Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 11 (1.6.1938)
- Date
- 1938-06-01
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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166 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern Nr. 11 ^/x^/x/^^/^y>i^/^/v^^/^/v^s/v^p \ Aus der Haftara zum 2. Tag des Schabbuot-Festes am 7. Siwan 5698 (= Montag, den 6. Juni 1938) Mag denn die Feige nicht blühn, kein Ertrag an den Weinstöcken sein, der Trieb des Ölbaums versagen, die Flur Speise nicht treiben, . \ die Schafe der Hürde entrissen und kein Kind mehr sein in den Ställen: ich, freuen will ich mich SEIN, jubeln des Ootts meiner Freiheil. Eli, mein Herr,< ist meine Macht, er hißt meine Füße wie der Hindinnen werden, i;bcr meine Kuppen läßt er mich schreiten. Ihibakkuk III, 17—19 (Übersetzung von Bubcr-Koscnzweig" i ^v/^/^/>y>y^/^y^/^/^^/>w^/^^/^/>k^/^/^.!ä die er sehr schätzte. Kr hatte einen so tiefen Eindruck von dem seltsamen Zauber, der Unberührtheit und Unabhängigkeit dieses Volkes empfangen, daß es ihm Freude machte, ihre Vorzüge durcheine sorgsame Darstellung ihrer Fehler herauszuarbeiten. Er hatte es selbst erprobt, «las Nomadenleben, das wohl die härteste aller sozialen Daseinsfonnen ist. und war nun um so mehr bemüht, es uns in seinen wahren Farben zu schildern als ein Leben, dessen Strenge, Leere und Entsagung nur die stärksten und entschlossensjen Naturen gewachsen sind. Es gibt nichts so Grollartiges und zugleich so Wirklichkeitsnahes als die Erzählur.ig seiner täglichen . Erlebnisse, Schwierigkeiten und der Empfindungen, die er unterwegs gehabt hat. Sein Bild von den Semiten als einem Volk, das ■ bis zu den Augen in einer Kloake sitzt, doch mit seinen Brauen den Himmel berührt-, laßt ihre ganze Stärke und Schwäche und die seltsamen Widersprüche in ihren Ideen zusammen, die unsere Neugier bei der ersten Begegnumg mit ihnen wachrufen." Doughty vertritt den englischen strengen Grundsatz: that a man slioulJ rorsuke liie rather than justice (Bd. 11. S. 270 der englischen Ausgabe). Deshalb verfolgt er die ehemalige alttürkische Pasdiawirtschaft mit Abneigung und nennt sie oft ein criminal governmet.it. Der erfahrene Arzrläßt eine Fülle lebendiger Typen von Arabern und Muslims aus Persien. Marokko, Algier, dem Irak vorüberziehen'; mit Humor und Ironie sind seine durchdringenden Menschenschildcrungeii entworfen. Aus der Unzahl köstlicher Figuren sei hier eine kurze Leseprobe abgedruckt, um zu zeigen, wie Douglity seine Umgebung zu charakterisieren versteht. Elte - er in das- Innere Arabiens aufbrach" und-am' 13. November 1876 sein Kamel zur Reise reich Arabien satteln ließ, hatte er Syrien, wo er im Antilibanon Bären jagte, ferner Palästina, Ägypten und die Sinai-Wüste gründlich kennen gelernt. Nun zog es ihn iii;das Innerste eines unerforschten Landes, nach Medain-SaKh,'den „Städten des arabischen ..Propheten Salih". nordnordiwestlich von Medina, wohin sich bisher aus Angst vor den räuberischen Beduinen kaum je ein Europäer gewagt hatte. Medatti-SaJih wird von Doughty als der ..diebischste"' aller Rastorte uut der Ka_ni\vancnstraße naoJi Medina bezeichnet. I>ie oberste türkische Behörde war dort der ..Festuiigs-Konunandant" Mohammed Aly, dessen Profil Doughty folgendermaßen zeichnet: Mohammed Aly, mit dem Beinamen „el Mahjub". Oberaufseher der Forts von Tebuk bis Medina. war ein verdammt liebenswür- . diger Raufbold von etwas schwachem Verstand. Seine lialb gutmütige. halb bösartige Natur war in der Schule des türkischen Regierungsdienstes vollends verdorben worden (wie bei vielen dieser ruhelosen Streber). Er .war ohne Bildung. Seine Familde hatte in einer algerischen Gebirgsgegend gelebt, wo, wie er zu sagen pflegte, noch ..unverdorbene alte Sitten" herrschten. Als die Franzosen dann Algerien erobert hatten, waren sie freiwillig, um nicht Untertanen von Christen zu werden, auf französischen Regierungssohiffen räch Syrien ausgewandert. Einer alten Familientradition zufolge, habe die Familie Mohammed Alys einmal vor. ««vlanger Zeit das ganze Land irm Maan herum besessen, wo auch Moses die Herden des Propheten Jethro weidete. Die Söhne Israels hätten die Familie dann aus ihrem Besitz vertrieben. Nachdem Mohammed Aly zum Militär gegangen war, hatte er mit den syrischen Truppen^ in dem furchtbaren Religionskrieg (jehad) gegen die Moskowiter im Kaukasus gekämpft und gelitten, wo er auch zweimal verwundet worden war. Ein Schuß schien, wie er selbst mir zeigte, vom Rucken her