Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1903)
- Date
- 1903-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11. 181. stellen, aus egoistischen Motiven vielleicht stellen müssen, obschon sie von Haus aus vdoch das konservativste aller Völker sind. Diese Liberalen,, die immersatten und. zufriedenen, deren einzige Arbeit ein negatives Nur-Kritisieren und Nörgeln ist, die aber zu borniert und taul sind, um neue Geleise zu betreten, haben sich in dieser Affäre wieder einmal in ihrer ganzen Glorie gezeigt. Mit Jubel haben sie das Kaiserwort von der ,,Weiterbildung der Religion", das Delitzsch in seinem Vortrag zitierte, aufgegriffen. Diese Philister, die in Bildung engros gemacht haben, die sich „Uebermenschen44 dünken, weil sie ein Nietzschesches Buch einmal von aussen gesehen haben, die „jenseits von Gut und Böse '' womöglich für sich den Diebstahl erlauben, dünkten sich als die geeignetsten für diese Weiterbildung der Religion. Für diese liberalen, zumeist jüdischen Zeitungsschreiber, die ihr Leben lang „auf den Gemeinplätzen des Parlamentarismus und der Parteipolitik das Futter gefunden4" haben, wart es etwas ganz Neues zu hören, dass die Juden viele kulturelle Werte aus Babylonien erhalten haben, und diesen Gedanken hetzten sie nun als wissenschaftliche Nouveaute zu Tode, ohne zu ahnen, wie unsterblich sie sich dadurch mit ihrer Unwissenheit blamierten. Schlimmer aber als diese Ignoranz war die Plattheit, mit der sie am Grund ihres durch Sachkenntnis nicht getrübten Urteils die hausbackenen religionsgeschichtlichen Folgerungen zogen: „Die Religionen sind überholt, wir, im Zeitalter der Aufklärung, stehen auf dem festen Boden des Darwinismus/1 So verstanden sie den Vortrag von Delitzsch, weil sie ihn nicht besser verstehen wollten und konnten, und applaudierten ebenso, als wenn sie sich ein Zugstück im Herrnfeld-The^ter mitangehört hätten, ohne zu merken, dass man mit dem" ganzen Gemauschel eigentlich nur sie, die Juden, hätte lächerlich machen wollen. ,,Sie spotten ihrer und wissen nicht, wie,'4 bemerkt treffend ein konservatives Organ. Im übrigen zeigten sich auch in diesem Kampfe die Liberalen wie stets als die nur mit dem Munde Toleranten. Mit erstaunlicher Unduldsamkeit und Intoleranz, wie die von ihnen verhöhnten „Schwarzen44 und „Dunkelmänner44 sie noch nie gezeigt haben, ging man gegen alle die vor, die es wagten, anderer Meinung zu sein. Das sind die letzten Konsequenzen des Liberalismus! Wie stets nahm man es auf dieser Seite auch weiter nicht ernst mit den einzelnen Aeusserungen, die man tat. Man gebraucht doch Stoff zum reden und konvenieren; Abwechslung muss doch sein. Nachdem vor zwei Jahren die „Schaffenden44 und Aestheten in dem Gedanken an den Goethebund sich berauscht hatten, nachdem vor einem Jahre die „Voraussetzungslosen44 sich für reine Wissenschaft ins Zeug gelegt hatten, stürzte man sich in diesem Jahre — und es sind immer dieselben — auf Babel und Bibel44 und erkor sich dies als Skandalszene.. Ja^ wäre die liberale Geiferlust nicht auch mit den, Krupp-, und Gironaffären beschäftigt gewesen, man hätte sich noch ganz anders auf