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Der jüdische Student · 1902-10-01 · Heft 7-8 (Oktober 1902) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 7-8 (Oktober 1902)
Date
1902-10-01
Page
[Seite] (sequence 23)
Language
German
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No. 7/8. 119 die Existenz einer czechischeu, polnischen oder arabischen Nation nicht leugnen, weil es keinen czechischen, polnischen oder arabischen Staat gibt. Wir müssen daher die Definition Roberts von Mohl entschieden verwerfen, der in seiner Encyklopädie der Staatswissenschaften*) sagt, dass „die Gesamtheit der Teilnehmer des Staats das Volk oder die N a t i o n bildet". Nationen und Völker sterben und vergehen. Aber dadurch, dass eine Nation ihre staatliche Einheit verliert, hört sie nie und nimmer auf, eine Nation zu sein. Die Deutschen waren nach 1804, als es keinen Kaiser und kein Reich mehr gab, immer noch eine Nation. Die Finnen bilden eine Nation, auch wenn sie wohl nie daran denken können, sich aus den Fangarmen Russlands zu befreien. Die Buren haben keineswegs aufgehört, eine Nation zu bilden, wenn auch das Volk der Buren nicht mehr existiert. Sie sind eine Nation, die keinen Staat mehr hat, eine Nation, die aufgehört hat, ein Volk darzustellen, eine unglückliche Nation, aber immer doch eine Nation geblieben. Wir unterscheiden also Nation, Volk und Bevölkerung als etwas durch verschiedenes. — Vielfach decken sich Religion und Nationalität einigermassen. Wir haben schon oben darauf hingewiesen, dass eines der wichtigsten Mittel zur Erhaltung der neu-griechischen Nation die Kirche war und ist. Wäre aber die Religion ein ausschlaggebender Faktor bei der Beantwortung unserer Frage, so gäbe es kein Mittel, um andere griechische Christen (Russen u. a.) von den Griechen national zu trennen. Die Armenier haben zwar im gregorianischen Bekenntnisse eine Art von Nationalkirche, jedoch gibt es unter ihnen eine nicht unerhebliche Zahl von griechischen und römischen Katholiken, von Protestanten und Muhamedanern. Eine Anzahl gerade ihrer hervorragendsten Nationalkämpfer sind anglikanischer Konfession. Die deutsche Nation ist seit Jahrhunderten in zwei der Zahl nach heute fast gleiche Lager gespalten, während viele Religionen bztl. Konfessionen, wie Katholizismus, Protestantismus, Islam und Budhismus verschiedene Nationen umspannen. Wenn wir auch weit davon entfernt sind, zu leugnen, doss es zu alle Zeiten Nationalreligionen gab und noch gibt, so dürfen wir auch in der Religion nicht dasjenige Moment erblicken, welches allein oder wesentlich den Begriff der Nation ausmacht. Scheinbar das Wichtigste bei der Begriffsbestimmung von „Nation44 bildet die gemeinsame Abstammung und man darf sich nicht verhehlen, dass, wenn überhaupt ein rein äusserliches Moment, so gerade diese dazu angetan sein sollte, bei unserer Frage von ausschlaggebender Bedeutung zu sein. Deutet doch gerade die Bezeichnung „Nation4' in ihrem einfachen W o r t s i n n eben auf die gemeinsame Abstammung hin. Wenn wir ihr doch den Wert beilegen, der ihr danach zuzukommen scheint, so hat dies auch darin seinen Grund, dass es wenige Nationen gibt, deren Stamm verhältnismässig rein von äusseren Beimischungen geblieben wäre. Dahin gehört wiederum in erster Linie der deutsche Volksstamm. Wenn den ostelbischen Deutschen seitens ihrer süddeutschen Volksgenossen vorgeworfen wird, dass sie ein Mischvolk seien, weiches besonders auf wendischem und litthauischem mehr als auf germanischem Grunde erwachsen *) II. Auflage Freiburg und Tübingen 1872. 8 °. § 18. S. 127.

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