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Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg · 1938-03-15 · 6 (15.3.1938) · p. Seite 82

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
Volume
14 (Ausgabe A) (1938)
Issue
6 (15.3.1938)
Date
1938-03-15
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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82 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern hier eine Methode vor. die sich vom Grundwesen der Vielgötterei herschreibt. Von dieser Situation aus ist jedes Verlanget: eines wundertatigen Eingreifens von oben kompromittiert und vorbela^. stet, selbst dorf wo der Glaube an den Einen die Gefahrenzone durchschritten ftiat. Den durch die Wüste ziehenden Juden, die der Entbehrungen angewohnt um Hilfe flehen, mag die Allmacht das Wunder nicht versagen, denn sie hat Mitleid mit der darbenden Kreatur, aber zugleich hält sie strafendes Gericht, da in jenem Verlangen, ganz im Hintergrunde, ein dunkles Bestreben kund wird, den von Mosche gelehrten Gott in einen — unvorteilhaften — Vergleich mit Fremdgöttern zu setzen. Vom Ruf der Not ist schwer zu trennen die Forderung,.daß hier göttliche Kraft, und das heißt: Wahrheit und „Glaubwürdigkeit" (im eigentlichen Sinn) sich zur Kenntnis bringe, und der Gottheit steht es wohl zu gekränkt zu sein, wenn man von ihr verlangt, daß sie sich in ihrer Wahrheit beweisen soll, nachdem sie aus freiem Antrieb übergenug darin getan hat. Es ist überdies klar, daß der Sinn eines vom Menschen erzwungenen Wunders nicht zur vollen Reife entfaltet sein kann. Denn im Wunder will die himmlische Macht ihre letzte Freiheit und Eigenmächtigkeit darstellen. Und eben dies wird vereitelt, wenn der Mensch diktieren -und fordern kann. Die talmudische Frömmigkeit hatte ein Empfinden für die Beengung der Eigenkraft im geforderten Wunder. Der Vater, wiewohl er mit Stolz auf den Sohn hätte blicken Können, dem Gott gefällig war, verwünscht ihn, weil er die Allmacht „bemühte", die schöpierische Freiheit, die im Wunder ihr Meisterstück zeigt, bedrängt. (Ta'an. 24a.) Das Eigene des- Wunders, wie es sich im jüdischen Schaukreis bekanntgibt, ist, daß sich Göttliches und Irdisches nicht mischen. Der antiken heidnischen Vorstellung erschien vielfach das als das eigentliche Wunder, daß göttliche Substanz sich in irdische Gestalt einsenke, daß also was nur Bild und was Gebild ist, ineinander übet - gehen können. Es war der alten Welt eine Sorge zu wissen, wie man die göttliche Kraft dem Menschen zuleite, wie die Erdenwelt ihrer teilhattig werde. Die Umgießung von Form zu Form, das Sich-Nahekoimnen, das Uberspringen, die Austauschbarkeit beider Welten bildete den Kern aller jener Erscheinungen, in denen sich dem alten Begreifen vor allem Wunder kundgab. Der jüdischen Aufiassurig ist jene substanzielle Verhakung als schöpferischer Anlaß des Wunders fremd. Es handelt sich nicht darum, den Umiang der Darstellungsmöglichkeiten göttlichen Seins au Kenntnis zu bringen, sondern Gottes M acht anschaulich zu machen. Sie ist um so klarer erschaubar, als die Natur nichts als Material ist „Ton in des .Töpfers Hand". Die Größe aller jener Wunder, die in uns eine geschichtliche Freude erwecken, rührt davon her,' daß sie durch eine Dichte, ein Naliesein von naturhaften Elementen, die in dieser Konstellation im allgemeinen nicht vorkommt (wie beim Meereswunder) oder durch eine überraschende Konfiguration von Menschen und Ereignissen im geschichtlichen Szenenbild (wie beim Purimwunder) bewirkt werden. Ein solches Wunder hat das Eigene, daß es dem begreifenden Verstände bloß daliegt, daß es „offensichtlich", öffentlich ist. Man nennt es Wunder, aber man hat das Recht, auch Vorgänge, von denen bei gerinnerer Dichte und Geschärftlieit der sich begegnenden Elemente eine glückhafte, befreiende Wirkung ausgeht, so zu nennen. Solches kann man von den antiken Einwandlungswunderii nicht sagen. Wie sie als Kultvorgänge sich in geheimen.der Masse der Gesellschaft unzugänglichen Räumen abspielten, so haben sie auch einen geschlossenen Raum im Geistigen, in den Verstandeskraft nicht eindrinst, nicht eindringen soll. Hier hat sich das Wunder in sich selbst zurückgezogen, ist zunrGeheimiris, zum