Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 1 (1.1.1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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'l_ Jüdisches Gemclndeblatt fOr jien Verband derN^ultuägemeinden in Bayern Nr. wiederum doch sagen soll: „Wenn ich sie nicht übte, sie nicht üben konnte....." Daß auf dem letzteren der Ton wohl eher liegen mag .darauf könnte ein Gebet dieses selben Mannes hinweisen: „Herr deT Welten, es ist offenbar und e/kannt von Dir. daß es unser Witte Ist, Deinen Willen zu tun, and Wer hindert es? die Knechtung durch die Reiche. Möge es Dein Wille sein, daß Du uns aus Ihrer Hand rettest, und wir werden die Satzungen Deines Willens mit ganzem Herzen tun!"" Unserem Worte „schlafen von" entspricht so in diesem Gebete -der Begriff:'gehindert, werden. So ergibt sich, daß unsere Wortverbindung „schlafen von" insgesamt bedeutet, indem das Schlafen als ein Vorübergehendes zugleich noch die Bedeutung des Zeitweiligen, nicht'Endgültigen in sich schließt: zu einer Zeit etwas nicht besitzen, nicht tun. nicht vermögen." Und das Wort „wachen in" meint demgegenüber: etwas besitzen, etwas vermögen, es tun können. Danach wird der Sinn zunächsMier_beiden ersten Strophen durchaus klar. > Sie singen: 2 - T~~ Mir ist jetzt versagt das Heiligtum. Aber vor meinem Herzen stehn die Synagogen und Lehrhäuser. Mir sind jetzt versagt die Opfer, Aber vor meinem Herzen stehn die Gebote13 und das Wohltun. Mir sind jetzt versagt die Gebote, _Ab^ v^jMrneinem Herzen steht, sie zu tun. Mir ist jetzt versaut das Zeitende, Aber vor meinem Herzen steht die Erlösung. Unsere Verse sind ohne Nennung des Verfassers überliefert, und es ist zwar keine allgemeine Regel, aber doch eine sehr oft berechtigte Vermutung-, daß die Anonymität auf ein hohes Alter hinweise. Sätze ohne den Namen des Urhebers sind zumeist solche, die im Laufe der Jahre -la» Volkswelsheit und Volkspoesie übergegangen sind, so daß der Autor darüber vergessen werden konnte. So.erscheinen z. B. Sätze des Jesus ben Sirach im talmudischen Schrifttum, ohne daß sein Name erwähnt wird. Die Art, wie diese seine Sätze angeführt sind." ist bezeichnend für den Ursprung und Charakter der anonymen Haggada. Von hier aus wird es auch begreiflich, daß in dieser Form Sätze, die aus dem haggadischen Schrifttum bezeug^ sind, uns in den Evangelien entgegentreten. Sie sind hier nicht Aussprüche, sondern sind auch hier angeführt als Sätze, die im Munde des Volkes oder der Gelehrten lebten, und deren Autor mcht mehr genannt oder gekannt ist. Die frühe Zeit, der unsere Strophen entstammen, läßt sich genau feststellen; der Inhalt zeigt die Zeit deutlich an. Wenn .die erste Strophe sagt, daß Tempel und Opfer jetzt versagt 'sind, so weist dies unzweifelhaft auf die Tage nach der Zerstörung des zweiten Tempels. In ihnen hatte Jochanan ben Sakkai zu seinem Schüler Josua. der. über den zerstörten Tempel klagte, gesprochen: „Wir haben eine Sühne, die soviel, ist wie der Tempel, es ist die Liebestat"," und auch die alten " Berach. 17a; die Worteno*ya<r "wallte sich~äuch wenig in den Zusammenhang fügen, sind wohl aus dem Gebete des Tanchum bar Scholastikas Jer. Ber. 7d, in das unsere eingedrungen. Vgl. Bacher, Ag. d. Am. I, 197. " Vgl. Megilla 13b. In dem Satze Gen. r. 17. 