Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 8 (15.4.1938)
- Date
- 1938-04-15
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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114 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der kultusgemeinden in Bayern Nr. 8 Die I ür seht auf. unü die männlichen «Glieder der Familie in Begleitung fremder Gäste treten in das reichgeschmückte Zimmer und nach der Entbietung des herzlichen FestgruQes setzt man sich um den Familientisch. Der Seder beginnt. Alte Gesänge erklingen, alte, ewig lebendige Geschichten ertönen. Sie erzählen von Not und. Schmerz, von Freiheit und Erlösung, von den gewaltigen Wundern Gottes, die sich immer erneuern. Und aus jauchzendem Herzen erschallt der Lobgesaug dem Ewigen, der sein Volk durch alle Drangsale der Zeit geführt hat. weil er noch Großes für es bestimmt hat. In mannigfaltigen Farben geht die Zeremonie vor sich. Speise und Trank. Genuß und seelische Erhebung. Pathos Und neckische Plaudereien wechseln miteinander ab. Und die Kinder sind glücklich, daß sie an diesem Abend eine so wichtige Rolle spielen dürfen, und die.,Eltern sind stolz auf ihren Nachwuchs. Die neue Generation soll ja alles das zur Wirklichkeit machen, was die Alten ftir ihr Volk erträumt haben. Die Geschichte Israels zieht an diesem Abend in so herrlichen Bildern vorüber und man erlebt all die Schicksale der Vergangenheit so klar, als wenn es heute geschehen wäre, und aus überströmendem Herzen dankt man dem Schöpfer, daß er die Juden zu seinen Lieblingen, zum Gottesvolk auserwählt hat, daß er uns berufen hat, für das Große zu leben und zu leiden. Man ist erlöst von der Knechtschaft Ägyptens, von der heidnischen Brutalität, man ist ein sittlich-geistiges, ein ewig göttliches Element geworden, — gibt es etwas Herrlicheres .als das? Noch im Schlafe begleiten einen die Bilder der Vorzeit, die Glieder der langen Kette der jüdischen Geschichte. Man sieht vor sich die alten Juden, die vom großen Mosciie den Weg der Freiheit .geführt werden. Man sieht vor sich das idyllische Leben im Lande der Väter in der Vergangenheit und die leuchtende Zukunft, den Aufbau des neuen Lebens im heiligen Lande. Und morgen wird man zu neuen Herrlichkeiten erwachen, und in der Synagoge wird die ganze Gemeinde die Erlösung Israels feiern. Und acht Tage voller Schönheit harren unser, um die jüdische Seele zu erheben und mit neuer Kraft und mit neuem Mut zu erfüllen^ Sehet, so feierte ein sittliches Volk seine Erlösung, so bekundete es seine Liebe zur höheren Freiheit. Religiöses Leben im heiligen Lande Von Rabbiner Dr. Heinrich L e m I e Alles religiöse Leben im heiligen Lande beginnt mit der Erinnern n g. So wie es in dem Bewußtsein Jehuda Halevis lebt in Erinnerups au jene heiligen Orte. ..wo sich einst .den frommen Vätern aufgetan die Himmelspforte, wo von Gottes heil'ger Nähe Erd! und Himmel war umflossen*".1 so ersteht es noch heute in dem Erleben dessen, der dort wandert. Jeder Talzug spricht: da weideten sie ihre Herden. Jeder Hügel winkt: dort riß ihr Auge sich zur Höhe. Jedes Donnerwetter kündet noch von ihrem Erschüttertwerden. Aus Namen kleiner Eisenbahnstationen tönen klingende Stationen unserer Geschichte. Wegweiser der Autostraßen geleiten auf Straßen heiliger Züge und wallfahrender Scharen. Steine sprechen und Luft atmet: Erinnerung. Auch Menschen gibt es. die leben noch ganz in jener Erinnnerimg unü mit ihr. Sie selber .sind gleichsam lebende Erinnerung. Jener alte Jude, der da an" der Klageinauer stand, hingegossen schien sein ganzer Körper in die Tiefe des Gebetes. Sich dem Stein vermählend ward er selbst ein Teil der Mauer. Der alle Scliamnies in der alten Synagoge erzählt von dei; heiligen Geschichte eines Krüglein Öls und eines Schofars, die in der FcnsjernjscJie -seit dei Zert des Tempels auf den Weckruf des Mes'sias warten. Und erzählend wird er selbst altümwitterte. sagenhaft entfernte Gestalt aus der langen Reihe glaubend Wartender. In der glühend heißen Sonne saß ein anderer vor dem alten Folianten, tief erglüht in innerer Glut, und den Schlag des