Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg · 1938-03-15 · 6 (15.3.1938) · p. Seite 83

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
Volume
14 (Ausgabe A) (1938)
Issue
6 (15.3.1938)
Date
1938-03-15
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/10638461-6435885-6435895--250-3770766
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 6 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern 83 Wahrheit zu. Darum dankt der' Jude jeden Tag für die rettende Hilfe Gottes. Kreuzt aber sein Weg den Ort, wo ihm oder seinen Vätern Wunder geschahen, erreichen seine Tage die Zeit, in der seinem Volk einst Wunder widerfuhren, so fügt er dem täglichen Dank einen eigenen Segen hinzu, einen besonderen Dank für das besondere Wunder. Nicht nur wandelt das Leben des Juden an Wundern vorbei, nicht nur erfährt er an sich, wie .auf das „Beinahe" des Verlorenseins das „Noch eben" des wiedergeschenkten Daseins folgt, es ist ihm auch gesagt, daß seine ganze Existenz auf ein Wunder gestellt ist. Beinahe wäre das Volk, dem er angehört, nicht ins Leben getreten. Denn das Stammes Ahnfrau war eine Greisin und der Gedanke an Kinder brachte sie zum Lachen. : Gott tat ihr ein Wunder. Aus 4er Erstorbenheit der" Natur, gegen die Natur hat er das Volk zum Leben erweckt. Wenn der Prophet den Herrn sagen läßt: „Ich habe Mir dieses Volk gebildet", so geht das tiefer hinab als bis zur gestifteten Ordnung einer religiösen Konstitution. Zwischen dieses Wunder des Anfangs und das Wunder des Endes, die messianische Wirklichkeit, ist seine Existenz eingespannt. Das zu wissen, mag dem einzelnen Ruhe geben in des Tages Unrast, mag ihm den Sinn schärfen für die Schuld, in der er steht, für die Pflicht, die ihn erwartet. Vorbericht über drei Grundwerke jüdischer Eigenbildung i Die umtassende literarische Produktion in unserer Mitte in den letzten fünf Jahren diente nur zum geringsten Teil dem Unterhaltui.-gs- und Ablenkungsbedürfnis. Der weitaus größte Teil des Schrifttums galt dem tieferen Verständnis unseres geschichtlichen Eigenwesens und dem Wiederamschluß an die jüdische Ideenwelt, die für viele, man kann ohne Übertreibung sagen, für die meisten unter uns, im Fortgang des ununterbrochenen Angleichungsprozesses der letzten 150 Jahren so gut wie versunken war. Die Bibel und ihre Erklärung, die Weltgeschichte des jüdischen Volkes, Hebräische Sprache und eine' richtig verSTSr!fdene „Gegenwartskunde" sind die unerschöpflichen Themen, die zum Zwecke jenes Wiederrrschrusses fesselnd und grummcn neu zu behandeln waren. Vielfach mußte dabei von den Wegen der vor mehr als 100 Jahren im Zuge der Gleichberechtigungsbestrebungen entstandene»!, „Wissenschaft des Judentums" abgewichen werden. Die Bildungsvoraussetzungen dafür waren in den letzten Jahren bei uns in erschrekkender Weise einfach nicht mehr vorhanden. Es wurde immer mehr notwendig in Anlehnung an die älteren Methoden des jüdischen Elementartennens wieder ein schlichtes, aber gründliches Verständnis des massoretischen Bibeltextes in den Mittelpunkt der jüdischen Bildung zu stellen. Daneben zeigte sich ein verstärktes Bedürfnis nach vertieften Geschiohtswerken ohne apologetische Tendenzen und ohne Schönfärberei. Die Leidenschaft zur reinen Wahrheit und die unverbrüchliche Liebe zu unserem schwergeprüften jüdischen Volk durften für diese vereinfachte Wiedervergegemwärtigung der jüdischen Geschichte die einzigen Richtlinien sein. In volkstümlichen, von gelehrtem und kritischem Ballast -nicht beschwerten Darstellungen diesen Aufgaben pädagogisch gerecht zu werden, scheint in erfreulicher Weise drei neuen Standard- Werken zu gelingen, die vor ihrem Abschluß stehen. Im Jüdischen Verlag in Berlin erscheinen zurzeit drei mehrbändige Grundbücher, die dazu bestimmt sind, das Fundament jedes jüdischen Wissens zu bilden. Es handelt sich um das fünfbändige Pentateuch-Werk des Londoner Oberrabbiners der jüdischen Gemeinden des Britischen Reiches Joseph Herman Hertz, ferner um die dreibändige -„Weltgeschichte des Jüdischen Volkes' von Simon Dubnow und endlich um Adolf Böhms weiträumige Geschichte der Zionistischen Bewegung. Jedes der drei genannten Werke ist in seiner ursprünglichen Gestalt seit langem ein altbewährtes, in seiner Art durch und durch gediegenes Lehrmittel jüdischer Bildung. Tora und Häftaroth mit dem Kommentar des englischen Chief-Rabbi waren seit mehreren Jahren im englischen Original zum weitberühmten,.