Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg · 1938-04-15 · 8 (15.4.1938) · p. Seite 115

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
Volume
14 (Ausgabe A) (1938)
Issue
8 (15.4.1938)
Date
1938-04-15
Page
Seite 115 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/10638461-6435885-6435898--280-3770797
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 8 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern 115 bung. Sie. die Jungen, waren erfaßt von Fragen und Problemen, die ihnen eine geistige Begründung ihrer persönlichen Not aus der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage des jüdischen Volkes boten. Als sie dann versachten, auch von Seiten der geistigen Welt ihrer Väter Antwort auf ihre Fragen zu bekommen, da war dort keine Antwort bereitet. Und als sie dann gar entschlossen waren, aus der unrettbaren Verstrickung in die Galut- Not den Ausweg eines neuen Aufbaues in Palästina zu suchen, erfuhren sie Widerstand von der Seite der Väter. Beides aber — Nicht-Antworten und dem Neuen Hindernisbereiten — hat für die jungen Menschen den Zugang zu der Welt der Väter, mit der man dann Religion gleichsetzte, verschüttet. So kamen die Menschen aus dem Osten. Ähnlich erging es den Jugendbewegten aus dem Westen. Als sie Sturm liefen gegen alles Unechte und Erstarrte, gegen Konvention und Scheinleben, um Ströme neuer lebendiger Kraft zu erschließen, da glaubten sie. gerade in dem. was ihnen im Westen vielfach als Religion vorgelebt worden war. Widerstand zu finden. Und als dann auch hier recht oft die Kreise, die Religion vertraten, dem Zuge der Jugend nach Erneuerung im Lande der Väter entgegentraten, waren hier gleichfalls Erfahrung und Denkrichtung vom Religiösen abgetrieben worden. Die Kaufleute und Akademiker Mitteleuropas schließlich kommen.aus einer Welt, die wir nicht näher zu kennzeichnen brauchen, ist sie doch die Welt, in der eben bei uns — wenigstens bis vor einigen Jahren — die meisten Menschen groß geworden waren: Welt der Aufklärung und Entfernung von der Tradition, Geist der Verweltlichung und der weltlichen Interessen. Glaube an die Allmacht des Menschen und allzu große Sicherheit darin. So entstand die viel besprochene Gegenwart des religiösen Lebens in Palästina, das sich enthüllte. Denn das Land hat es ans den verschiedensten Gründen an sich, gerade auf diesem Gebiete nichts verdeckt zu halten. Bei uns. in der Galut, wird das Bild zuweilen beeinflußt, wenn die Menschen aus Lebensangst — an - sich ein Ansatzpunkt für Religion — zur Religion ihre Zuflucht nehmen. Dort, im Lande, hat man keine Angst. Wir wissen weiter, daß ein großer Teil der Besucher unserer Synagogen kommt, um dort Gemeinschaft — an sich ein möglicher Quell jüdischer Religiosität — zu finden. Dort, im Lande, findet man Gemeinschaft rum in gleicher Weise der Gegenwart an und der Zukunft, ist also echtes Keimen. Man erlebt, daß Familien aus westlichstem Milieu drüben bemüht sind, einen Freitag-Abend zu gestalten; daß der Vater seinen Kindern den Abend des Schabbat erfüllen muß. Man erfährt, daß $s wohl kaum einen Kibbuz gibt, in dem man nicht versucht, auf irgendeine Weise Feier-Zeit, d.h. doch im Lande Schabbat-Zeit, von Alltags-Zeit zu unterscheiden. Mit leuchtenden Augen erzählen alle von den weite Volksmassen erfassenden Festveranstaltungen zu Purim. Chag Habikkurfm (= Schewuot) und Chanukka. All das steckt heute noch fast ganz im Weltlichen, ist aber so sehr lebendiger Quell, daß man aus ihm, wenn es nur recht betreut wird, einst auch religiöses Werden schöpfen kann. , Nicht aber in diesen, vom Organisierten ausgehenden Möglichkeiten allein liegt die wandelnde Kraft des Landes. Sie liegt viel tiefer, im Organischen. Wenn man an den rechten Partner gerät, kann man die vielsagende Antwort bekommen: „Drüben in der Galut gingen die Menschen zu oft heraus aus dem Gottesdienst Und dann an den Dienst der Götzen Eigennutz und Geldverdienen und Vergnügungstaumel. Den Götzen dienen wir wenigstens nicht mehr. Der Lebenseinsatz. der nicht dem egoistischen Ich dient, wandelt schon die Seele. Das ist die Kraft der Arbeit für eine große Idee. Alle Religion. Besonders aber die jüdische, gründet auf gerechter Ordnung des Zusammenlebens und auf Liebe zu den Menschen. Sicherlich haben Juden auch in der Galut. die Notwendigkeit solcher Gemeinschaftsverwirklichung nie vergessen. Nur war es uns selten möglich, ungestört und ganz so, wie wir es aus vollem Herzen wollten, Gemeinschaft der Menschen mitbauen zu helfen. Drüben wird sich die Kraft der jüdischen Liebe und die Gestalt der jüdischen Gerechtigkeit — soll das Volk im Lande nur immer bestehen können — so austonnen müssen, daß sie wieder den „Vorhof" gestalten können. Die religiöse Haltung der menschlichen Seele wurzelt in dem Doppelten der Demut undtder Dankbarkeit. Hierfür gibt es jedoch keine bessere Lehrmeisterin als die Natur. Wir, die wir in so erdiückender Zahl Großstadtmenschen geworden sind, wissen um den Verlust und können darum die Kraft eines nahen Verhältnisses zur Natur nur noch ahnen. Und Menschen drüben sind ihrem ch außerhatrjTlerSynagoge, man lebt in ihr. Wir würden truch-Boden und seiner Blüte, den Regenwolken und den Sternen ver bei uns noch kritischer sein, wenn wir uns ausschließlicher mit der religiösen Situation unserer Jugend beschäftigen würden. 