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Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg · 1938-04-15 · 8 (15.4.1938) · p. Seite 113

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
Volume
14 (Ausgabe A) (1938)
Issue
8 (15.4.1938)
Date
1938-04-15
Page
Seite 113 (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Au**aheA GemeindeMatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Knltusgemelnden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg A«sjg»be A t Allgemeine Ausgabe, Bezugspreis RM. -.60 im Vierteljahr, RM. 2.40 für das Jahr AwsjafceB: Mit dem Beiblatt für Würzburg und Umgebung. Bezugspreis RM. 1.50 im Vierteljahr, RM. 6.— für da* Jahr. Erscheint am 1. und 15. jeden Monats. Herausgeber: Verband Bayer. Israel. Gemeinden / Verlag B. Heller, München, Plinganaerstr. 64, Tel. 75665, Postscheck München 5987 / Anxeigen nach Tarif. Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda betr. Oberwachung der geistig und kulturell titigen Juden im deutschen Reichsgebiet. XIV. Jahrgang München, 15. April 1038 Nr. 8 Inhalt: Die Zeit unserer Freiheit — Religiöses Leben im heiligen Lande — Verband bayer. Isr. Gemeinden — Aus der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Augsburg — Aus der Gemeinde Bamberg — Jüd. Turn- und Sportverein München e. V. „Jtus" — Bücherschau — Jüd. Kulturbund in Bayern, Ortsgruppe München — Mitteilungen des Jüd. Lehrervereins für Bayern — Geschäftliches — Bekanntmachungen des Verbandes Bayer. Isr. Gemeinden — Personalia — Kalendarium und Gebetszeiten. 1 II „Die Zeil unserer Freiheit Alte Erinnerungen von Fabius Schach Erlösungsfest! Wie symbolisch verblaßt klingt dieses Wort dem modernen Juden I Wie eine Stimme aus einer fremden Welt_ —tönt diese Bezeichnung herüber. Dem Juden des Ghetto war dieses Wunder lebendige Wa h r h e i t, er erlebte mit dem Pessachfest diese geschichtliche Erlösung seiner Väter. Jedes Jahr von neuenTerlebte er sie mit ganzer Seele, mit starkem Empfinden. Wiederholt sich nicht dieses große Wunder der Erlösung der Welt und des Juden immer von neuem?_Draußen bersten die Bäche und unter Dröhnen und Krachen befreien sich die Flüsse von ihren Eisfcssein. Die Natur ist erwacht, sie hat, ihre starre Hülle von sich geworfen, und sie zeigt bald zornig grollend, bald Rold lächelnd ihre Kraft, und die junge Sonne wärmt so herrlich und sie bescheint eine neue Welt. Und in der Gemeinde, welch neues Leben entfaltete sich dort! Welch neues Leben wurde dort vorbereitet! Seit dem Purim ist der Winter verabschiedet und alles rüstet sich, um das herrliche Frühlingsfest, den alten, ewig neuen Pessach würdig zu begehen. Eine gründliche Erneuerung der judischen Wohnung geht überall vor sich. Das Haus wird von innen und außen gründlich geputzt. Ströme von Wasser laufen von Fenstern und Wänden und jedes Möbelstück wird sorgfältig gereinigt und neu gestrichen. Uberall sind fleißige Hände an der Arbeit, und es wird mit dem Eifer einer heiligen Sache emsig geschafft. Und das geschieht nicht wie eine Last, sondern freudigen Herzens, denn alles dient einer großen Sache. Jeder Tag hat seine besondere Bestimmung, und jedes Familienmitglied hat seine Aufgaben. Da werden die'obligaten roten Rüben eingemacht, damit die köstliche rote Suppe am Feste nicht fehle.' Da wird das uralte Getränke, der Meth, der zum jüdischen