Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 14 (15.7.1938)
- Date
- 1938-07-15
- Page
- Seite 209 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 14 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern 209 mungen: „Kein Jude darf einem anderen gedörrte Fische verkaufen, es sei denn mit dem Schreiben eines Lehrers oder zuverlässigen Mannes, das den GenuB der Fische nach dem Gesetz gestattet. Das Schreiben lege man dem Haupt des rabbinischen Gerichtshofes vor oder dem Haupte der Gemeinde, in der kein Ge-« richtshof besteht." A In der Sammlung von Wilhelm folgen die Satzungen der-spanischen und portugiesischen Gemeinde von London aus dem Jahr 1663 und Auszüge aus dem Sitzungsprotokoll der portugiesischjüdischen Gemeinde in Hamburg von 1665. Abgeschlossen wird das Bündchen durch charakteristische Jerusalemer Verordnungen von 1749; durch Statuten der Chewra Kaddischa der Aschkenasim in Amsterdam (1773), ferner durch die Statuten des von Moses Mendelssohn mitbegründeten 'Ausstattungsvereins (Heiratsgesellschaft des Jahres 1776). endlich durch die Statuten der Chewra der niederösterreichischen Gemeinde Horn von 1784 und eines Frankfurter Wohltätigkeitsvereins von 1786. Die von Wilhelm zusammengetragenen 22 Stücke aus Minhag- und Protokollbüchern, Statuten und Takkanoth geben einen Ausschnitt aus dem altjüdischen Gemeindeleben der über die Welt verstreuten Juden bis zur Emanzipation. Die nationalen und politischen Schranken der Völker bedeuteten bis 1789 noch keine Grenzpfähle für die Juden untereinander; diese waren — bei aller, landsmannschaftlichen Vielgestaltigkeit im Stammes- und Staatengefüge der Umwelt — noch eine geschlossene überterritoriale Einheit mit einer festen unbestrittenen Lebensordnung, der Lebensordnung der Juden der Welt mit ihren gemeinsamen Gebeten und Vorschriften, die das jüdische Leben formten und es von der Außenwelt scharf abtrennten. Uber Form und Inhalt der jüdischen Selbstverwaltung in der Vergangenheit fehlt noch die zusammenfassende abschließende Darstellung. Die kleine Auswahl von Wilhelm zeigt, wie reich und bunt der Stoff zu einer jüdischen Geschichte im Mittelalter ist, wie weit entfernt aber noch das Ziel ist, mit modernen geschichtswissenschaftlichen Methoden eine zeitliche und räumliche Ordnung, oder gar eine darstellende echte Entwicklung aus den Dokumenten herauszuholen. Es muß sich viel verhaltenes Glück und stets bereite gegenseitige Hilfe in den Gemeinden des Ghetto verborgen haben, und sicher entbehrten diese engen, ewig bedrohten Gemeinschaften — neben viel Unwert. Erbärmlichkeit und Verkommenheit — nicht der Größe und des wahren Heroismus. Bilder vom „Leben im Ghetto" hat man oft, nachdem das Leben im Ghetto seit Generationen verklungen war. mit den besten Absichten, verwischte Spuren nachzeichnend, gestellt: meist auf Kosten der historischen Wahrheit. Denn was uns heute innig und gemütvoll, pittoresk und echt — ohne die seelenlose Vereinerleiung des modernen Zeitgeistes — vorkommt, war in der geschichtlichen Wirklichkeit Sorge, Zermürbung und ewige Gefährdung. Das Resultat dieser unaufhörlichen Bedrohtheit war in vielen Fällen eine geknickte, „ghettohafte" Seelenhaltung bei den nicht starken Naturen und eine äußere, nicht selbst gewählte Praxis in Handel und Wandel, die einem alten edlen Stamme den Ruf eines verächtlichen Abhubs bei den Völkern eingetragen hat. Wer tiefer Mitteilung» für Monat Juli 1938 Vorlage der Steuerbescheide, nämlich: der letzten Vermögensteuerbescheide der Finanzämter und der Einkommensteuerbescheide der Finanzämter für das Kalenderjahr 1937 an die Beitragstelle der Israelit. Kultusgemeinde MQnchen, Herzog-Max-Straße 3/0 (Partei verkehr Montag mit Freitag 8«/»—12VS Uhr). Einzahlung der bisher noch nicht abgeführten Beilrage aus der Vermögensteuerrate per 10. Mai 1938 