Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 13 (1.7.1938)
- Date
- 1938-07-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 13 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern 195 An die Mitglieder unserer Gemeinde! Mehr denn je rückt die soziale Betreuung, die Hilfe in zunehmender Not und der Aufbau neuer Daseinsgrundlagen in den Mittelpunkt der Aufgaben unserer Gemeinsschaft. Der \ ■ Zentraiausschuss für Hilfe und Aufbau begründet in den Tagen der Wende unseres Schicksals, bildet die Einrichtung, durch deren Wirken es in 5 Jahren wachsender Schwierigkeiten möglich war, Tausenden von Glaubensgenossen Hilfe zu bringen. % Die Auswanderung und ihre Vorbereituhg, die berufliche Ausbildung unserer Jugend, Aufrechterhaltung und Ausbau des jüdischen Schulwerks, wirtschaftliche Stützung bedrohter Existenzen, Versorgung unserer Alten stehen weiterhin und dringlicher als je zuvor im Vordergrund u nseres Hilfswerks. Der Zentralausschuß für Hilfe und Aufbau führt gegenwärtig im Zeichen der bisher geleisteten Arbeit eine Sammelunji Werbeakriop__-—- ——:-- „5 Jahre Hilfe und Aufbau" s durch. Seine Beauftragten werden in den nächsten Wochen auch die Mitglieder unserer Gemeinde besuchen. An die Gemeihdemitglieder ergeht die Bitte, der Aktion die Aufmerksamkeif und das Verständnis entgegenzubringen, das die Stunde fordert. Die Not wächst. Jeder muß helfen. Niemand darf abseits stehen. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München D r. \JV e u m e y e r. Oftfett! Aus Briefen an den Hilfsverein 1. Existenzmöglichkeit In Shanghai. Sehr geehrte Herren vom Hilfsverein! Es treibt mich, Ihnen für alles, was Sie für mich bei meiner Ausreise aus Berlin getan haben, wieder und wieder von ganzem Herzen zu danken. Sie können sich nicht vorstellen, wie glücklich und zufrieden, wie ruhig wir hier leben, ich werde niemals vergessen, daß dies alles letzten Endes durch Ihre ausgezeichnete Beratung und durch die Organisation des Hilfsvereins ermöglicht wurde. \ Ich nehme an, daß es Sie auch im Interesse der jetzt Auswandernwollenden interessieren wird, wenn ich Ihnen etwas über die Lage hier schildere. Wie ich schon seinerzeit von Hongkong aus meiner-Mutter schrieb, möchte ich unbedingt davon abraten, jemanden nach Hongkong zu schicken. Die Arbeitsmöglichkeiten sind dort so gering, daß für keinen-Beruf die geringste Aussicht besteht. Ich habe durch Glück und Zufall im Hongkong-Hotel als Musiker Stellung bekommen. Ich bin vor 1 '-■ Monaten mit meiner Familie nach Shanghai hinübergewechselt, da hier die klimatischen Verhältnisse viel günstiger sind, außerdem sind hier die Existenzmöglichkeiten und Lebensbedingungen viel vorteilhafter als in Hongkong. Ich habe hier Leute der verschiedensten Berufsgattungen gesprochen. Es gibt nicht einen einzigen Juden hier, der sich nicht ernähren kann. Jeder hat sein Auskommen und lebt glücklich und zufrieden. Voraussetzung ist natürlich, daß man irgend etwas können muß und intensiv arbeiten kann. Ich sage Ihnen 'ganz unverblümt, für solche, die nicht schwer arbeiten, ist hier nichts zu wollen! Aber seriöse, pflichtbewußte Leute finden hier auf alle Fälle Beschäftigung. Gute Musiker, speziell PianistenHBedingung: Modernster, amerikanischer Tanzstil) sind