Herzens richtet er nach anderem Rhythmus. Zeit ward nichts. Jahrtausend zur Minute. Also leben sie. lebt ein kleiner Teil unseres Volkes tirüben im Lande: frei vom Gegenwärtigen, ganz in dem. was Erinnerung ist. Ihnen ist es Leben — doch den neu Gekommenen bleibt es nicht wiederbringbare Vergangenheit. Denn dazwischen liegen, nicht nur Kontinente, gähnen nicht nur Jahrtausende: weltenweit verschiedenes Geschick treibt die Alten und die Neuen an die ganz entlegenen Ufer jenes Stromes, der jüdisches Leben und Erleben heißl Darum trägt jene Schicht der Alten doppelt heiliges Zeichen; heilig, weil uns ehrwürdig, heilig aber auch, weil — „es war einmal". Brücke zwischen jenen ühd den Neuen will das Leben schlagen, das in europäisch-orthodoxen Gemeinden herrscht. Ks w ill darum Brücke sein, weil es wirklich an die beiden Ufer heranreichen zu können glaubt. Mit dem Kreis der Altgläubigen verbindet der-ungebrochene Glaube an Gesetz jjjid Tradition. An die neu Ankommenden soll die Rücksichtnahme auf Ansprüche, die etwa an ein geordnetes Gemeindeleben oder an die Ausgestaltung ' Siehe Höxter, ..Ouellenbuch", kleine Ausgabe S. 69. der Familienfeiern und an die Formung des Gottesdienstes gestellt werden, heranführen. Es sind vor allem konservative Rabbinar aus Deutschland, die sich um dieses Brückenschlägen mühen und Menschen aus den orthodoxen Gemeinden Deutschlands, die dort versammelt werden. Es bleibt allerdings zu fragen, ob diese Brücke wirklich Dauer haben wird. Ob sie noch von Generationen, die nach den Eingewanderten Eingeborene sein werden, betreten werden wird? Ob sie tatsächlich Menschen der beiden' Gegenufer dazu bringen kann, die Brücke zu beschreiten, gleichsam der Mitte sich zuzubewegen? Es Wird wohl so sein, daß die Brücke den ganz im Alten Lebenden zu viel des Europäischen und den Kindern der Zeit zu viel des ihnen nicht mehr zum Leben zu Erweckenden au sieh trÜK't. Dann aber mag diese Brücke wohl ihren logischen Ort. nicht jedoch die seelische Kraft der Verbindung haben. Denn die weitaus meisten unserer Menscfien im Lande sind nun einmal Kinder ihrer Zeit und Produkt ihres bisherigen Weges. So sehr auch die Welt der Erinnerung beeindruckt und fesselt, die Situation des Landes auf religiösem Gebiete wird nahezu aus- "scIrtieUlich von Menschen der Gegenwart bestimmt. Darüber hat man ja schon so viele Urteile gelesen und gehört. Man hat sich erzählen lassen yon der Enttäuschung für die Touristen, die dort glaubten, ein Leben im jüdischen Gesetze anzutreffen, das sie — die Touristen — zumeist nicht mehr erfüllen können. Man hat von der Überraschung für die Besucher des Landes gehört, daß die Besuchten auch nicht anders leben als sie — die Besucher — selbst. Man hat erzählt vom unschabbatlichen Aussehen des Schabbat im Lande: Man hat davon berichtet, wie weit ab für viele Menschen Fragen und-Belange des Religiösen lägen. Man sieht auf weite Strecken des jüdischen Lebens eine jüdische Wirklichkeit, die dessen, was uns bisher als Kernstück jüdischen Seins erschien, entraten zu können meint. Man weiß insbesondere von dem Leben in den Kibbuzim zu erwähnen, wie religionslos es dort sei. Man hat dies alles zusammengetragen und berichtet, was da ist, selten aber hat man gefragt, wie das kam und wurde. Um zu begreifen, wie es dazu kam, tut not zu erkennen, wie sie kämen: als Arbeiter aus Rußland und Polen, als Jugendbewegte aus Deutschland, als Akademiker und Kailfleute aus Deutschland und Mitteleuropa. Nicht um zu entschuldigen oder zu beschönigen, sondern, um eines gerechteren Urteils willen sei diese Überlegung in den Bericht eingeschoben. » Jene Chaluzim aus Rußland kamen aus einer Welt, die zusammengebrochen war. Der Zusammenbruch des politischen und wirtschaftlichen Daseins war für sie nicht weniger eindrucksvoll als der Zusammenbruch der geistigen Werte ihrer jüdischen Umge- Sammelbüchsen für Hilfe und iÄufbau werden in den nächsten Wochen durch unsere, mit Ausweis versehenen, berufsmässigen Sammler Jugendliche sind zur Büchsenleerung nicht berechttgt.; Keine Haushaltung ohne Sammelbüchse für Hilfe und Aufbau.