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Der jüdische Student · 1903-02-01 · Heft 11 (Februar 1903) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 11 (Februar 1903)
Date
1903-02-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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184. Nr. 11. Wenn wir*uns in einen wissenschaftlichen Streit einmischen, gebietet es uns unsere radikale Gründlichkeit, die Quellen zu prüfen und nicht ins Qelach hinein zu schwatzen. Wer das nicht tut, schweigt am besten. Die wissenschaftliche Exaktheit erfordert eine gehörige Vertiefung in den Stoff. Handelt man so, dann gelangt man zu dem Resultate: Selbstredend haben die Juden unendlich viel von äusserer und innerer Kultur von den Babyloniern aufgenommen; ob sie auch die Anregung zu dem später von ihnen ausgebildeten Gottesgedanken dorther geholt haben, scheint uns nicht bewiesen. Wäre dem aber sogar so, so wäre für uns damit nichts gesagt, denn die grossen Ideen, die latent überall vorhanden sind, werden nicht darnach beurteilt, wo und-wann sie entstanden sind, sondern darnach, wo sie die Form bekommen haben, in der sie sich die Welt eroberten und in der wir sie noch heute bewundern. Und darin gerade sehen wir die Bedeutung des alten Israel, dass es zugleich den sittlichen Ernst und die intellektuelle Begabung einerseits besass, und andrerseits das Bewusstsein, dass es für Menschen auf dieser Erde zu arbeiten habe. Weist man uns eine Abhängigkeit Israels von den urnliegenden Völkern ab, so sind wir gelehrig und dankbar. Eine Schande ist es nur, dass die jüdische Wissenschaft diese Tatsache nicht selbständig gefunden hat. Bei der alleinigen Feststellung kultureller Abhängigkeit Israels ist es aber im Babel-Bibel-Streite nicht geblieben, sondern man ist nach bekanntem Muster gegen die Juden ausfällig geworden, man hat unsere alte Litteratur wissentlich herabgesetzt und geschmäht zu Gunsten des frühchristlichen Schrifttums. Dagegen müssen wir Front machen, erstens vom Standpunkt der wissenschaftlichen Wahrheit, zweitens als Juden. Wir Nationaljuden gehen an das Studium unserer Litteratur mit tiefer Liebe und Achtung heran — und nicht wie andere zu dem Zwecke, recht schöne antisemitische Zitate zu finden — und wir verlangen auch von den andern Nationen, dass sie unsere Litteratur mit dem gehörigen Anstand und der geziemenden Achtung ansehen, sowie die Deutschen und die andern Völker es auch von ihrer Litteratur verlangen. Wer unsere Litteratur begeifert und herabsetzt — und das geschah auch jetzt, — hat uns geschmäht. Dergleichen Herabsetzungen geschehen leider noch allzu oft. Der Antisemitismus sitzt im deutschen Michel schon zu tief. Man schätzt alle Beschäftigung mit jüdischer Litteratur gering, sieht das Talmudstudium schief an und befolgt den Grundsatz: „Ueber jüdische Dinge darf nur der reden, .der nichts davon versteht und verstehen will." Die Nationaljuden werden dafür sorgen, dass uns in Zukunft diese Misswirtschaft aufhört, indem sie vor allem selbst sich überzeugungstreue, wissenschaftliche Bearbeiter ihrer Litteratur heranziehen werden. Das ist unser Standpunkt den verschiedenen Parteien und der Sache selbst gegenüber.

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