Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 15 (1.8.1938)
- Date
- 1938-08-01
- Page
- Seite 225 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern 225 In deutscher Übersetzung lautet der Brief. <*flme vollkommene Auflösung der nur angedeuteten Zitate meist biblischer Herkunft: Wir die Unterzeichneten tun zu wissen den freigebigen Reichen, den Gelehrten Israels, die die Finsternis erleuchten, den rühmlichst Genannten unter den Einwohnern Strassburgs — Bekannten und Unbekannten — und Allen, die dieses unser Schreiben zu Gesiebt bekommen, daß der Herzog dringend nach uns geschickt und von uns gefordert hat. für ihn diese unsere Zeilen zu schreiben, wie jener Mann Isak ha-Zarfati gegen ihn und uns gehandelt. „Ihr wißt wohl (sagte er), daß ich streng gegen Euch verfahren bin. in der Kalamität, m der Ihr um seinetwillen wäret, denn ich hatte geglaubt, daß Ihr ihn bei seinem Treiben unterstützt habt, bis ich zur Einsicht kam, daß er allein stand in seinem Frevel.** * So sagte der Herzog: Ihr aber wißt wie ein Jude für den andern verantwortlich ist, darum sind wir in ein Netz verstrickt und 'darüber sind wir unglücklich und betrübt. Und was hat uns der Mann angetan! Er wohnte unter uns. war wie einer von uns in Handel und Wandel und im Tragen der Lasten, in Freude und Leid. Als wir nun in Ruhe und Frieden lebten, faßten wir den Entschluß, eine Synagoge zu bauen und ein Hekdesch zu erwerben. Wir taten uns zusammen und machten uns in aller Form verbindlich, drei Jahre hintereinanderander Jie Hälfte des Zehnten herzugeben und allmonatlich in einer Büchse durch Schatzmeister , einkassiren zu lassen, so wie das in einer von Rabbi Jäklin aus Eger aufgenommenen Urkunde niedergelegt ist. Kaum war ein Jahr voll zu Ende gegangen, so gab jener uns keinen Pfennig mehr, weder für die Schatzmeister noch auch für seine anderen geschuldeten Abgaben, er wies die. welche sie einzutreiben hatten, barsch zurück, „sein Thun war im Finstern". „Der Mensch siebt den Menschen, Gott aber sieht ins Herz." Plötzlich hieß es,N der 'Mann ist geflohen mit all dem Hab und Gut, das er aus dem Laude (als Pfand) hatte. Da gab es ein Jammern in der Stadt, man schimpfte und war gegen uns aufgebracht. Die Gläubiger aus dem Lande, deren Besitz er mitgenommen, sagten: es ist nicht Treu und Glauben bei den Juden; sie schimpfteh und schmähten und wir schwebten damals in großer Gefahr, von Seiten des Fürsten und der Pfandgläubiger. Manche von uns waren beteiligt bei seinen Leihgeschäften, er aber hatte alle jene Pfänder mit sich genommen, und wir hatten denen, die uns schmähten, nichts entgegenhalten können. Drei Wbchen war der Mann unseren Augen entrückt, bis wir in Erfahrung brachten, er sei in Pappenheim. Wir eröffneten das sofoTtrden Christen undi schickten gleich unsern Baten zu Rabbi Mänlin mit unserer Vollmacht unter Angabe all der Not und der 'unermeßlichen Verluste, die nus durch ihn .Isaak) entstanden, aber unsere Verluste und unsere Forderungen konnte Rabbi Mänlin nicht ersetzen, dlenn an jenem Orte war die Gerdcbtsbarkeit fn ihrer (der Christen) Hand (die Verwendung der Bibelstellen Ps. 126, 3 in Verbindung mit Ez. 21, 15 ist noch nicht geklärt). Darum legten wir die Hand auf den Mund, da uns alles entgeht: 1. er bezahlte länger als zwei Jahre keine Abgaben, 2. er löste nicht ein, was er Gott gelobt, 3. er brach ein bei uns, Füchse fielen über uns in Rede und Tat. wie Ihr ja wißt, daß der Herzog unisern Schmuck und unsere Haut uns abgezogen, indem er fortwährend uns sagte, ihr müßt zahlen, was jener Jude mir Schlimmes getan. Also wißt, daß jener Mann nicht recht gegen ums gehandelt in vieler Hinsicht, ja wißt, daß er ein halbes Jahr bevor ihm der Gedanke gekommen, sich an uns zu vergreifen, schon Schlimmes geplant hat. Das hat uns dies Alles gebracht und wir boren von vielen! Nichtjudeu, daß er ihre Pfänder mitgenommen, geringen iind hohen Wertes. So hat der Mann