Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 13 (1.7.1938)
- Date
- 1938-07-01
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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194 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern Nr. IS Verstärkte Anstrengungen zur jüdischen Auswanderung Aus dem Jüdischen Gemeindeblatt für Berlin vom 19. Juni 1938 > entnehmen wir die nachstehenden Ausführungen, die auch für die Gemeinde München gelten: Die Fragen, die uns Juden in diesen Jahren beschäftigen, berühren im tiefsten die Existenz jedes einzelnen und eines großen Teiles des jüdischen Volkes. Alle anderen Probleme weit fiberschattend, bildet die Auswanderung das ständige Gesprächsthema , aller Menschen, sie ist jjie vordringliche Aufgabe, der wir alle unsere Anstrengungen widmen. Uberblickt man die bisherigen Leistungen auf diesem Gebiete, so wird jeder zugeben müssen, daB sie sehr respektabel sind. Die Zehntausende von Juden, die in einem Zeitraum .von fünf Jahren aus Deutschland den Weg in die Welt angetreten haben, sind einen schwierigen, von vielen Hemmungen bezeichneten Pfad gegangen. In einer Zeit, in der-beinahe alle Grenzen sich vor den Juden schließen, war es kein leichtes Unternehmen, eine geordnete Wanderung durchzuführen und die Menschen davor zurückzuhalten, sich auf Abenteuer einzulassen, die zu unvermeidlichen Rückschlägen hätten führen müssen. Wir befinden uns in einer Periode, in der die Bemühungen gesteigert werden müssen, um einer nucli giößeren Zahl von Menschen die Auswanderung zu ermöglichen. Je eingehender man sich * mit dem Auswanderungsprbblem befaßt, desto mehr treten die Schwierigkeiten J^ervor. die seine Lösung komplizieren. Wir verstehen, daß insbesondere die jüdischen Organisationen, die sich mit der Wanderung beschäftigen, eine außergewöhnliche Scheu vor ungeprüften Projekten haben. Niemand weiß, wie die Erörterung solcher Fragen wirkt, jede Enttäuschung kann zu einem Sinken der Energien beitragen, der Energien, die der jüdische Mensch in dieser Zeit braucht, um nicht die Hoffnung zu verlieren. Man darf nicht vergessen, daß die jüdische Wanderungsbewegung dieser Zeit sich in einer Welt vollzieht, die unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu leiden hat, und jeder Vergleich mit den früheren Jahrzehnten greift völlig daneben. Man muß auch berücksichtigen, daß die Juden in die Lage versetzt sind, ganz auf sich selbst gestellt, die Verpflanzung einer verhältnismäßig großen Zahl von Menschen durchzuführen in einem Zeitpunkte, in wel- Mitteilung für Monat Juli 1938 Vorlage der Steuerbescheide, nämlich: der letzten Vermögensteuerbescheide der Finanzamter und der Einkommensteuerbescheide der Finanzämter für das Kalenderjahr 1937 an die Beitragstelle der Israelit. Kultusgemeinde München, Herzog-Max-Strafie 3/0 (Parteiverkehr Montag mit Freitag 8V|— 12' , Uhr). Einzahlung; der bisher noch nicht abgeführten Beiträge aus der Vermögensteuer rate per 10. Mai 1938 und der Einkommensteuerrate per 10. Juni 1938 (jeweils 15% der an die Finanzämter entrichteten Beträge). Ausgleichung d. Unterschiedsbeträge J die sich aus der endgültigen Veranlagung der Einkommensteuer 1937 und aus etwaiger Neuveranlagung zur Vermögensteuer ergeben, durch Barsinzahlung bei der Beitragstelle der Isr. Kultusgemeinda MUnchen, Herzog-Max-Straße 3/0, oder Oberweisung auf das vo\tseneckonto dar Beitragstalle MUnchen, Nr. 60990, oder Oberweisung auf das Bankkonto der Beitragstelle beim Bankhaus H. Aufhauser, München, Nr. 17299. ehern die wirtschaftliche Lage viele unter ihnen hilfsbedürftig gemacht hat. Diese Faktoren bedingen Berücksichtigung, sie müssen einkalkuliert werden, wenn man die bisher erreichten großen Erfolge gerecht würdigen will. So nüchtern jedoch man das Problem auch beurteilen mag, man kommt mit den hergebrachten Methoden nicht zurecht, wo es darum geht, in einer begrenzten Zeit ein großes Werk durchzufahren. Der Druck geht von den Juden selbst aus, die bereit stehen, ihre Existenz in ein anderes Land zu verlegen, und die unausgesetzt