Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 7-8 (Oktober 1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 7/8. 121 sprachen und schrieben. Das beste Beispiel aus der uns bekannten Geschichte, welches beweist, dass man aus der Sprache nicht auf die Abstammung und „Rasse" schliessen darf, ist die Entstehung der englischen Sprache. Bekanntlich verdankt sie ihren Ursprung dem Umstände, dass das Angelsächsische (also Germanische) romanisiert wurde. Diese R o m a ni s i e r ti n g geschah durch die rein-germanischen Normannen. Wenn nun die Stammverwandtschaft im Typus zum Ausdruck kommt, so muss man gestehen, dass die Nordeuropäer, Germanen, Kelten und Slaven in keinem Falle mit den nichtblonden „Indogermanen" Südeuropas und gar Asiens verwandt sein können. Auch kann die Einwirkung des Klimas nicht zu sehr in Betracht kommen. Denn die Zigeuner haben in Europa mit ihrer aus der Heimat mitgebrachten indogermanischen Sprache auch den Typus erhalten, der sie von den andern Indogermanen in Europa sehr deutlich unterscheidet. Noch weniger als auf die Sprachforschung kann man zur Feststellung der Rasse auf die Schädelmessung geben.*) Man kann feststellen, dass verschiedene Formen von Schädeln vorkommen, dass diese Schädelformen vielleicht bis zu einem gewissen Grade erblich sind, dass mancherlei Schädelformen bei verschiedeneu Nationen und in verschiedenen Ländern häufiger oder seltener vorkommen, aber Rassenschädel sind bis jetzt so wenig festgestellt, wie irgend jemand eine befriedigende Definition für das Wort Rasse zu geben vermag. Da man aber das Bekannte nicht durch Unbekannte erklären soll, so ist es verfehlt, die Nation von der Rasse her definieren zu wollen. Umgekehrt wräre es vielleicht eher möglich. Jedenfalls soll nicht geleugnet werden, dass es Gruppen von Menschen gibt, Gruppen mit allen Uebergängen zu einander, die sich durch Körperbau und Gesichtsbildung hinlänglich unterscheiden. Somit sehen wir uns genötigt, auch die gemeinsame Abstammung und die Rasse als etwas äusserliches und unwesentlicheres für unsere Definition abzuweisen. Es bleibt noch als letzter Punkt von jenen oben erwähnten „Merkmalen einer Nation" die gemeinsame politische Z u - k inn t über. Diese aber, die in genauem Zusammenhang mit der Staatsangehörigkeit steht, ist wenigstens bei dem deutschen Volksstamme eine Unmöglichkeit, von den Engländern garnicht zu reden. Somit sehen wir, dass die obengenannten acht Punkte: Sprache, Territorium, Sitten und Bräuche, Staatsangehörigkeit, Religion, gemeinsame Abstammung, Rasse und gemeinsame politische Zukunft durchaus nicht den Begriff der Nation bestimmen oder erschöpfen. — Wollte man nun aber den voreiligen Schluss ziehen, dass die „Nation" etwas Fluktuierendes sei, dem ein wesentliches Sein nicht zukäme, so muss *) Wie wenig man zur Rassebestimmung im allgemeinen auf die Resultate der Schädelmessung geben darf, geht wiederum aus der Arbeit des Dr. Waldenburg hervor, in der er krankhafte Schädel von Halligfriesen und Juden vergleicht. (Alfred Waldenburg: Das isocephale blonde Rassenelement unter Halligfriesen und jüdischen Taubstummen. Berlin: S. Calvary & Co. 1902. 8 °.) Waldenburg selbst beabsichtigt keineswegs ein solches Resultat.