über die englisch sprechenden Länder hinaus verbreiteten jüdischen Bibelwerk geworden, das den Bedürfnissen der Lernenden ohne gelehrte Ansprüche auf die denkbar beste Art genügte. Aus Dubnows zehn Bänden einer jüdischen Geschichte ist jetzt ein für jedermann lesbarer historischer Leitfaden der Ereignisse und geistigen Bewegungen seit biblischer Zeit .bis zur Gegenwart geworden; der dritte Schlußband steht vor dem Erscheinen. Böhms Werk über die zionistische Bewegung war in seiner früheren Gestalt der erste Versuch einer systematischem Entwicklung von Ideologie., Theorie und Praxis des Zionismus; es bleibt auch künftig das beste Orientierungsmittel über das hationaljüdische Problem. Die bis jetzt vorliegenden zwei starken Bände führen (auf fast 1500 eng gedruckten Seiten) den Gang der Ereignisse, Entwürfe und Ideen bis 1025. bis zu dem Wiener 14. Kongreß, fort. In diesen Blättern soll später jedem der drei Standard-Werke ein ausführlicherer Bericht Uber Inhalt und über die Bedeutung des einzelnen Werkes für unsere eigenständige Durchbildung gewidmet werden. Schon heute darf ausgesprochen werden, daß das Hertz'sche Bibelwerk, die Dubnow'sche „Kleine jüdische Geschichte" und die Böhm'schen Bände über die jüngste weltpolitische, nationaljüdische Bewegung zu den unentbehrlichen Grundlagen unseres jüdischen Elementarwissens gehören. Die außerordentliche Preiswürdigkeit bei bester bucligewerblicher Ausstattung erlaubt unseren Gemeinde- und Schul-Büehereien, den Jugend-, Vereins- und sonstigen Bibliotheken, aber auch noch vielen Familien die Anschaffung dieser Bücher, die tür unsere jüdische Existenz die Mittel des Sejbstverstämlnisses bildcity Wir beginnen im folgenden Abschnitt mit der Würdigung des ersten Bandes ..Berescbith" aus dem Hertz'schen Bibelkioinmeiitar und lassen Berichte über die weiteren Bände sowie über die beiden Werke von Ditbnow und Böhm in kurzen Abständen folgen. 1 ■ II. Pentateuch und Häftaroth. Hebräischer Text und deutsche Ubersetzung mit Kommentar von Dr. J. H. Hertz, Oberrabbiner der jüdischen Genieirden des Britischen Reiches; Jüdischer Verlag. Berlin 1938. 1. Band: Genesis. Die englische Original-Ausgabe der vorliegenden Ubersetzung ist in fünf Bänden in den Jahren 1929—36 erschienen. Der Chief-Rabbi wollte mit diesem Werk dem englischsprechenden Judentum eine empfindliche Lücke ausullen. Vor iast 150 Jahren erschien erstmalig eine hebräische Ausgabe des Füntbuclies mit e Übersetzung und Kommentar und bis zum Erscheinen der neuen Hertz'sehen Ausgabe sind alle weiteren derartigen Versuche über das Stadium des Fragmentarischen nicht herausgekommen. Auch Ubersetzung ohne hebräischen Text litten unter dein Fehler, dal! sie höchst selten vom Standpunkt der jüdischen Tradition ausgingen und die Heiligke.it des Bibelwortes nicht genügend werteten. So' geschah es. daß den englisch-sprechenden Juden die Thoro und insbesondere die Thora-Vorlesung, der eigentliche Mittelpunkt des Gottesdienstes, immer weniger verständlich war und allmählich als Ballast empiunden wurden. Man kann es also als eine epochale Tat des Chief-Rabbi bezeichnen, wenn er einen Pentateuch herausgab, wo neben dem-hebräischen Text eine gediegene englische Obersetzung zu finden ist. die gleichermaßen die Ergebnisse der traditionellen Kommentatoren wie der modernen Wissenschaft verwendet. Dazu kommt noch der. äußerst präzise Komuientar. der" in kürzester Form Schwierigkeiten autiiellt und eine hervorragende Auslese aus der schier unermeßlichen Fülle der Sinngebungen und Deutungen darstellt, wobei die eigenen Erklärungen des Veriussers nicht den kleinsten Raum einnehmen. Es ist dem Jüdischen Verlag, Berlin, nicht hoch genug anzurechnen, Jali er klar erkannt hat, wie notwendig eine solche Ausgabe auch für die deiitschspjechende Judenheit ist. Die Möglichkeit, dieses Werk-' Gottesdienst zur Thoravorlesttng und Häftaroth zu benutzen, gleichzeitig aber sich 1n aller Kürze über den Sinn des Vorgetragenen vergewissern zu können, wird auch der deutschen Ausgabe die rascheste Verbreitung sichern. Die ersten beiden Bande. Genesis und Exodus, sind bereits erschienen, die, drei letzten werden Iii Kürze folgen. Was beim ersten uns vorliegenden Baude besonders wohltuend auffällt, ist die klar zum Ausdruck gebrachte Tendenz des Verfassers, von der Göttlichkeit des Wortes nichts preiszugeben, dennoch aber die modernsten Ergebnisse der Bibelwissenschaft weitgehend zu verwerten. Er schlägt damit den \\'eg eines Maimouides ein, der auch einmal schrieb (Vorrede zu den „>i Perai kirn"), man müsse die Wahrheit empfangen von jedem, der sie sage Kein Gemeindemitglied ohne die blaue Karte für-Hilfe und Rufbau.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.