und der Einkommensteuerrate per 10. Juni 1938 (jeweils 15% der an die Finanzämter entrichteten Beträge). Ausgleichung; d. Unterschiedsbeträge die sich aus der endgültigen Veranlagung der Einkommensteuer 1937 und aus etwaiger Neuveranlagung zur Vermögensleuer ergeben, durch Bareinzahlung bei der Beitragstelle der Isr Kultusgemeinde München, Herzog-Max-Straße 3 0. oder Überweisung auf das Postscheckkonto der Beitragstelle München, Nr. 60990, oder Uberweisung aul das Bankkonto der Beitragstelle beim Bankhaus H. Aulhäuser, München, Nr. 17299. sah und in den erhaltenen Resten und Dokumenten mit der vereinten Kraft von „Seehel", d. i. ratio, und „Lev", d. i. mitschwingender Seele unbefangen lesen konnte, wußte längst, welche Bewandtnis es mit den Schlagworten Ghettogeist hatte. Nicht romantische „Bilder aus dem Ghetto" führen zum wirklichen Sachverhalt, sondern historisches, auf Einsicht in die Quellen beruhende Verstehen der besten, nicht der schlechtesten Kräfte jüdischer Selbsterhaltung und Selbstbehauptung. Also ein nicht ganz unkompliziertes Verfahren ohne Blickfang und Sensationen! Jüdisches Gemeinschaftsleben vor der Emanzipation kann nur aus unverfälschten Dokumenten abgelesen werden,-von denen.eine kleine neue Auswahl in dem erwähnten Schocken-Bäiidchen glücklich zusammengestellt ist. F. Ein Ch< .-R asaren-txoman und sein Von Coiifjad Kaiser. Dicht er i. Die Vielseitigkeit des Dichters Oskar Baum ist so erstaunlich wie däs Leben des Menschen. Der 1883 in Pilsen Geborene verlor ' seinem 12. Lebensjahre durch Raufbolde, die ihn auf der Straße überfielen und ihm die zersplitternden Brillengläser in die Augen trieben, das Augenlicht. Er kam dann in das Israelitische Blindeninstitut in Wien. Als 20jähriger legte er die staatliche Lehramtsprüfung im. Klavier- und Orgelfach ab, verließ die Blindenanstalt und ging nach Prag. Dort betätigte er sich als Organist in einer Synagoge und als Musikpädagoge. Wenige Jahre waren vergangen, airer seinen Freunden Kafka, Werfel und Brod einige seiner Geschichten erzählte. Der treue Freund Max Brod stenographierte mit und trug für Veröffentlichung Sorge. So wurde der Musiker ein Dichter. Sein autobiographischer Roman: „Das Leben im Dunkeln" (1909) ist noch heute der Blindenerzfehungsroman der Weltliteratur. Das völlig Neuartige ist die ganz und gar unsentimentale Art der Darstellung des Blindenlebens. Das gleiche gilt von zahlreichen seiner anderen Werke, soweit sie ebenfalls mit feinster Psychologie, aber absolut real, ihren Stoff dem Blindenlebert entnehmen. Erwähnt sei hier nur die fesselnde, drei grundverschiedene, erotische Erlebnisse einheitlich umfassende Liebesnovelle „Drei Frauen und ich" (1928). Ferner die ungemein reizvolle Geschichte „Nacht ist umher" (1929), die. trotz des scheinbar so traurigen, Themas, die Entwicklung eines Blindgeborenen von den ersten Tagen Ties Säuglings bis tur Hochzeit des Mamus erzählt, mit einer Ruhe und Anmut, die eines Stifterslwürdig wäre, — dabei doch völlig neues Land erschließend. \ In eine andere Kategorie gehört der schon stark metaphysische, aber auch das Soziale berührende Roman „Die verwandelte Welt" (1919). Fieberphantasien eines jungen Mannes, der in der Klinik der Wiederherstellung seines Augenlichtes entgegenharrt. Er träumt, daß durch eine atmosphärische Veränderung die gesamte Menschheit erblindet sei, mit unvorstellbaren Folgen für di# Entwicklung des menschlichen Lebens und Charakters. Und dann, im gleichen Jahre erschienen: „Die Tür ins Unmögliche". In diesem zunächst.ungemein qualvollen und quälenden, dann doch wieder weltgläubigen und tröstenden starken Roman behandelt Baum mit schauerlicher Konsequenz die Frage der Verantwortung des einzelnen für das Leid der Gesamtheit, und es ist nur einer der charakteristischen Zuue, daß im Beginn der Held die Schuld an