Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1902)
- Date
- 1902-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No9. 131 Ce$el)alle und Iudenfrage. Von Dr. Heinrich Loewe. Lesehallen sind Räume, in denen man Bücher und Zeitungen liest, und der Charakter solcher Institute bringt es mit sich, dass in ihnen die denkbar grösste Ruhe herrscht. Gespräche dürfen nur im Flüsterton geführt werden, und sind selbst dann noch im allgemeinen dort nicht angebracht. Politik in Lesehallen zu treiben, ist ein Widerspruch gegen das Wesen der Lesehalle selbst. Wie kommt dann aber die Akademische Lesehalle der Universität Berlin dazu, ein Tummelplatz des Kampfes zu sein? Wie kommt die Judenfrage dann dazu, von Bedeutung für die Wahlen zum Vorstand der Akademischen Lesehalle zu werden? So widersinnig es zu sein scheint, so sehr es rein logischen Erwägungen Hohn spricht, so kann doch die Tatsache nicht geleugnet werden, dass die Wahlschlacht der Akademischen Lesehalle sich nicht um Anschaffung oder Nichtans'chaffung von Zeitungen oder Büchern, nicht um litterarische und kulturelle Gegenstände dreht, dass nicht einmal der Wert der persönlichen Tüchtigkeit irgend wie in Frage kommt, sondern dass nur eine einzige Frage bei den Wahlen besprochen wird, nämlich die Judenfrage. Und es ist für den Beobachter, der nicht nur rein logische Erwägungen kennt, sondern sein Auge den Tatsachen gegenüber nicht verschliesst, die Lösung dieses Rätsels scheinbar im historischen Werdegang gegeben. Die Lesehallenwahlen vertreten ja nur spärlich und schwächlich die früheren Wahlen zum Ausschuss der Studentenschaft; und die Judenfrage ist ein Erbstück aus diesem Nachlass. Die Judenhetze, die mit Beginn der achtziger Jahre des unlängst verflossenen Jahrhunderts wieder kräftiger einsetzte, fand damals schon den besten Boden bei den akademischen Bürgern, die mehr als andere in den studierenden Juden eine unwillkommene Konkurrenz sahen. Zugleich erwachte ein gesteigertes Nationalgefühl, das den Juden als Stammfremden empfand, und die Fremdheit sofort in Feindschaft umsetzte. Der Verein deutscher Studenten wurde der Fahnenträger dieser judenfeindlichen Bewegung. Nicht etwa, dass die andern Korporationen und weite Kreise nichtinkorporierter Studenten von diesem Hasse weniger ergriffen gewesen wären, — es wäre ein Irrtum, das zu glauben, sondern, weil der