gehandelt. Wir aber .Wollen jeden Schein der Entweihung seines; heiligen Namens vermelden, ihn vielmehr zu Ehre bringen, so sprechet dem Manne'mrHeTzen. daß er Rücksicht nehme auf die Gläubiger. Vielleicht glmie^Hoffnaimg für dem Uberrest von Israel. Und Ihr erhaltet dlachiFcli"Segen von Gott und von den Bewohnern Münchens, die sich hiemit namentlich unterzeichnen: - Samuel, Sohn "Von" Josef dem Alten — Salomo, Söhn "des Märtyrers Juda — Samuel, Sohn des Josef ha-Cohen — Abram, Sohn von Hud' (Jehuda) — Josef. Sohn von Samuel ha-Cohen — Moses, Sohn von Isak ha-Levi — Isak, Sohn von Benjamin. . Die vorstehende Ubersetzung hat reicht annähernd alle . Schattierungen und Andeutungen des hebräischen Wortlauts herausgeholt. Der (Brief ist unter dem Zwang des Herzogs und des Münchener Rats abgefaßt. Er ist charakteristisch durch die eigenartige verdeckte Verwendung des Bibelworts, der „Psukim". Es sind nicht formelhaft erstarrte Bibelsprüche und Zitate, die über die bewerte Klag? der tUbma MOttCbüPftt Juden vfnitrpmt sind. Der ■,Hasäik"rder biblische Vers, ist nicht mechanisch ein- —Be-setzt. sondern giot in seinem die DIUüilLlle -ueilndernderj Ge- Termin im MonatAagiistl938 lO. August 193Sx Einzahlung der Beiträge aus der gleichzeitig fälligen Vermögensteuerrate (15% des an das Finanzamt zu entrichtenden Betrages) an die Beitragstelle der Israelitischen Kultusgemeinde, Herzog-Max- Straße 3/0_ Postscheckkonto der Beitragstelle München Nr. 60990 Bankkonto der Beitragstelle beim Bankhaus H. Aufhäuser, München Nr. 17299. brauch dem aus Furcht, tiefer ßesorgtheit\und Verantwortungsgefühl gemischten Hilfegesuch nach Straßmfig einen Ungemein lebendigen, wie heute gesprochenen, beschwörenden Ton. Die im Brief selbst und in dem noch zu besprechenden Pfänder-Verzeichnis vorkommenden Personen auf jüdischer und nicht-jüdischer Seite bilden ein spannungsreiches Szenarium: die Hauptperson, der nordfranzösische flüchtige 'Jude Isaak, in welchen die wtedererstarketlde Münchener jüdische Gemeinde ein so großes und schmählich mißbrauchtes Vertrauen gesetzt hat! Der Rab- 'biner Jecklin aus Eger. der als einer der Ged°le-na-dor und als erfahrener begüterter Geschäftsmann in der jüdischen Geschichte gut bekannt ist, hat der Synagogenbau-Chewra in München die Satzung gegeben: die Hälfte des Maasser, des religionsgesetzlich vorgeschriebenen Zehnten, drei. Jahre hindurch von den MUnchener Juden regelmäßig erhoben,' soll für die Errichtung eines neuen 'Synagogen-Baues genügen; so stark ist die Gemeinde, trotz der Katastrophe vor einem Menschenalter wieder geworden! Der jüdische Leibarzt des Herzogs: „Meister Jakob, der Jude"! Rabbi Mänlin aus Pappenheim! Die sieben Gemeinde- Vertreter! Auf der christlichen Seite vom Herzog und der Herzogin angefangen eine stattliche Kundenzahl der Juden: Adelige, Hofleute, Patrizier und Bürger, teilweise mit guten in München heute noch klingenden Namen! Um so betroffener muß sich die Münchener Judenheit durch den verhängnisvollen Vertrauensbruch des aus Nqrdfrankreich zugereisten Isaak, den sie ganz 2u den Ihren "gerechnet hatte, gefühlt haben. Zu dem'vielsagenden Brief gehört ein Schreiben des darin erwähnten bayerischen Herzogs Stephan III. vom 15. September 1381, worin der Strassburger Rat ersucht wird, zur Ergreifung des mit den vielen kostbaren Pfändern aus München entwichenen reichen Juden Isaak ha-Zarfati behilflich zu sein. In einem weiteren Ersuchen von „Rat und Bürger" von München an den Strassburger Rat wird von der Flucht Isaaks berichtet und Strassburg um seine Verhaftung gebeten. Dieser Fahndungsbrief ist wie der vom Herzog veranlaßtc der Juden aus München von einem Verzeichnis der dem Isaak Zarfati verpfändeten Gegenstände begleitet. Cs sind silberne und vergoldete Schalen. Becher, Pokale. Gürtel. Ketten. Spangen. Ringe. Pelze, Schleier. Die kulturhistorische, namentlich Wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung dieser