Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1902)
- Date
- 1902-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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132 No 9. eigentümlich praktische — religiöse Charakter des V. D. St. mit seinem nationalen Mantel ein direktes Interesse an der Bekämpfung der Juden zeitigte. Der Verein Deutscher Studenten wurde der Krystallisationspunkt aller judenfeindlichen Bestrebungen. Er wurde ein Vertreter der Richtung, die klug genug war, nicht den Glauben an das Menschenfressertum der Juden offen auszusprechen, die sich aber immer vorsichtig darum herumzudrücken weiss, offen das Blutmärchen für die erbärmliche Parteilüge zu erklären, die es ist. Es war natürlich, dass die jüdischen Studenten sich wehrten. Sie taten das in weit geringerem Masse, als die masslosen Angriffe es hätten bewirken sollen. Die Abwehr wurde eine schwache und schwächliche Kopie des Vorgehens der Vereine Deutscher Studenten. Die Freie Wissenschaftliche Vereinigung, die Führerin im Abwehrkampfe nannte sich eben so deutsch-national wie ihr Gegner und war es ebenso sehr oder richtiger ebenso wenig wie jener. Immerhin hatten sie den einen Vorzug vor jenen, dass es ihnen mit den Idealen der Freiheit und Wissenschaft vielfach ernst war. »Aber je mehr die christlich-deutschen Kommilitonen aus den Verbindungen verchwanden, die „auch Juden aufnahmen44, und dort die Juden allein zurückliessen, desto mehr trat eine andere Richtung in den Vordergrund, die nämlich der Abkömmlinge der Provinz Posen, die ihr Deutschtum umso mehr hervorkehrten und ihr Judentum zu verstecken trachteten, je mehr noch vom Ghetto an ihnen haften geblieben war. Es ist allmählich dahin gekommen, dass die Vereine und Verbindungen an den deutschen Universitäten entweder keine Juden aufnehmen oder aber selbst ausschliesslich aus Juden bestehen und höchstens so ein oder zwei Personen haben, die in der Studentensprache mit dem bezeichnenden Ausdruck „Renommiergoi" bezeichnet werden. Wir wollen niemanden darum anklagen. Naturam expellas furca tarnen usque recurrirt. Der Jude, der ein Kulturparvenu war, konnte nicht wie der äusserlich bereits assimilierte Jude ein Selbstgefühl entwickeln, das kräftig genug war, um vom persönlichen Selbstbewusstsein zu abstrahieren und ein Nationaibewusstsein zu werden. So kam es, dass man sich bemühte, in jüdischen, nicht jüdisch sein wollenden Verbindungen grundsätzlich die Christen, deren man habhaft werden konnte, an die Spitze der Korporationen zu stellen, sich freilich auch im Notfalle mit getauften Juden begnügen musste. Es entwickelte sich jener Zustand, der am besten dadurch gekennzeichnet wird, dass auf alle