Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 14 (15.7.1938)
- Date
- 1938-07-15
- Page
- Seite 212 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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212 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern Nr. 14 Seil 1845 Samt, Seide u. Wolle geschmackvoll, haltbar u. preiswert bei H AI MANN am Schillerdenkmal Antworten der Ausgewanderten Aus den Fragebogen des Hilfsvereins Die brennendste Frage für jeden einzelnen Juden in Deutschland lautet wohl heute: „Wann und wohin werde ich auswandern können? — Wie erhalte ich das Visum usw.?" Gleich danach aber drängen sich andere Frageji auf, vor allem das Problem: „Wie wird sich mein Leben nach der Auswanderung gestalten? Wird es mir gelingen, eine wirkliche neue Heimat zu finden, oder wird es ein Umherziehen ohne festen Halt geben?" Der Hilfsverein der Juden in Deutschland, dessen große und schwere Aufgabe in der Betreuung der gesamten nichtpalästinensischen Auswanderung besteht, hat über das Schicksal der schon Ausgewanderten eine Fülle von Material gesammelt, das als Grundlage für die weitere Beratung der Auswandernden dient. Als eines der besten Mittel, die Ausgewanderten wirklich zum Reden über ihre wesentlichsten Erlebnisse in Ubersee zu bringen, haben sich die sogenannten ..grünen Fragebogen" erwiesen, die'' .der Hilfsverein in Tausenden von Exemplaren verschickt und in Hunderten bereits sorgfältig beantwortet zurückerhalten hat. Hier werden dem Auswanderer ganz präzise Fragen gestellt: „Welches war Ihr ursprünglicher Beruf — welches ist Ihr jetziger? Wie lang ist Ihre Arbeitszeit? Wie hoch ist Ihr Verdienst? Wie verteilen sich Ihre Ausgaben auf die verschiedenen Hauptposten, wie Nanrung, Kleidung, Wohnung usw.? Wie sind die Schulverhältnisse? Mit wem verkehren Sie (deutschen Juden, Ostjuden, Landesbevölkerung) usw.? . V. Uberblickt man das eingegangene Material, sö ergibt sich eine ungeheuere Buntheit der Schicksale — und im großen und ganzen die beruhigende Gewißheit, daß die meisten der Antwortenden eine produktive Einordnung in Ubersee allmählich gefunden haben. Greifen wir einige dieser Schicksale heraus, um auch der jüdischen Öffentlichkeit dadurch einen Einblick in das Leben unserer Auswanderer zu verschaffen. Geändert sind im folgenden nichts als die Namen. Da ist Hans Bloch, ehemals Angestellter aus der Teppich- und Gardinenbranche. 1906 geboren, unverheiratet. Seit Januar 1937 in Buenos Aires; hier zuerst zweiwöchige Arbeitssuche! Dann Stellung als Spuler in einer Seidenfabrik. Stundenlohn 50 Centavos. Arbeitszeit 8 Stunden täglich. — „Mit welchen Schichten verkehren Sie vorwiegend?", will der Fragebogen wissen. „Ich verkehre mit keinem und habe keine Zeit, da ich spanisch lerne", lautet die Antwort. Anders Herr Wertheimer, ebenfalls in Buenos Aires. ,.In gesellschaftlicher Hinsicht", so^schreibt er, „habe ich gar keine Schwierigkeiten. Wir verkehren in allen Kreisen ohne Unterschied." Trotzdem kann Herr W. von sich sagen, daß sein Leben nicht gerade leicht ist. Fünf Monate eifrigen Studiums waren notwendig, um die Landessprache notdürftig zu erlernen. „Durch die klimatischen Verhältnisse", konstatiert der jetzt Achtundvierzigjährige. ..lernt man hter, besonders in fortgeschrittenem Alter, viel, viel schwerer als drüben." Aber die Anfangsschwierigkeiten scheinen überwunden zu sein. Herr W. sucht sich und seine Familie jetzt durch Vertretungen zu ernähren. Das Monatseinkommen ist jedoch naturgemäß „noch ganz unbestimmt". Fritz Bergmann, 58 Jahre alt, betrieb in Deutschland ein Herrenartikel- und Pelzgeschäft. Etwas Kapital stand ihm zur Verfügung. Damit ist er 1937 nach Neu Seeland gegangen, wb er sich eine Kuhfarni gekauft hat. Hier arbeiten er und sein achtundzwan- M. ilLBEKTHAU A