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Der jüdische Student · 1902-10-01 · Heft 7-8 (Oktober 1902) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 7-8 (Oktober 1902)
Date
1902-10-01
Page
[Seite] (sequence 22)
Language
German
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No. 7/8. Es würde zu weit führen, wollten wir die Zeit ins Auge fassen, wo der deutsche Volksstamm eines einigenden staatlichen Bandes überhaupt entbehrte, und weisen nur darauf hin, dass heute, wo das neue Deutsche Reich doch existiert, in Wahrheit etwa die Hälfte der deutschen Nation ausserhalb des Reiches wohnt, auch wenn wir uns wohl hüten, Stämme, wie den vlämischen oder gar die Niederländer, der deutschen Nation zuzurechnen. Ausserdem aber umfasst das Reich, selbst wenn wir die Juden nicht als eine besondere Nation auffassen, doch als seine Staatsbürger: Polen, Kassuben, Masuren, Wenden (Ober- und Niedersorben), Czechen, Mähren, Litthauer, Dänen und Franzosen zum Teil in recht beträchtlicher Zahl, während ein anderer Staat, die Schweiz, den Anspruch erheben könnte, ebenso als ein* Deutsches Reich angesehen zu werden, da seine Einwohner zum weitaus grössten Teile Deutsche sind. Auch ist es nicht zu begreifen, dass ein Deutscher in Wien aufgehört haben soll, ein Deutscher zu sein, weil ein Deutsches Reich gegründet wurde. Der russische Staat umfasst Russen, Polen, Deutsche, Finnen, Schweden, Letten, Litthauer, Lsthen, Tatarische Völker, Türken, Griechen, Armenier, Tscherkessen*) etc. eic. Der österreichische Staat umschliesst eine stattliche Reihe der verschiedensten Nationen, während es eine österreichische Nation ebensowenig gibt, wie etwa eine belgische oder luxemburgische,**) wogegen die niederländische Nation ebenso wie die deutsche in mehrere Staaten (Niederlande, Britisches Reich (Kapland, Oranjestaat und Südafrikanische Republik) geteilt ist. Die Bürger des südlichen Schweden (Schonens) sind bei aller Zugehörigkeit zum schwedischen Volke doch dänischer Nation. Ebenso sind die Schweden in Finnland nicht anders wie schwedischer, wie die Deutschen in Russisch-Kurland deutscher Nationalität. Kirchhoff macht zu Unrecht eine Unterscheidung von Nation und Nationalität dahin, dass er die in Staaten geeinigten Nationen allein als Nation anerkennt, dagegen die andern wie die Polen und Czechen zu den Nationalitäten zählt. Es ist nur ein Glücksumstand, gewissermassen ein Unterschied in der Vermögensklasse, ein wie grosses Mass von Freiheit und Selbständigkeit den einzelnen Nationen zukommt. Nicht die Grösse und die Unabhängigkeit macht eine Nation. Wir müssen Nationalität und Nation in ähnlichem Sinne von einander trennen, weil wir Juden und Judentum, Deutsche und Deutschtum, Romanen und Romanismus unterscheiden. Ist Nation eine von andern scharf unterschiedene Gruppe von Menschen, so bedeutet Nationalität die Summe oder besser das Produkt aller der Momente, durch die sich die Nation von andern Gruppen gleicher Art unterscheidet. Kirchhoff dagegen nennt das Nation, was andere „Staatsvolk", dagegen Nationalität, was andere „Nation" zu nennen gewohnt sind. Der Begriff des „Staatsvolkes" ist aber durchaus nicht identisch mit dem der „N a t i o n", und man kann darum *) Wir erwähnen die Juden ausdrücklich nicht, weil wir nicht das als Voraussetzung nehmen wollen, was noch im Laufe der Abhandlung zu feeweisen ist. **) Freilich nennt sich die lützelburgische Staatsbibliothek „Bibliotbeque nationale de Luxembourg", aber kein Vernünftiger folgert «kraus die Existenz einer luxemburgischen Nation.

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