Mysterium geworden. An den Zeichen, die es trägt, ist sein Sinn, seine Absicht nicht allgemein erkennbar, und ein Vermittler muß hinzutreten. Der Kundige und der Künder, der sie. darlegt, mag es der Rhapsode sein, der das, was'als einzelner Akt Mysterium heißt, in die Handlungsreihe mythischer Geschichtlichkeit einsetzt, oder der Prophetes, der die stammelnden Laute der orakelspendenden Pytbia. in deren Geist der. Gott niederfuhr, sinnvoll zusammenfügt, oder der Mystagoge. der den .Menschen belehrt, wie er in seltsamen Zeremonien des Gottes mächtig werde, und ihm bei den Weihen behilflich ist. Was uns Juden ein Wunder sein soll, ist ohne deutende Vermittlung als Wunder zu erkennen. Auch unsere Uberlieferung weiß vom Verwandlungswunder, nicht Einwandlungswunder. erzählt vom Stabe Aharons, der frische Zweige bekam, von einer alternden Frau, die Kinder empfing, von einem kahlen Feigenbaum, dem plötzlich reife Früchte wuchsen. Neben diese, die sich auf die Zurückrufung der abgesunkenen Aufbaukräfte gründen, regenera- ' tlven Umschwung — im Rahmen der objektgemäßen Formenskala —i nicht Umbiegung der Natur bedeuten, ist die andere Kategorie gestellt, bei der es sich um eigentliche Verwandlung handelt, etwa X ..... \ ' \ Lehrhaus der Kultusgemeinde Sonntag, den 20. Märr 20 Uhr 30, im . Sitzungssaal Herzog-Max-Strafte iLo— Vortrag von Herrn \ Dr. Hans Liebetchütz-Hamburg Der Anteil der Juden am Aufbau der englischen Monarchie Eintritt für Gemeinde-Mitglieder frei gegen Lösung einer (kostenlosen) Eintrittskarte in der Gemeindekanzlei bis einschließlich Donnerstag, 17. Mörz/' das Schlangenwunder des Mosche. Bezeichnend genug aber, daß - dieses auf die jüdischen Augenzeugen keinen bleibenden Eindruck machte und im ganzen Jür_Phaxao berechnet schien,-der-nur-durch die Formen des ihm geläufigen Zauberturniers geschlagen und von der Machtüberlegeriheit des Gottes Israels über die mizrischeu Gottheiten zu überzeugen war. , Dem Juden ist Drang und Gefahr vertraut wie das tägliche Brot. Er darf darum manches ein Wunder nennen, was dem Gesicherten nicht ein Wunder dünkt. Der Jude soll nicht um ein Wunder beten, nicht auf ein Wunder vertrauen, wie der Talmud sagt. Es hieße, Gott bemühen, Gott erproben. Man kann es nur so erschauen wie Mosche die göttliche Glorie, mit dem Blick aufs Vergangene. Würden wir ihm erwartend das Gesicht entgegenhalten, es könnte den Tod bedeuten. Aber wir danken im täglichen Gebet für die Wunder, die er uns jeglichen Tag erweist „und die Wunderwaltungen und Wohltaten zu jeglicher Zeit, morgens, mittags und abends". Das Leben selbst, wie es sich erhält, wie es wieder neu wird, nachdem der Tod sein Fangnetz darüber gestülpt hatte, all das ist wundergleich. Schon Äußerungen des älteren poetischen Schrifttums weisen in diese Richtung, wie wenn es im Ps. 136 nach der Aufzählung all der Schöpfungs- und Geschichtswunder heißt: „Er gibt Brot allem Fleisch, denn ewiglich währt seine Huld." Man /kann diese Stelle unmöglich ohne tiefe Bewegung lesen. An ihr geht die Erkenntnis auf: Schwer ist der Unterhalt für den Menschen wie die Spaltung des Schilfmeers (Pes. 118a). Einem Wunder wird die Genesung des Kranken gleichgesetzt, denn er ist durch das Feuer des Fiebers hindurchgegangen, wie die drei Männer durch das Feuer des Glutofens und heil davongekommen (Ned 41a). Der Jude darf vieles, das ihm begegnete, ein Wunder nennen, denn er kennt die Not. Er nennt es Wunder, ohne die Gültigkeit der originalen Wunder derjjberlieferung herabzusetzen, ohne den Hintergedanken einer materialistisch-rationalistischen' Konkurrenzgesinnung, einem häufigen und lebensfunktionellen Vorgang den Namen Wunder zu geben, um damit den im Glauben fortgereichten Grundsinn des echten Wunders,-zu zerstückeln und verflüch.- -tigen. Dieses gilt dem religiösen Sinn als Wunder urlter Wundern. Wie die Gemeinschaft ihre Erlebnisse hat. in denen sie ihres und des göttlichen Daseins triumphierend innewird, so hat auch das persönliche Leben seine wundersamen Erfahrungen, darin der Sieg des Lebens mit dem Sieg Gottes zusammenfällt. Die kleinen, selbsterfahrenen bringen den überlieferten die Überzeugungskraft der

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