CO. K A ( FI XU KKNTKAMNK 10 Dmt Hmu für hübteht Getchenke in Uhr ea Sehnack •llberwarea ____—-—~ Kalt usgergte-;---t~~ ■ n Theodor Herzls Todestag Unsere Gedanken ziehen in diesem Jahre voller Sorge, aber doch in steter und starker Zuversicht zu dem Lande der Väter hin. Neues soll dort beginnen, Neues will der Beginn für uns zumal bedeuten. Theodor Herzls Todestag spricht darum in diesem Jahre mit besonderer Eindringlichkeit zu uns. In allen unseren Gemeinden wird sicherlich dem Gedenken dieses Tages sein lebendiger Ausdruck gegeben werden. \ DIE REICHSVERTRETUNG DER JUDEN IN DEUTSCHLAND Dr.Baec k. zigjähriger Sohn „oft zwölf Stunden täglich". An Sparen ist noch nicht zu denken. Aber in zwei Jahren hofft er soweit zu sein. Hans Hamburger. 38 Jahre alt, wanderte mit Frau und drei Kindern nach den Vereinigten Staaten aus. Da ihm ein nicht unbeträchtliches Kapital zur Verfügung stand, beteiligte er sich dort an einer Transportgesellschaft und zwar in Kansas City. Sein Monatseinkommen ist verhältnismäßig sehr hoch — 450 $! Aber das ist, wie Herr H. schreibt, „natürlich kein Maßstab", da er ja an dem Unternehmen beteiligt ist. Auf die Frage:. „Vor welchen Fehlern möchten Sie besonders warnen?", antwortet H.: „Trotz der von mir begangenen Fehler ist es falsch, nichts zu riskieren und zu keinem Entschluß zu kommen. Viele Einwanderer tun das." Und dann gibt er einen Rat, den der Hilfsverein, allen von ihm betreuten Nordamerikafahrern immer und immer wieder, aber leider oft vergeblich erteilt. „Ich halte," so heißt es auf dem Fragebogen, „die Anhäufung größerer Mengen oft berufsloser Juden aus Deutschland in den Riesenstädten des Ostens für gefährlich und bedenklich, sowohl für die Einwanderer, als auch für die Einwanderung." Ein Umschichtler: Franz Alexander, jetzt in Cali (Columbien), war ehemals Vertreter. Dann lernte er schweißen. Seit Mitte 1937 betreibt er in Cali selbständig eine Schweißerei. Seine Familie —er ist verheiratet und hät 2 Kinder — blieb vorerst in Deutschland. Der Verdienst \n Cali ist noch gering, 50 $ (col. Pesos) im Monat. Davon müssen die Kosten für die Werkstatt mit 20 $ bestritten .werden, weitere 20 $ gehen für Kleidung darauf und 10 $ bleiben zum Leben. Bei diesem Etat muß man sich einrichten. Herr Alexander tut das. Vor allem dadurch, daß er sich an die columbianische Kost gewöhnt, „weil deutsche Küche bedeutend teurer ist". Freilich ist diese Umstellung nicht ganz einfach. „Von allen Einwanderern", so schreibt der Befragte, „haben es nur vier Mann (ich eingeschlossen) fertig bekommen, längere Zeit columbianisch zu essen." Trotz mancher Entbehrungen ist Alexander optimistisch. Er hofft, daß sich sein Betrieb günstig entwickeln wird. Sein ganzes Streben ist naturgemäß darauf gerichtet, Frau und Kinder sobald als möglich nachkommen zu lassen. Eine unverheiratete Frau: Grete Berliner, jetzt 37 Jahre alt, ist Anfang 1937 nach Johannesburg gegangen. Beruf in Deutschland und in Johannesburg Stenotypistin. Jetzige Arbeitszeit von halb 9 Uhr bis halb 6 Uhr. Monatseinkommen 10 £. Davon kann Frl. Berliner, zwar keine Ersparnisse machen, aber doch ihren Lebensunterhalt bestreiten. Auf die Frage, was sie falsch gemacht habe, erfolgt die Antwort: , Daß ich nicht früher hierher gekommen bin." Schließlich eine Akademikerin: Berta Horn, 1897 geboren, war in Deutschland Ärztin. Durch Inserat in einer medizinischen Zeitschrift tritt sie mit einem Hospital in Adelaide in Verbindung. Sie wird engagiert und fährt nach Australien. In dem dortigen Krankenhaus arbeitet sie gegen ein Gehalt von 200 £A (2000 Goldmark) pro Jahr nebst freier Station — ein Einkommen, M. & J. AMBRUNN München, Theatinentrafje 17/1 Telefon 12046 Elegante Herrenichneiderei und Tuchhandlung Anfertigung mitgebrachter-Stof(e iu zivilen Prallen. —