'Dort, im Lande, bestimmt Jugend die Erscheinung der Bevölkerung. Darum also bekommen wir dort im Lande ein so ungeschminktes Bild religiöser Gegenwart. Bleibt es nun dabei, daß die Menschen einfach dort das weiterleben und ausleben, was in der Galut verdorben und gestört worden war? In gewisser Beziehung bleibt es nicht nur dabei, sondern erfährt eine Verschärfung und Unterstreichung. Alle Neu-Einstel? Iung zu Religion verlangt seelische Energie. Die Menschen, besonders die ganz Neuen im Lande, aber brauchen sehr viel Energie für die Erfordernisse des doch sehr andersartigen und so schweren Löbens. Das „wir haben keine Zeit" ist ein bitterer Ausdruck dessen, vor allem dann, wenn es einem von jungen Menschen gesagt wird. Müdigkeit und Erfülltsein von anderem bilden eine Gefahr für alle religiöse Neuerung ifh Lande, eine Gefahr, die wir wahrscheinlich überall vorfinden, wo Menschen so mit ganzem Einsatz neu anfangen, die uns aber eben im Lande Israels besonders bange macht. Eine andere, weit.größere und ernstere Gefahr von dauernder Bedeutung Hegt in der Möglichkeit der Verweltlichung der Vorstellung vom Judesein. In der Galut war der Wille zum Judesein schon deswegen immer wieder auf die Religion verwiesen worden, weil er andere Inhalte kaum fand. Dort aber gibt es Nation und Staat. Aufbau und Kibbuz. Gerade für Menschen, die seit Jahrtausenden nicht mehr mit eigenen Händen die Mittel ihres Seins gestalten durften, besteht die Versuchung, diese Mittel mit Endzwecken zu verwechseln. Freilich ist es so. daß wir dieser Auseinandersetzung, die keiner gesunden Volksgemeinschaft erspart bleibt, im Verlaufe unseres Galut-Daseins nur wege"n der Armut unserer Seinsmöglichkeiten enthoben waren. Zugleich gilt, daß sich gerade an den lebendigsten Gestaltungen menschlichen Daseins die ursprünglich religiöse Kraft des Judeseins wird erweien können. Immerhin die Gefährdung von dieser Seite des bunden nicht mit den Augen des Sommer-Wanderers, sondern mit ihrem ganzen Hoffen und mit ihrem ganzen Bangen. Die Seele, die sie hineintragen in die Natur, erhalten sie gewandelt zurück: wissend um Ohnmacht des Menschen und täglich und jährlich neu empfangend den Segen. Und dieses Land wird Menschen neu formen mit der mächtigen Stimme de? Schicksales. Dort wird der nicht aushalten können, der für Kleines und Vergängliches arbeitet. Nur der wird dort dauern können, der selbst das Bewußtsein hat, am Dauernden mitzuschaffen, im Dienste des Dauernden zu stehen. Arbeit, Gemeinschaft, Boden, Schicksal: das sind die Kräfte zu einer möglichen Wandlung der Menschen. Ihre Auswirkung ist in die-Zukunft geschrieben — und gehst Du durchs Land, mehr darauf sehend, wie die vielen leben als darauf hörend, was so manche reden, dann weißt Du: es ist nicht mir Zukunft^sondem4rnliese4H- und jenem schon lebendiger Funke. „Die Religiosität weiter Schichten hier ist nicht das Chaos des religiösen Untergangs, sondern das Chaos, aus dem eine neue, Schöpfung herauswachsen kann." * Wichtig und mitentscheidend wird das Verhalten derer sein, die den Massen helfen können, aus der Gegenwart in eine andere Zukunft hineinzuwachsen. „Warten. Geduld haben!" heißt es aus dem Munde bereiter Menschen im Kibbuz. ..Dabeistehen und nicht Dagegenstehen" ist die Losung der verständig Helfenden. An zwei Stellen im Lande glauben wir solche Träger des Kommenden sehen zu dürfen. Einmal sind es die Kibbuzim der Jugend des Misrachi. Was Problem und Ziel langer Auseinandersetzungen früherer Zeiten war, wird hier in seiner Verwirklichung in Angriff genommen: Vereinigung von Arbeiter-Dasein und gelebter Religion. Rein innerjüdisch gesehen ist von besonderer Bedeutung, mit welcher Offenheit man den aus dem Leben Int Lande sich ergebenden Forderungen an eine Weiterbildung der Halaclia begegnet. Mutig ist eine solche Haltung nach beiden Seiten und darum kann ihr weisende Kraft In doppeltem Sinne innewohnen. Lebens im Lande bleibt Gegenstand der Sorge. , __Siff k«"" ein* Aiiitnrkcrn»n in dar Hrschliefluim dei Lehre So klaffen sie weit auseinandjTjjyellulef^SHmTCra bedeuten, sie kann eine Reinigung des Religiös der Gegejiwartr-Utrt^JclirweTui^ tiefer greifen, dann «laubefr — JwIenTum vöniBeigeschmaek-des Reaktionären hew/jrkeiir --wlTäuch heute schon Andeutungen dafür finden zu können, daß ——- _ _ ...i _ •_, .„ ' — . das Land auch hier — wie in allem — einen, wenn auch lang- * Aus einem Briefe von Rabbiner Dr. hlk (Haifa) an Kabbmer samen. weil gründlichen Wandel bringen kann. Dieses gehört da- Dr. Seligmann (Frankfurt a. M.).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.