danach drängen, 4en Weg von den berufenen jüdischen Stellen gewiesen zu bekommen. Mit dieser Erscheinung müssen wir rechnen. Wenn deshalb immer wieder Pläne auftauchen, die Auswanderung zu steigern und zu intensivieren, dann mögen es Projekte sein, die mit den bisherigen Maßstäben gemessen der Fundierung entbehren. Man darf aber nicht übersehen, daß außergewöhnliche Zeiten auch ein außergewöhnliches Maß von Anpassungsfähigkeit verlangen und daß sie ferner die Auffindung besonderer Methoden zur Notwendigkeit machen.Dazu-gehört auch die Einsicht, daß es beinahe unmöglich ist, in dieser Zeit die jüdische Wanderungsbewegung mit Möglichkeiten durchführen zu wollen, über welche die Juden allein verfügen. Dabei ist keineswegs in erster Reihe an die finanziellen Fragen gedacht, obwohl auch sie eine wesentliche Rolle spielen. In erster Reihe richtet sich unser Blick auf die Erkenntnis, daß bei der geringen Aufnahmebereitschaft der meisten Länder der Welt nur eine Lockerung der Einwanderungsbestimmungen zu einer raschen Lösung des jüdischen Wanderungsprobrerrts beitragen kann. —I—*~r Es bedarf wenigstens in einigen entscheidenden Punkten der Mithilfe derjenigen Länder, die für die Einwanderung von Juden in Frage kommen. Deshalb ist die Anregung zu begrüßen, welche die Regierung der Vereinigten Staaten gegeben, und die zur Einberufung der zwischenstaatlichen Einwanderungskonferenz geführt hat, die demnächst in Evian ihren Anfang nehmen wird. Wir haben schon auf den entscheidenden Gesichtspunkt hingewiesen, als das Internationale Arbeitsamt in Genf eine ähnliche Besprechung organisiert hat. Auch damals haben wir gesagt, wie sehr es in erster Reihe einer Steigerung der Aufnahmewilligkeit bei solchen Ländern bedarf, die im Hinblick auf Ihre geringe Bevölkerungsdichte Einwanderer noch aufnehmen können. Wir vertreten den, gleichen Standpunkt auch in diesem Zeitpunkt, in welchem die Delegierten von 23 Staaten sich anschicken, die Frage zu prüfen, welche organisatorischen und finanziellen Hilfsmöglichkeiten zur Intensivierung der Einwanderung herangezogen werden können. Wir haben den dringenden Wunsch, daß alle mit diesem Komplex im Zusammenhang stehenden Fragen rein sachlich behandelt werden. Das Problem der Auswanderung ruft geradezu nach unvoreingenommener und objektiver Stellungnahme, es ist dieser Frage in keiner Weise gedient, wenn Momente hereingetragen werden, die abseits einer sachlichen Beurteilung liegen. Die Anstrengungen der Juden haben ausgereicht, um einen wesentlichen Teil des jüdischen Auswanderungsproblems zu lösen. Die noch vorhandenen auswanderungsfähigen Teile der Juden in Deutschland werden durch diese jüdische Kraftanspannung in einer relativ begrenzten Zeit zur Auswanderung gebracht werden können. Wenn die Länder der Welt ihre Neigung zur Aufnahme von Juden durch eine Lockerung der Einwanderungssperren bebekunden und wenn sie ferner eine gewisse Bereitwilligkeit, in organisatorischer und finanzieller Beziehung zu helfen,' an,, den Tag legen, wird die Lösung der Frage noch weiter beschleunigt werden können. Die stärkste Stütze erhält unser Gefühl, wenn wir bemerken, mit welcher Kraft das jüdische Nationalheim in Palästina sich gegenüber allen Situationen behauptet. Die Erfahrung, daß die jüdische Bevölkerung in Ere» Israel in dieser Periode ihren Bestand nicht nur behauptet und ihre Anziehungskraft immer weiter steigert, aber auch als Beispiel für alle Juden in der Welt gilt, ist nicht allein ein Trost, sie gewährt auch eine sehr' reale Erleichterung. Wir halten noch immer an der Hoffnung fest, daß aus den Beratungen um Palästina ein stärker ausgebautes jüdisches Zentrum hervorgehen wird, daß im Gebiete Erez Israels Hunderttausende von Juden »ine Heimat finden werden. Über alle Ent-" täuschungen empfinden wir das Dasein des jüdischen Nationalheims in Palästina als eine ermutigende Gewißheit, wir blicken zu ihm hin in dem Bewußtsein, daß mit seinem Wachsen die Lösung sich anbahnt, die vielleicht eines Tages dem Weg des jüdischen Volkes ein Ziel setzen kann.