5 hat das Wort Schlaf selbstverständlich einen anderen Sinn. " Mizwa-schlechthin bezeichnet ..gemilut chessed"; vgl. Friedmann zu Pesikta r. p. 70a n. 39; aber hier sind wohl Gebote überhaupt gemeint. " Vgl. Zunz. Gottesd. Vortr: S. 102, Aittn. b, c und d sowie ' Schechter im J. 0- R. Hl. 682-^706. " Abot d. R. Natan IV. 5; Pesikta 165b. Vgl. Derenbourg, bist, de Pal. p. 313 f. u. 480 f. Worte waren damals sicherlich lebendig geworden, die das Lehrhausl und die Synagoge neben das Heiligtum stellten." So hat damals auch der Dichter unserer Strophe tröstend von dem gesungen, was geblieben war, von dem Hause des Gebetes und der Lehre, von dem Gebot und der tätigen-Lieber und das Volk hat es ihm dann nachgesungen und seinen Namen vergessen. Die zweite Strophe weist dann aber deutlich auf eine andere Zeit und den anderen Autor. Mit dem Widerspruch zu" dem, womit die erste Strophe "schließt, beginnt er: „Wir sind jetzt versagt die Gebote." Gerade das zeigt unverkennbar die Zeit an. in der er sang. Es waren die Tage, in denen nun auch Gebote verwehrt wurden," die Tage nach der Niederwerfung des Aufstandes des Bar Kochba, die Tage der hadrianischen Verfolgung, die .schaat haschmad'. In ihnen konnte der alte Trost nicht mehr ganz gelten, daß doch'die Gebote gewährt sind; auch sie waren nun nicht mehr ganze Wirkliehkertijnd es war die Zelt, in der die Erwartung des Endtages, wie man sie damals gehegt hatte, diese Erwartung, daß der Bar Kochba ihn heraufführe, vergeblich geworden war; auch diese Trosteshoffnung war nun versagt. Damals hat darum einer, dessen Name hinter seiner Dichtung entschwand, im Sinne und in der Art der alten. Strophe für seine Zeit die neue gesungen: So manches Gebot ist jetzt verwehrt, aber so viele sind doch geblieben; zu früh war der Endtag geglaubt, er ist jetzt geschwunden, aber die Gewißheit der Erlösung bleibt doch. Das war das neue Lied, der neue Trost, der zu dein alten kam. —In-der Zeit die nun begann, hoffte man oft auf ein Aufhören der Herrschaft Roms. Die Geschichte Babels war doch zu Ende gegangen, die Persiens, die Jawans; sollte nicht auch die des Römischen Reiches ihr Ende finden? Aus diesem und jenem glaubte man zuweilen eine Zuversicht gewinnen zu können. Aber in den Jahren Aurelians und Diokletians schwand auch sie mehr und mehr. Damals sagte Simon b,en Lakisch: „Die Tiefe" (Gen. 1, 2). das ist Rom. „Wie die Tiefe nicht ergründet werden kann, so kann die Dauer dieses Reiches nicht ergründet werden." " Damals sagte Samuel bar Nachman, die Engel, die Jakob im Traume auf- und niedersteigen sah, seien die Aeorien der Völker gewesen; der Aeon Babels, der Mediens. der Jawans stieg, auf und stieg dann nieder, aber der Edoms stieg hinauf und hinauf, und kein Ende Heß sich sehen." 18 Aber Samuel bar Nachman hat dann auch das Wort des Trostes also verkündet: „Als damals Jakob sich fürchtete und sagte: Wird er denn niemals •herniedersteigen, sprach -Gott: „Du fürchte dich nicht mein Knecht Jakob, und verzage nicht Israel" (Jer. 30, 10), sähest du ihn auch gleichsam neben mich aufsteigen, von dort stürze ich ihn herab" (Ob. 4)." Ganz so hat ein Ungekannter in jenen Tagen den Trost gegeben, indem er an unsere Strophen, auch wieder dem letzten Satze Widersprechend, zwei neue Verse stellt Mit kühner Paradox ie hat er über das, was sie einst in zwiefacher Zeit, gesungen hatten, sein Lied zum Lied für alle Zeiten emporgeführt, indem er das Wort „mein Herz" ein Wort sein läßt, mit dem die Gemeinde Israel ihren Gott anruft ihn nennt „mein Herz"" und also darum sprechen darf: „Ich schlafe, und mein Herz, das ist mein Gott wacht" — mir ist noch versagt die Erlösung, aber mein Gott bleibt der mich erlösen wird." So ist es die letzte Antwort. *r " L. Baeck. Die Pharisäer S. 23 ff. " Mech. Bachodesch. ed. Fr, 68 b. 17 Gen. r. zu 1, 2-ed. Theodor p. 17; cf. Pes. r. p. 152b. Tanchuma z. Qen. 20. 12, Pesikta 151 b. Lev. r. 29. 2. " A. a. 0. " Chija bar Abba hatte mit Berufung auf Ps. 73. 26 Gott als das „Herz" Israels bezeichnet. S. die in Anm. 1 genannten Stellen. - » '■ Idische Winterhilfe In zahlreichen Fällen sind uns die Verpflichtungsscheine noch nicht zugegangen. _WirWtejrdringend um alsbaldige Zusendung. - ' ' - _ ** "" ' ■ - ■ . - . - ■ ■ . w" . - " ., , - * ■ ~" ^Einzahlungen auf Postscheck-Konto: Jüdische Winterhilfe München Nr. 45842