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Der jüdische Student · 1902-10-01 · Heft 7-8 (Oktober 1902) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 7-8 (Oktober 1902)
Date
1902-10-01
Page
[Seite] (sequence 26)
Language
German
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122 dem erwidert werden, dass tatsächlich die Nationen existieren, und dass es vielmehr darauf ankomme, eine Begriffsbestimmung für die Nation festzusetzen, die auf alle Nationen zutrifft, und sich somit als eine Abstraktion des in der Erscheinungswelt gegebenen Konkreten darstellt. Es giebt eben keinen allgemeinen Menschheitsbrei, sondern Gruppen, Nationen und Völker. Die Nation ist nun eine bestimmt abgegrenzte Gruppe von Menschen, die sich ihrer Eigenart bewusst ist. Ihr Wesen beruht nicht in Sprache, Territorium etc, sondern in der gemeinsamen Vergangenheit, die sie durchlebt. Sie hat eine bestimmte Individualität, und die Volksseele ist ebenso real wie die Seele des Einzelwesens. Wenn es die Aufgabe der Psychologie ist, den Tatbestand des individuellen Bewusstseins zu beschreiben, und inbezug auf seine Elemente und Entwicklungsstufen in einen erklärenden Zusammenhang zu bringen, so betrachtet ihrerseits die Wissensehaft der „Völkerpsychologie" die Nation als ein Individuum, auf das sie die Gesetze allgemeiner Psychologie anwenden muss. Denn ebenso wie das W e s e n des Menschen nicht auf einer Zusammensetzung von Rumpf und Gliedern oder auf der organischen Verbindung chemischer Elemente beruht, so dürfen wir auch das Wesen von Nationen nicht im Äusserlichen suchen. Die Nation ist in erster Reihe eine sittliche Individualität, die nach geistigen und kulturellen Gesetzen beurteilt sein will. Sie ist ein historisches Produkt und ihr Merkmal ist die gemeinsame Geschichte. Die Menschheit bewegt sich als ein gliedliches Ganze stetig innerlich in seinen Völkern, und ebenso wiederum die Nation in den Stämmen und Einzelindividuen, aus denen sie sich organisch aufbaut. Auf der hieraus erwachsenden Mannigfaltigkeit und nicht auf der allgemeinen Nivellierung beruht die wahre Kultur, und darin liegt die Begründung, warum Kosmopolitismus und Nationalismus einerseits, und wiederum Nationalismus und Partikularismus auf der anderen Seite, keine Gegensätze sind, so lange sie sich ihres Zweckes bewusst bleiben uikI die ihnen gesteckten Grenzen nicht zu überschreiten suchen. Der K o r ä n, dessen tiefe, dem semitischen Geiste entsprungene Weisheit bei uns noch nicht die Anerkennung gewonnen hat, die er beanspruchen darf, berührt in seiner fünften Sura dieses Problem. Dort gibt Gott jedem Volke „eine Norm und einen offenen Weg. Wenn Gott es gewollt hätte, so hätte er aus allen nur E in Volk gemacht; so aber hat er Euch durch verschiedene Gesetze und Anlagen von einander unterschieden, um eines jeden Gehorsam zu prüfen. Wetteifert darum in guten Werken mit einander, denn zu Gott werdet Ihr alle zurückkehren, und dann wird Er Euch aufkläre:!, vorüber Ihr uneins seid." — &^m^)

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