Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1902)
- Date
- 1902-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No 9. Hände Fremder? Ihr Tempel ist geworden wie ein entehrter Mann; ihre herrlichen Geräte sind gefangen weggeführt, ihre Kinder getötet in ihren Strassen, ihre Jünglinge mit dem Schwerte des Feindes. Welches Volk hat nicht ihres Reiches sich bemächtigt und nicht ihre Beute sich zugeeignet? All ihr Schmuck ist hinweggenommen, aus einer Freiin ist sie eine Sklavin geworden. Und siehe, unser Heiligtum und unsere Zierde und unser Ruhm ist verwüstet, und geschändet haben es die Heiden. Wozu soll uns noch das Leben?" Und als man auch ihn zum Abfall von seinem Volke zwingen wollte, floh er mit seinen Söhnen in die Berge, sammelte die Getreuen und begann den Kampf gegen die Unterdrücker. Nicht lange mehr kennte er ihn führen, da nahten ihm die Schatten des Todes. Da versammelte er noch einmal seine Söhne um sich, forderte sie auf, ihr Volk zu rächen, und auf das Gesetz zu achten, segnete sie und ward eingetan zu seinen Vätern. Die Söhne aber führten das Befreiungswerk siegreich zu Ende. So wirkte Mattathias genau in gleichem Sinne wie Hamilkar Barkas. Doch ist der Vergleich zwischen beiden Männern tiefer begründet als irgend welche anderen Parallelen zwischen Personen verschiedener Völker, selbst da wo diese so nahe liegen, wie etwa bei Cäsar und Napoleon. Denn die Wirksamkeit des Hamilkar wie des Mattathias entsprang einer Eigenschaft der semitischen Rasse oder richtiger vielleicht nur ihres kananitischen Zweiges, dem sie doch beide angehörten. Es ist auch das ein hohes Verdienst Mommsens, auf die ungemeine Stärke des Nationalgefühls und der Heimatsliebe bei den Phöniziern zuerst hingewiesen zu haben. „Es haben die Aramäer," so sagt derselbe, ,,mit einer Hartnäckigkeit, welche kein indogermanisches Volk je erreicht hat und welche uns Occidentalen bald mehr, bald weniger als menschlich zu sein dünkt, ihre Nationalität gegen alle Lockungen der griechischen Zivilisation wie gegen alle Zwangsmittel der orientalischen und occidentalischen Despoten mit den Waffen des Geistes wie mit ihrem Blute verteidigt/1 Wenn Mommsen diesen Zug als einen allgemein aramäischen bezeichnet, so hat er damit, wie schon angedeutet wurde, vielleicht zu weit gegriffen: auffallende Parallelen zu den Beispielen der Intensität des phönizischen Nationalismus und Patriotismus zeigt, so weit wenigstens bekannt, nicht die syrische, sondern nur die jüdisch-israelitische Geschichte. Die Freundschaft, welche viele Jahrhundertelang zwischen Tyrus und dem fernen Karthago bis zum Untergange des letzteren bestehen blieb und welche die vornehmsten Tyrier nach Karthago hatte übersiedeln lassen, hat ein Seitenstück wohl nur in dem noch heute bestehenden Zusamengehörigkeitsgefühl der Juden in den verschiedenen Ländern der Erde. Und der mehr als heroischen Verteidigung Karthagos bei seiner Zerstörung kommt ausser der von Tyrus kaum eine andere als die von Jerusalem gegen die Römer annähernd gleich. ,,Ehre Vater und Mutter, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir