Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1903)
- Date
- 1903-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11. 183. schaftliche Arbeit gipfelt im Grunde immer in dem Nachweise: „Seht! Wir Juden sind doch auch anständige Menschen". Wenn sie es noch länger immer und immer wieder hinausschreien werden» werden die wenigen sogar aufhören, es ihnen zu glauben. Von all den jüdischen Gelehrten, die über „Babel und Bibel" geurteilt -haben, ist wohl keiner imstande, auch nur ein einziges assyrisches Zeichen oder Ideogramm zu lesen. Trotzdem hat man ohne Kenntnis der Quellen dagegen geschrieben, ja hat fast ein ganzes Jahr von diesem Skandal gelebt. Man lese nur die Themata der Vorträge, die in der letzten Zeit in den jüdischen Litteraturvereinen gehalten wurden. Es gibt meiner Kenntnis nach auch keinen einzigen jüdischen Gelehrten, der sich ausschliesslich mit der Bibelexegese und den dazu gehörigen Hilfswissenschaften beschäftigte.. In Friedenszeiten benutzt man die Resultate der christlichen Exegeten, in Kriegszeiten schimpft man über sie und handelt so nach dem arabischen Sprichwort: „Die Gerste wird gegessen und getadelt." Selbstverständlich kann da nur von ärgster, oberflächlicher Bekämpfung die Rede sein. Man ist nicht einmal imstande, die Fortschritte in der Wissenschaft zu verfolgen, geschweige denn neue Gedanken zu produzieren, eine neue Anschauung von der alten Geschichte quellerimässig zu belegen. Und doch wird eine solche trotz der Proteste der Neoorthodoxen und Abwehrjuden sich Bahn brechen. Der alte Orient wird seine Meinung von sich nicht mehr ändern, also werden wir es schon tun müssen. Und nun zum Schlüsse noch die Schilderung der Stellungnahme, die ich, oder besser die grosse Zahl der N a t i o n a 1 j u d e n zu diesem Babel-Bibel-Geschrei einnehmen. Wir unterscheiden uns von den andern Juden darin, dass wir eine radikale Besserung der Judenlage, eine endgilt ige Lösung der Judenfrage anstreben, und nicht nur im Augenblick aus Anstandgefühl ein wenig herumplänkeln. Wenn wir auch ein wenig Abwehr und Augenblicksarbeit betreiben, so geschieht es gezwungen, indem wir bedauern, dass unsere Kräfte dadurch zersplittert werden. Wir bauen systematisch, langsam, aber fest und sicher für den stolzen Bau der Zukunft. Für uns ist das Judentum mehr als ein schon vor ungefähr 2000 Jahren gegründeter Verein für ethische Kultur. Wir freuen uns unserer Eigenart, die durch physische und psychische Merkmale, durch religiöse und historische Entwicklung sich herausgebildet hat, und wir wollen sie pflegen. Wer sie uns nehmen will, ist unser Feind; wer für ihre Erhaltung tätig arbeitet, ist unser Freund. Ein Mittelding kennen wir nicht. Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Wir sind nicht Auch-Juden, sondern Nur-Juden. In dieser Differenz zwischen uns und den anderen liegt auch der Schlüssel zum Verständnis unseres Auftretens im Babel-Bibel-Streite. Vorerst haben wir nicht geschrieen, denn wir wissen zu gut, dass die Entwicklung und Geschichte sich nicht totschreien lassen.