Nationaltrank wurde, aus Hopfen und Hpnig gebraut, damit er bis zum Feste recht spritzig wird. Da wird der übliche Rosinenwein angesetzt und geklärt, damit er den Sedertisch ziert. Schließlich wird das Weizenmehl zum Bäcker gebracht, und unter Aufwendung von Zeit und Mühe werden nach den alten Vorschriften die Mazzot hergestellt und nach Hause gebracht. Das alles geschieht mit einer Sorgfalt, die an Zärtlichkeit grenzt. Alles rennt und läuft, alles ist mit Kisten und Paketen beladen, alles dient eifrig dem hohen Feste. Nun wird auch an die K I e i d e r f ra g e gedacht. Man läuft zum Krämer, um Stoffe herauszusuchen, man trägt sie zum Schneider^ um neue Sachen für Kinder und Erwachsene anzufertigen. Mit pochendem Herzerr^wartemtie~Kinder auf ihre neuen Anzüge und Schuhe, um am. Feste damit stolzieren zu können. Es ist ja der Beginn des Sommers,^der sich auch In der Tracht manifestieren soll, und was man zu Pessach nicht kriegt, das bekommt man nimmermehr. Endlich ist alles zu Hause: Mazzot, Meth und Wein, Gänseschmalz und Eier. Fleisch und Fisch, — wie es sich für eine jüdische Familie gehört. Der Alltag ist in die Rumpelkammer gewichen und die Feststimmung hält ihren Einzug. Die Sauberkeit leuchtet aus allen Ecken, alles hat sich verjüngt und erneuert und von den Wänden winken alte Bilder und Leuchter, die Grüße aus alten Zeiten bringen. Schon am frühen Morgen des Rüsttages ist der Chamez gänzlich verbannt und alles ist zum Empfange des hohen Gastes bereit. Nun geht man an die feinere Arbeit, die Herstellung der Speisen, und endlich an die Ordnung des Sedertiscnes. Alte Kristallgläser mit wunderlichen Formen, Silberbecher, die Jahrhunderte alt sind, werden auf den Tisch gestellt. Seltene Geschirre. Erbstücke alter Geschlechter, dienen als Behälter für Mazzot, Maror und Charosset. An jedem Platze stehen vor den blanken Tellern die verheißenden Kossot und alte Haggadot mit wunderlichen Bildern liegen zum Gebrauch des Abends bereit. Sorgfältig und voller Weihe wird diese wichtige Arbeit abgewickelt. Nun ist alles bereit. Die Frühlingssonne schaut durch die offenen Fenster neugierig hinein, und sie lächelt voller Zufriedenheit. Sie Weiß, daß diese Menschen, die man für erstarrte Mumien hält, sich am glühendsten nach Liebe und Freiheit sehnen. Es sind ja Kinder eines alten freien Volkes, in deren Herzen alle Leiden die Poesie nicht zu töten vermochten. Sie erleben ja mit ihren Vätern den Auszug aus Ägypten, sie jauchzen mit ihnen, der Fronarbeit der Sklaverei entronnen zu sein. Ach, sie leiden ja schwer und doch jubelt alles in ihnen ihrem Gotte zu. der ihre Väter erlöst, der sie zu Trägern seiner Kultur auserkoren hat., Auch diese Arbeit ist zu Ende. Der Sedertisch ist bis in die feinsten Einzelheiten geordnet, die Kerzen sind entzündet. Die Männer sind nach dem Gotteshause geeilt, und im trauten Heime herrscht eine heilige Stille. Das Fieberhafte ist gewichen und hat einer abgeklärten Ruhe Platz gemächt. Es ist die Stunde teurer Erinnerung für die Hausfrau, die Stunde, in der das ganze Leben in Bildern vor dem geistigen Auge vorüberzieht. Verträumt sitzt die Matrone in ihrem Lehnstuhl, mit strahlendem Auge überschaut sie ihr Reich. Tief, tief in die Vergangenheit "versenkt sich ihr Blick and vollen Zuversicht schaut sie in die Zukunft.

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