Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 1 (1.1.1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JtftdiSCiieS Ausgabe A Gemeindeblalt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die KnUnggemeinden München, Angsbnrg, Bamberg, Würzbur« A n«gabe A: Allgemeine A iisgabe, Bezugspreis RM. -.60 im Vierteljahr, R M. t.40 für das Jahr An*(abe B: Mit dem Beiblatt'für Würzburg und Umgehung. Bezugspreis RM. 1.50 im Vierteljahr, RM. 6.— für dal Jahr. Erscheint am 1. und 15. jeden Monats. Herausgeber: Verband Bayer. Israel. Gemeinden / Verlag B. Heller, München, Plinganserstr. 64, Tel. 73665, Posticheck München 3987 / Anzeigen nach Tarif. Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volklaufklärung und Propaganda betr. Überwachung der geiitig und kulturell tätiget Juden im deutschen Reichsgebiet. XIV. Jahrgang München, 1. Jannar 1938 Nr. 1 Inhalt: Leo Baeck: Drei alte Lieder — Jüdische Winterhilfe — Aus der Gemeinde München — Zionislische Ortsgruppe Manchen — Staatszionistische Organisation. Ortsgruppe Manchen — Jüdischer Turnu. Sportverein München e. V. „Itus" — Aus der Gemeinde Bamberg — Am bayeriichen Gemeinden — Aus dem Reiche — Bücherschau — JUd. Kulturbund in Bayern, Ortsgruppe München — Lehrhaus der Kultusgemeinde — Bekanntmachungen: Bekanntmachung Ober Auflösung der Kultusgemeinden Eichenhausen und Rodelmaier; Bekanntmachung der Kultusgemeinde München — Kalendarium and Gebetszellen für München — Personalia i Leo Baeck: Drei alte Lied In jeder unserer drei großen Midraschsammlungen sind uns. ohne Nennung des Namens des Verfassers, zwei Strophen und eine Halbstrophe überliefert,1 in denen das jüdische Volk von dem singt, was ihm in allem Wandel und allem Leide dennoch bleibt. Sie knüpfen an den Satz des Hohenliedes (5,2) an; ..Ich schlafe, und mein Herz wacht." Die Gemeinde Israel spricht diese Worte vor Gott — im Sinne der alten, von Akiba festgehaltenen, von Jochanan bar Nappacha dann bisweilen verlassenen Weisung,' daß die Lieder des Hohenliedes Wechse'- rede zwischen der Gemeinde Israel, „der Geliebten", und Gott, „dem Freunde", seien. Dir Text, der in unseren Ausgaben des Midrasch Chasita verderbt ist. hat im Tanchuma und in der . Pesikta die ursprüngliche, echte Form. Er lautet mit seiner 'Präambel und seinen Strophen, welche als Kehrworte die beiden Hülften unseres Bibelsatzes haben: D»ohyn \ai ■ rrapn»»!? hnts» noja mo« tripon n»ao rw »jx mtniö woai nvd» 'naa'ny »ah . mmpn jo ruv» »jn nip-ixai nisoa -iy »ah nison p nw. »jk □iwy^> iy 'ah ppn ",0 njtv» »jk nh«i^ iv »ah nhwn p hjb" <ih -—,-uh«»tf iy »ah Das Verständnis dieser Sätze hängt zunächst davon ab. daß der Sinn der Wortverbindung \o |8" „schlafen von" erkannt ' Midr. zum Hohen Liede 5, 2; Tanchuma ed. Buber zu Gen. 27. 9, p. 69a; Pesikta de Rab Kahana zu Par. Hachodescli. ed. er_ ... wird.* Was sie meint, können andere Sätze des Midrasch, zej? gen, welche das gleiche oder ein ähnliches Wort bieten. Ein Satz des Rabbi Levi sagt: „Gott richtetvdie Völker der Welt nur in der Nacht, zu der Zeit; wo sie von den Sünden schlafen, und er richtet Israel nur am Tage, zu der »Zeit, wo es die Gebote übt"* Es ist klar, daß das Wort „schlafen von" hier nur bedeuten kann: „nicht tun, nicht üben, nicht zu begehen vermögen, nicht haben", weshalb denn auch den.,Gegensatz zu ihm das Wort pcy. „üben, sich befassen" bildet Daßer kann die Uberlieferung unseres Satzes im JerüScrTalmi unser Wort „schlafen von" durch das Wort ''»a, „feiern, müßig sein, etwas nicht tun" ersetzen, und kann die erweiterte Fassung der Pesikta rabbati beide Worte miteinander abwechseln lassen.* Wir haben also als sprachliche Gleichung: '.10 hta ia 1»» und -a poy -a ij Die gleiche Richtung zeigt unser Wort im Midrasch zu Psalm 3,6: „David sprach: Ich legte mich nieder von der Prophetie, und ich schlief vom Heiligen Geist, ich erwachte durch Chuschaj, den Arki, denn der Ewige richtete mich auf durch Natan, den Propheten."7 Es ist wiederum klar, daß unser Wort besagt: iiiclt haben, nicht besitzen, sondern üben können, und das Erwachen demgegenüber meint: wieder erlangen,'wieder fähig werden. Eine weitere Linie dieser Bedeutung gibt ein Satz im Midrasch zu Psalm 121,4: „Gewissermaßen schläft Gott von den Leiden, die über Israel in dieser Welt kommen, und darum ist es das Gebet: möge nicht schlummern, der dich behütet!"" Der Sinn ist wieder: Gott ist gewissermaßen müßig, tut nichts, kann nichts tun gegenüber den Leiden Israels. Im Wortlaut am nächsten kommt unseren Strophen ein Wort des Rabbi Alexander: „Wenn ich von der Tora und den Geboten schlief, dann reihten sich mir Nächte an dächte".' — was Bube? p. 46af.; Pesikta rab., ibid.. ed. Friedmann, p. 70 ar Einige Fragmeute unseres Textes sind in Exod. rabba II. 7 und XXXIII. 3 erhalten, an letzterer Stelle auch eine Umdichtung. * Midr. Höh. Lied zu L 1 (1.11). Die von Akiba vertretene Auffassung des Hohen Liedes geht nicht auf ihn zurück, sondern ist schon die früherer Lehrer gewesen. ' Diese letzte Zeile ist auch im Tanchuma und in der Pesikta dadurch verderbt, daß.jlie Einfügung eines Abschreibers, der "das '« durch die Worte tnpn w wierlÄutern Wöllte. In derf Text gekommen" ist. '■• Levy, Wörterbüch über die Talm. und Midr.. s^ v„ erklärt ganz unbestimmt: „vernachlässigen", und ihm folgen andere Wörterbücher, ebenso Bacher. j. . . . ' , * Ber. r zu 19,1 (50, 3), ed. Theodor-Albeck p. 519. Ebenso -Jerr-R. Hasch. 57a. wo-für rmmn zu lesen ist: .nnapn sowie- Midr. zu Ps. 9,9 und in erweiterter Form Pesikta rabbati p. 167 b. Im Jer. steht für o'jw». das gleichbedeutende n^oa. ► * Zu der Bedeutung von w vgl. Abot % 5 u. IV, 10, sowie z. B. Berach. 16a, wo povlund \o Toa sich gegenüberstehen. 7 ed. Buber p. 20a: die gleiche Wortfolge ist dort als m* »a-i der Gemeinde Israel in den Mund gelegt. / * ed. Buber p. 253 b; Sota 48 a. —Htödr. zum Hohen Liede. 3, h diesef Satz wird dann dort von R. Levi erweitert. -\ /