dauernd gesucht, weiter sind viel Arzte hier, die alle ihre gute Praxis haben. Kaufleute haben ebenfalls ihr Auskommen gefunden, ganz besonders günstig ist die Lage für weibliche kaufmännische Angestellte, man sucht hier immer Sekretärinnen oder Stenotypistinnen, Bedingung ist allerdings perfekte englische Sprachkenntnisse. Alle'Lebensmitel, Garderobe usw. sind hier sehr billig, das Klima ist sehr angenehm, drei Monate allerdings sehr heiß, aber neun Monate sehr schön mit sogar drei Monate ausgesprochenem Winte. Für Kinder sind ein sehr guter jüdischer Kindergarten und eine ausgezeichnete jüdische Schule vorhanden, beide Institutionen werden von meinen Kindern besucht, sie fühlen sich sehr wohl dort. Wenn Sie jemandem Shanghai empfehlen wollen, halte ich es für angebracht, wenn Sie mich vielleicht vorher kurz über die Fähigkeiten des Betreffenden unterrichten würden, ich bin gern dazu bereit, mich über die entsprechenden Möglichkeiten zu unterrichten und Ihnen dann nüchtern und verantwortungsbewußt zu berichten. Wenn Sie jemanden hierher schicken wollen, möchte ich empfehlen, den Landweg über Sibirien zu benutzen, dieser Weg ist se,hr bequem, außerdem schneller (15 Tage) und billiger (pro Person etwa RM. 285.—) als der Schiffsweg (23 bis 25 Tage). 2. Berufsmöglichkeiten in Uruguay. Die Ansprüche der Landbevölkerung sind Null. Der Hiesige ist zufrieden, wenn er tagtäglich Mate trinken und Unmengen von Fleisch essen kann. Es ist für uns kaum anzusehen, in welchen Mengen hier Fleisch vertilgt wird, und daher gibt es hier wohl auch so viele Leberkranke. In Montevideo gibt es auch alle uns bekannten Gemüsearten, auch Brot und Brötchen ungefähr so, wie wir es gewöhnt sind. In der Campäga ist Gemüse ein beinahe unbekannter Begriff, es ist teuer und sehr selten. Ebenso Butter. Die Hiesigen hiögen keine Butter, kochen alles in öl und zum größten Teil der Billigkeit wegen in Erdnußöl, wenn nicht.gar Sojabohnenül. Meist wird eine Mischung genommen von 20% Olivenöl und HQ% Mani (d. h. Erdnußöl). Im Gegensatz zu Brasilien ist hier einfach alles vorhanden, und der Bedarf ist gering. Es gibt hier große Tuchfabriken, davon zwei mit mehr als je 1000 Arbeitern. Es gibt hier Zement-, Glas-, Aluminium- und Papierfabriken und auch noch viele andere. Eine durch die Juden hergebrachte Industrie ist die Strickindustrie: Wolljumper, Badeanzüge usw. Es gibt zwei oder'drei Strumpf-" .fabfiken (seidene Strümpfe bester Qualität), und es gibt unendlich viele Wäsche- und Oberhemdenfabriken. Hier sind herrliche Geschäfte, die ganz getrost in Berlin stehen könnten, und zwar da, wo es am feinsten ist. Wunderbare Auslagen, und die Brasilianer Staunen über den* Reichtum, der sich so offenbart. Einen solchen Luxus kennt man in Sao Paulo,nicht. Dort ist Bedarf, hier Überproduktion. Die Wohnungei und Häuser werden fast ausschließlich durch die Banken vermietet. Die Mietsbedingungen sind überall gleich: mindestens 6 Monate Deposito (für 6 Monate Miete) sind bei der Bank zu hinterlegen und bleiben dort gegen Verzinsung von 3 bis 3,5% stehen als Sicherheit. Die allmonatlich fällige Miete ist dann stets am Monatsende fällig bzw. bis zum 10. des folgenden Monats. Hier zahlt man also nichts im voraus, sondern hinterher. Die von