eingedrungen zu sein, und die alten Wunden machten ihm bei sohlechtem Wetter noch immer zu schaffen Darauf diente er als Führer einer kleinen Kavallerieabteilung in Palästina und in den Ländern jenseits des Jordan unter Mohammed Said, von dem er auch seinen gegenwärtigen Posten beikommen hatte In seinen guten AugenfoHakien konnte dieser halbwilde Krieger ganz klar und vernünftig redten. Dann erschien er fast menschenireundlich. Wie es eben Ebbe nach jeder Flut g*t. so können auch die schlimmsten Moslemin wie die guten gelegentlich sehr fromme Reden führen. Vor allem hielt er die Tapferkeit der Mauren für unerreichbar, und es war gefährlich, ihm darin zu widersprechen. Zum Tiger aber wurde er, wenn er schlechter Laune war,.Er war auch von früher her wegen seiner Grausamkeiten in der ganzen Gegend verrufen. Als er eine ' Zeitlang in Maan Leutnant gewesen war. hatte er, wie er sich rühmte, drei Männer aufhängen lassen. Als er dann einmal den Auftrag bekam, beim Fort von Mudewwere ein Gewölbe über dem Brunnenkopf aufführen zu lassen, um das Wasser gegen die Angriffe der Beduinen zu sichern, hatte er einige von ihnen gefangen genommen, Scheiks, die wegen Plünderungen auf der Pilgerstraße angeklagt waren. Er Heß sie binden und ins Fort bringen, wo er ihnen jeden Tag nur zwei Zwiebäcke zu essen gab und befahl, daß jeden Tag mit einer Hanctonühle (die ein unerträglich schweres Gewicht bat) eine Metze Mehl auf ihrer Brust gemahlen würde. Sie hatten diese Mißhandlungen eine Weile standhaft und männlich ertragen, bis sie endlich-unter ihnen zusammenbrachen und nach dem Lösegeld schickten, das er von ihnen hatte erpressen wollen. Im übrigen war er ein greisenhaft aussehender, kranker Kerl, dessen Körper mit Geschwüren bedeckt war. Schon über die mittleren Jahre hinaus, sah er nicht aus, als ob er noch tamige zu leben hätte. Sein Gesicht hatte etwas Teuflisches, er schien oft halb von Sinnen und finster vom Aussatz seiner Seele. Er brüllte, wenn er sprach, mit einer Stimme, daß man ersohrak und rtieinte. es sei der Grobh das Wüstengespenist, selbst gewesen. Fast stündlich wurden wir in unerem einsamen Fort durch ihn alarmiert, da sein boshaftes Herz nur von einem höchst mittelmäßigen Verstand beherrscht wurde. Im übrigen verstand er es, mit einem gewissen gelehrten Anstrich und einem Aufwand von mehr oder weniger gelehrten Worten sehr überzeugendl zu seinem jeweiligen Zweck zu sprechen. Die Orientalen betreiben aber auch fast nichts anderes, als den ganzen Tag über in ihren Männerversammlungen müßig beim Kaffee herumzusitzen. Dies ist eine unerschöpfliche Schule der Menschenkenntnis, wo sie es lernen, zum Herzen der anderen zu reden. Seine Erzählungen waren mit unzähligen Sprüchen gewürzt, in denen sich die Weisheit einfacher Menschen niederzuschlagen pflegt. loh habe sie mehr als zwei Monate mit anhören müssen, sie nahmen nie ein Ende. Er wußte sie aber so lebendig und' anschaulich zu erzählen, daß es keiner hätte besser machen können, und zum Teil nahm er sie auch aus seiner eigenen bunten Erfahrung. Mit seiner zügellosen Soldatensprache und jetzt mit seinem einst normalen Verstand zu Ende, mit seinen unsauberen tierischen Instinkten und seiner doch von Gewissensbissen geplagten, längst erloschenen MenschMl(MMMfc lichkeit. hätte dieses Wrack (wenn es dazu -Gelegenheit gehabt hätte) ein zweiter alter Tiberius werden können. Dabei war er sehr fromm, wie nur sie es sein können, und gewissenhaft in seiner Religion. Es fiel ihm schwer auf sein Gewissen, mich, den ( bristen, mit „Kbalii" (Scheik) anreden zu müssen, und er behalf /sich damit, mich für einmal „Khalil" fünfmal Ibrahim zu nennen. Er kehrte immer mit einer wunderbaren Feierlichkeit zu seinen Gebeten zurück, in denen er einen süßen Vorgeschmack des Paradieses fand. Sie waren der einzige Trost in der Wüst>e seiner sohwarzen Seele. Da er selbst ein Aussauger war. fiel es ihm leicht die verbreclieriche ottomanische Regierung zu durchschauen und sie bei ihren eigenen Schandtaten zu fassen. Auch hatte er in Damaskus zur Vorsicht seinen Namen in die Liste der französisch algerischen Untertanen eintragen lassen. So blieb ihm immer ein Loch zum hineinschlüpfen. wenn irgend etwas ihm bei der türkischen Regierung schief ging. Kleiner Literaturiührer zur ersten Einführung in die Geschichte und Kultur der Araber (aufgenommen ist nur gemeinverständliche Literatur für jediermairm): Iguaz Goldziher, Vorlesungen über den Islam; 2. Aufl., Heidelberg 1925. — C. H. Becker, \