Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 14 (15.7.1938)
- Date
- 1938-07-15
- Page
- Seite 210 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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210 ' \ Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern Nr. 14 BAMBERGER&HERTZ DIE ZUVERLÄSSIGEN KLEIDERFACHLEUTE SCHUHHAUS M. FLEISCHMANN MÖNCHEN, THEATINERSTRASSE 17 Sp.iiolitäl: BALLY-SCHUME einem Mord übernimmt, den er nicht begangen hat, und von dem sich nachher herausstellt, daß ihn — niemand begangen haben konnte. > II. Oskar Baumhat von jeher auch am jüdischen Leben regen Anteil genommen. Er.veröffentlichte zahlreiche Essays und Kritiken, auch einzelne Erzählungen in judischen Zeitschriften und Zeitungen. Vor allem warb er in Vorträgen für die junge jüdische Bewegung, weniger politisch als vor allem mit den Ruf nach unverschleierter Erkenntnis der Wahrheit im Innern des einzelnen wie im äußeren Leben. Seine Berliner Vorträge über die Seelenknuflikte eines jüdischen Europäers, Uber jüdischen Selbsthaß bej Weininger, über das Geheimnis der jüdischen Energie sind noch in guter Erinnerung. In Buchform hatte Baum aus dem jüdischen Lebenskreis bisher nur „Die böse Unschuld" veröffentlicht (1913), von ihm selbst ifu Untertitel als „Jüdischer Kleinstadtroman" bezeichnet. In sein Heimatstädtchen, einen kleinen mährischen Badeort, kommt ein jüdischer Medizinkandidat auf Ferienbesuch, frisch verliebt und im Begriff, sich mit dem Mädchen, das er eben in der i Eisenbahn kennengelernt hat .zu verloben. Zu Hause empfängt ihn das Gerücht, ein -.dortiges jüdisches Mädchen, nicht hübsch und nicht gerade aus erfreulichem Milieu, erwarte ein Kind und gebe ihn als Vater an. Und nun kommt das Eigenartige, psychologisch glänzend glaubhaft dargestellt: Obwohl ihm das Mädchen wenig sympatisch ist, — obwohl er sie kaum einmal geküßt hat, fühlt er sich uns dunklen Ursachen irgendwie verantwortlich-und kann sich nicht zu einem offenen, klaren Bestreiten seiner Vaterschaft durchringen. Er gibt sie vielmehr durch Schweigen wie durch Handeln zu, freilich immer nur in halber und unklarer Weise, und gefährdet so sein eigenes LiebesghÜck wie seine Laufbahn. Bis dann, ebenso glaubhaft, die fast heitere Lösung kommt: die Schwangerschaft des — völlig unberührten — Mädchens war lediglich eingebildet. — „Die böse Unschuld" war nichts weniger als eine Pikanterie mit uTiigehängten jüdischen Mäntelchen. Es war wirklich, nicht nur wegen der handelnden und leidenden Personen, ein jüdisches Buch. Man sieht hier, freilich noch mit beinahe leich- _ ter Hand behandelt und mit hpinähe hpitprnr lii'unm. Iu'tphs die" Krage des Tragens fremder Schuld angerührt ,die in der „Tür ins Unmögliche" mit so großartiger Konsequenz gestellt und beantwortet wird. Iis ist ja ein uraltes jüdische Thema, am gewaltigsten angepackt von dem. der es zuerst angriff, von Deuterojesaia in der Gestalt des rätselhaften, bis heute geheimnisumwobenen Gottesknechtes, der für fremde Schuld die Verachtung der Menschen und den Tod des Elenden erduldet. \ III. Nun hat Baum, nach jahrelangen Vorstudien, :uns ein neues jüdisches Buch geschenkt, einen Chasarenroman. (Oskar. Baum, .Das \ olk des harten Schlafs". Roman. R. Löwit, Verlag, Wien und Jerusalem, 1937.) DievChasaren. ein Stamm ugrisch-finnischer oder türkischer Abkunft, bildeten, noch seitdem ihre Herrscher, und ein großffr 'Feil ihres Stammes dem Judentum angehörten, fast ein Vierteljährtausend la-WE' ein mächtiges Reich, zeitweise MAGISTER KIRSCH dar tut« Likör, Magister München VII Stadtflllala Hochbrückenstr. 