Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. 169. zu versumpfen, doch wer wüsste die rechten Mittel, diese grossen sozialen Bewegungen im Judentum zu leiten und zu dämmen? Nicht etwa, weil wir von Natur ungesellige Wesen wären, weil wir zur Isolierung neigten, sind solche Zustände geworden. Im Gegenteil bis in die jüngste Zeit hinein bildeten die zerstreuten Gemeinden eine grosse Judenheit. Für sie galt das Wort: „Einer für alle, alle für einen." So sind die Responsensammlungen der Rabbiner voll von Entscheidungen darüber, wie die abnormen Steuerlasten, die oft einer einzelnen Gemeinde aufgebürdet wurden, auf die Judenschaft einer Provinz oder eines Landes umgelegt werden sollten, und man suchte, so weit das möglich war, nach einheitlichem Geiste die Geschäfte aller Gemeinden zu führen. Wurde doch gegen die deutschen Juden ein fiochverratsprozess anhängig gemacht, weil die Frankfurter Rabbinerversammlung im Jahre 1603 Beschlüsse gefasst hatte, für die sie von allen Gemeinden Gehorsam forderte, durch die sie sich also eine Art gesetzgebender Gewalt zugesprochen hatte. Und dieser Gemeingeist ist auch heute nicht erloschen, denn weil dem Judentum die Verwendung seiner Kräfte schwer gemacht wurde, weil die gewaltige Macht des Staates „den jüdischen Korporationsgeist zu zerstören'4 suchte, und nicht weiil es vertrocknet und entkräftet wäre, ist Israel heute zerrissen. Doch es gäbe ein falsches Bild, wollte man die Ansätze zu neuer innerer Verbindung: übersehen. Der Deutsch-israelitische Gemeindebund will in wichtigen Angelegenheiten für die Gemeinden ein Zentrum werden, in dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens kann ein Organ zur Verteidigung gegen äussere Angriffe sich entwickeln, und die Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur. die über ganz Deutschland sich erstrecken, können Grosses leisten in der Erweckung geistigen Lebens gerade in den kleinen Gemeinden. Zum Teil bemühen sich auch Regierungen, wie namentlich die badiische, um Konsolidation des Judentums. Alle diese Versuche verdienen Erwähnung, nicht weil sie heute schon so gross wären, sondern weil sie noch gross werden können, und weil sie der Ausdruck des Sehnens nach festerem, inneren Halt für das Judentum sind. Die „Politik der Sammlung", die ja auf anderem Gebiete vom Erfolg nicht begleitet war, muss auf jüdischem Gebiet zum Ziele führen. Dazu sind nicht neue Organisationen notwendig, es gilt nur, mit immer neuer Energie die bereiits vorhandenen auszubauen und zu benutzen. Solchen Sinn zu wecken ist auch Aufgabe der Vereine Jüdischer Studenten; sie sollen ja jüdische Zentren auf den Universitäten sein, wie wir sie auf arideren Gebieten schmerzlich vermissen. Wenn sie in ihren Mitgliedern das Gefühl wecken, „bind mich und wirf mich unter die Meinen", dann gewinnen sie auch dem Gedanken eines geschlossenen, festen Judentums neue Verkünder, und dann wird einst der Grätz des zwanzigsten Jahrhunderts von ihnen berichten können, „auch sie haben am Judentum mitgebaut.4' Dr. Max Escfielbacher.