August die - Tagung des zwischenstaatlichen Regierungskomitees zur Regelung der Auswanderung aus Deutschland unter den 32 Staaten, die in Evian vertreten waren, eröffnet. Die praktische Arbeit wird von jetzt ab durch ein ständiges Büro dieses Komitees geleistet: zum Leiter des Büros wurde der amerikanische Rechtsanwalt Georges Rublee in Washington gewählt. Die Vereinigten Staaten von Amerika und das Britische Weltreich stehen von pun an an der Spitze von 32 Staaten, die völlig unabhängig vom Genfer Völkerbund den Auswanderern aus Deutschland eine Möglichkeit neuer Seßhaftigkeit bieten wollen. Die bisherige Fremden- und Einwandererpraxis soll zu dem Zweck revidiert werden, so daß Einzelwanderung und KollektivafVsieäelung unter neuen für jedes Land genau nach Zahl und Menschenart (Alter, Beruf, Gesundheit etc.) festgesetzten Bedingungen ermöglicht werden. Jedes Land wird Kontingent und Kategorie nach Maßgabe der wirtschaftlichen und sozialen Aufnahmefähigkeit näher bestimmen. Keines der Länder wird einen Strom mittelloser Einwanderer ohne Spezialvorbereitung aufnehmen; auch die großen Räume des britischen Weltreichs, Nord- und Südamerikas in Ubergangsländern ermöglicht -.werden. Simpsoft-.ünterscheidet die gesetzlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Vorbedingungen der Eingliederung. Der Simpson-Bericht ist bis jetzt der Öffentlichkeit nur auszugsweise zugänglich. \ Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland hatte zur Konferenz in Evian eine Abordnung entsandt und gab über ihre Tätigkeit folgenden Bericht aus: Wie bereits bekanntgegeben worden ist, waren während der Auswanderungs-Konferenz Vertreter der jüdischen Wanderungs- Organisationen in Deutschland unter Führung der Reichsvertretung mehrere Tage in Evian anwesend, nämlich das geschäftsführende Vorstandsmitglied der Reichsvertretung, Dr. Otto Hirsch, der Leiter ihrer Wanderungsabteilung, Dr. Paul Eppstein, das Vorstandsmitglied des Hilfsvereins der Juden in Deutschland, Dr. Werner Rosenberg, und für das Palästina-Amt der Jewish Agency for Palestine das' geschäftsführende' Vorstandsmitglied des Keren Hajessod in Deutschland, Dr. Michael Traub. Die jüdische Öffentlichkeit in Deutschland hat einen Anspruch darauf, zu erfahren, wie die Delegation ihre Aufgabe auffaßte und wie sie diese Aufgabe erfüllte. Es kam darauf an darzutun,- in welchem Umfang bei .den Juden in Deutschland neben der Auswanderungsbereitschaft die Fähigkeit zur Auswanderung und zur Einordnung in den Ländern der Einwanderung gegeben ist. Dabei wurde bedeutsames Zahlenmaterial über die Alters- und Berufsgliederung der Juden in Deutschland verwertet. Daß das Problem der Unterbringung von noch rund 200 000 Juden aus Deutschland (und 100 000 Juden aus Österreich) bei aktiver Mitwirkung der Einwanderungsländer auf längere Sicht nicht unlösbar sei, konnte aus der rund 150 000 Menschen umfassenden jüdischen Auswanderung aus Deutschland seit 1933 bewiesen werden, einer Auswanderung, die zwar zum Teil mit finanziellen Mitteln der ausländischen jüdischen Hilfsorganisationen, aber (mit Ausnahme von Palästina) ohne organsierte Bemühung 'der Einwanderungsländer selbst durchgeführt worden ist.- Daran mußte sich der Hinwels auf die Notwendigkeit-des Ausbaus der Einrichtungen zur Vorbereitung der Auswandernden im Inland und Ausland durch verstärkte Zuführung zu den handarbeitenden Berufen anschließen. Von besonderer Wichtigkeit war das finanzielle Problem. Zu seiner Lösung ist infolge der rapid forschreitenden Verarmung der Juden in Deutschland, aber auch wegen der Beschaffung der für Einwanderung und Einordnung erforderlichen Devisenbeträge die Hilfe des Auslands in noch stärkerem Maße als seither notwendig. Am Beispiel des Palästina- und des AJtreu-Transfers konnte gezeigt werden, wie durch den Transfer von Eigenmitteln vermö- Sammelbüchsen für Hilfe und Aufbau werden in den nächsten Wochen durch unsere mit Ausweis versehenen, berufsmäßigen Sammler geleert. Jugendliche sind zur Leerung der Büchsen nicht berechtigt. Gebt Alle reichlich, damit das Werk der Auswanderung aulrecht erhalten werden kann.