Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 7-8 (Oktober 1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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120 No. 7/8. sei, so dürften sie mit gleichem Rechte diese darauf hinweisen, dass in ihren Adern nicht zum wenigsten keltisches, räthisches und romanisches Blut fliesst. Die Bewohner des Königreichs Sachsen, die so eifrig auf ihr Germanentum pochen und heute doch gewiss einen Teil der deutschen Nation bilden, sind durchaus keine Germanen, sondern germanisierte polabische Slaven. Den Grundstock der französischen Nation bilden die Kelten und noch heute scheint der Charakter der alten 'Gallier, wie ihn Caesar gemalt hat, Zug für Zug mit dem modernen Franzosentum übereinzustimmen. Und doch ist es bekannt, dass im Süden Frankreichs die Ligurer die Grundlage der Bevölkerung bildeten, dass ferner die germanischen Stämme der Franken, Burgunder, Westgothen und Normannen in so grosser Anzahl zu der Bildung der französischen Nation beigetragen haben, dass von einer Stammesgemeinschaft innerhalb der französischen Nation schlechterdings nicht die Rede sein kann. Sah sich doch die Kurie in früher Zeit genötigt, einem nach Paris gerichteten Breve „zu besserem allgemeinem Verständnisse" eine deutsche Uefiersetzung beizulegen. Von Portugal bis tief nach Russland hinein sind überall Fürstentum und Adel germanischen Ursprungs, und ausser vielleicht dem slavisch-dakisch-römischen Mischvolke der Rumänen*) ist keine romanische Nation von ganz bedeutender Mischung mit Germanen freigeblieben, womit nicht gesagt sein soll, dass nicht auch andere Volkselemente wie z. B. die Araber in Portugal und Spanien ganz merklich zur Bildung dieser Nationen beigetragen haben. — Auf innigste mit der Frage der Abstammung hängt nun die Lösung der Rassemxage zusammen. Und es gibt in neuester Zeit wohl keine Frage, die in so unglücklicher Weise gerade mit der Frage des Nationalismus verquickt wurde. Indem man Rassen als gegebene Faktoren voraussetzte, konstruierte man nachträglich nationale Unterschiede und Verbindungen, die garnicht existierten. Am schlimmsten wurde diese Verwirrung, wenn man gar den Sprachtum mit der Rasse identifizierte. Das eklatanteste Beispiel gibt der indogermanische Sprachstamm, dem zu Ehren diese Theorien aufgestellt wurden. Aus dem Umstände, dass die Verwandtschaft des Sanskrit und überhaupt der iranisch-indischen Sprachen mit den germanischen, slavischen, keltischen, italienischen und andern Sprachen mehr evident ist, schloss eine voreilige Begleitung ernster Forschung, dass die diese Sprachen redenden Nationen stammverwandt sein müssten. Die Einheit der indogermanischen Volksstämme gilt so sehr als erwiesene Tatsache, dass es einem verdienstlichen Werke nahe kommt, wenn man nachweist, dass die bedeutendsten Dichter, Forscher und Denker der Aaraber persischen, also indogermanischen Stammes sind. Aus der Ähnlichkeit und Urverwandtschaft der Sprachen ist aber garnichts für die Verwandtschaft der Völker zu beweisen. Es hat eine Zeit gegeben, wo die Vorfahren der heutigen Chinesen zum allergeringsten Teile Chinesen waren. Die Vorfahren der ,indogermanischen" Armenier haben uns Inschriften hinterlassen, die wir nicht lesen können, weil sie sicherlich nicht indogermanisch *) Auch diese enthalten wohl in sich nicht weniger (balkan-) germannisches als römisches Blut. Den Grundstock bildet wohl das slavischdakische Mischblut.