14, Ecke Harrnstr. Für den An- und Verkauf von Immobilien und Geschäften ferner für Hausverwaltungen empfiehlt sich die Firma S. Ackermann, Hilter von Epp-Platz 9 Telefon Nr. 12502, 12 5 87, 133 94 Erste Referenzen! Jegliche Bank-Garantie 1 vom Kaspischen Meer, den Ufern der Wolga und dem Nordufer des Schwarzen Meeres bis zu den Karpathen reichend, das erst um das Jahr 1000 dem vereinten Ansturm der Russen und des byzantinischen Kaiserreichs erlag. Das überkommene Geschichtsmaterial, russisch, arabisch, griechisch, ist äußerst dürftig. Erhalten ist bekanntlich das Antwortschreiben des jüdischen Chasarenköriigs Joseph an den jüdischen Staatsmann Chasdaj ibn Schaprut. Minister am Hofe des Maurenkönigs in Cordova um 960. — Uber die Gründe, die ihn zur Wahl eines so außerordentlich schwierigen Erzählungsstoffes führten, schreibt uns der verehrte Dichter: „Den jüdischen Menschen unserer Zeit in den verschiedenen Lebensformen und Abstufungen des Galuthschicksals wie denen in Erez Israel sollte das Buch einen vergessenen Schicksalsaugenblick der Vergangenheit vorführen, um ihnen darzutun, daß in richtiger Erfassung unserer Tradition eine Mitte zwischen Geist und Macht in der Gemeinschaftsordnung möglich ist, ja, daß dies vielleicht die besondere Aufgabe der jüdischen Tradition ist. Als Beispiel für diese auf dem Scheideweg der jüdischen Gegenwart wichtigste Erkenntnis mußte ich eine Persönlichkeit der Geschichte suchen, die die beiden Gegensätze: Geist und Gewalt in einem sittlich gerichteten Heroismus zu versöhnen vermochte. Ich war sehr glücklich, als ich dies Vorbild im Gründer des einzigen jüdischen Staats außerhalb Palästinas verwirklichen zu können glaubte, wenn diese Gestalt auch nur in sehr dürftigen Andeutungen aus dem Dämmer verschollener Epoche hervorlugte. Was aus dem Überkommenen nur zweifelhaft hervorging, mußte ich nach der Idee entscheiden, die mich leitete. Was historisch beglaubigt war, habe ich mit dankbarer Treue aufgenommen und erhalten. Ein anderes, nicht geringeres Ziel meines Buches war: für unsere Jugend in dem neuen Völkswerden, das in Erez Israel die an die verschiedensten Völker assimilierten Teile verschmelzen muß, ähnlich mitzuwirken wie die Entdeckung alter nationaler Volksepen und Heldentaten bei der Renaissance anderer Völker es vermochten. Ich wollte neben den abertausend passiven Helden des grausamen gwpitansendjflhriefa Ghfttnlphpns auch ■vthieii Aktiven schildern, der schöpferisch in da^AVettgeschehen eingriff, von den Urkräften des Gottvertrauens zumindest ebenso getragen wie von der schriftgewordenen Uberlieferung." Dies Bestreben des Dichters macht auch ersichtlich, warum er von dem bisherigen Erbauungsbuchschema (am großartigsten durchgeführt in Jehuda Halevis religionsphilosophischem Werke „Kusari", -d. h. Ghasar), nämlich: Ubertritt von fremdem König und Volk zum Judentum lediglich auf Grund einer geistigen Auseinandersetzung über die Vorzüge von Judentum, Christentum, Islam, abgewichen ist. Bei Baum ist daher auch, vom alten Schema abweichend, aber von neueren Forschungen, durchaus als zum * mindesten wahrscheinlich bestätigt, der erste jüdische Chasarenkönig liul.in. der Held des Buches, kein Chasar, sondern ein siegreicher chasarischer Feldherr jüdischen Stammes. — So ist, auf dürftigem Boden beglaubigten Tatsachenmaterials, eine buntphantastische Erzählung von Krieg und Sieg, Geist und Ungeist, Abenteuer und seelischer Versponnenheit, Leid und Lust, schän- 1 dender Gewalttat und zartester Liebe entstanden, an der sich manches jüdische Herz zu spannen und zu entspannen vermag. (Dieses Chasarenbuch erinnert in mehr als einer Hinsicht an Disraelis vielleicht dichterisch nicht stärkstes, aber doch uns Juden noch heute stärker als seine Gesellschaftsromane packendes „The wondrous tale of David Alroy". Disraeli hat darin, ebenfalls auf schmaler geschichtlicher Grundlage, aber mit breitausholender Phantasie, die Geschichte jenes David Alroy aus Aserbeidschan erzählt, der um etwa 1160 an der Spitze der kriegerischen Bergjuden den Kampf mit der mohemedanischen Macht aufnehmen und. ein jüdisches Königreich begründen wollte.) Als dichterisch und jüdisch dem Erzähler Oskar Baum besonders geglückt erscheint uns das seltsame, an einem schneehellen Winterabend 1911 in einem kleinrussischen Städtchen spielende Schlußkapitel Hier ist geheimnisvoll (ist der fremde Geschäftsreisende, dessen Zug im Schnee stecken blieb, nicht doch der vor tausend Jahren verstorbene Dichter Jehuda Halevi?) das Aufgehen des fremden Chasarenstammes im Schöße des jüdischen Volkes, die große gei-, stige Gefahr, die darin lag, und der große Segen für das Werden eines neuen jüdischen Volkes andeutend berührt.