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Der jüdische Student · 1902-10-01 · Heft 7-8 (Oktober 1902) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 7-8 (Oktober 1902)
Date
1902-10-01
Page
[Seite] (sequence 21)
Language
German
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No. 7/8. 117 (lern sind erst eine Folge der stammestümiichen Geschichte. Sie sind dasjenige Erkennungszeichen einer Nation, das am hinfälligsten ist, sind wohl für Nationen oft genug in hohem Masse charakteristisch, haben jedoch meist, wenigstens bei den europäischen Völkern, eine entweder zu universielle oder zu lokale Verbreitung und Bedeutung, um hier in Betracht zu kommen. Dabei wandern sie so schnell, dass sie keine bleibende Geltung haben. Der Chinese, der in Amerika sich occidentaler Kleidung befleissigt, hört darum nicht auf, Chinese zu sein. Freilich glaubt sehr häufig der Araber, der in Beirut in europäischer Kleidung herumläuft, dass er aufgehört hat, Araber zu sein und hält sich für einen so vollgiltigen Franzosen oder Italiener als wie nur irgend einen Bürger von Paris oder Rom oder Neapel, aber er bleibt so sehr Kind seiner Nation, wie der Neger in Port-Said, der sich den abgelegten Zylinderhut eines Gentleman aufstülpt, nicht Europäer oder Engländer geworden ist. Damit soll nicht geleugnet werden, dass er glaubt, dass die Annahme von Sitte und Brauch der Europäer ihn aufhören iässt, Neger zu sein, ebenso wie der nordamerikanische Neger sich für einen echten Yankee angesehen wissen will und am liebsten aus der äthiopischen Rasse austreten möchte. Das ist ein Mangel an nationalem Ehrgefühl, das aber den, der sich dieses Mangels erfreut, nicht in die andere Nation versetzt, der er sich so gern einverleiben möchte. Hier sind wir aber mit Kirchhoff einig. Um so entschiedener müssen wir ihm dort entgegentreten, wo er dazu kommt, Staat und Nation zu identifizieren. Freilich ist so wenig Konsequenz in Kirchhoffs Gedankengängen, dass er für die Zugehörigkeit zur deutschen Nation die Reichsangehörigkeit als Voraussetzung verlangt, so dass er sogar die Deutschen im österreichischen Kaiserstaate nicht zur deutschen Nation gerechnet wissen will, dass er aber R e n a n s Definition einer Nation den Satz entgegenhält: „Die Griechen waren auch eine Nation und haben doch keinen nationalen Staat gebildet." Es gibt nun zweierlei Staatsangehörigkeit: nämlich die als Bürger und die als Paria. Auch Deutschland hat seine Parias. Die Zigeuner haben keinerlei Bürgerrecht, wenn sie auch deutsche Staatsangehörige sind. Diese Parias will selbst Kirchhoff nicht in die Nation, speziell in die deutsche Nation eingeschlossen wissen. Aber will er darum den etwa vierhunderttausend rumänischen Juden, weil sie infolge einer Barbarei ohnegleichen rechtlich überhaupt jeder Staatsangehörigkeit entbehren, auch die Zugehörigkeit zu irgend einer Nation — beliebig welcher immer — absprechen? — Vielleicht könnte man die 5 Millionen russischer Juden auf die gleiche Weise von der Zugehörigkeit zu jeder Nation ausgeschlossen erachten. S i e gehören einer Nation an, wenn die Bürgerrechte, die rumänischen Juden, wenn die Staatsangehörigkeit das Merkmal der Nationen sind. Aber die Staatsangehörigkeit ist so wenig ein Charakteristikum für die Zugehörigkeit zur Nation, dass man getrost behaupten darf, dass es gewiss in Europa heute kein einziges Staatswesen gibt, das nicht Angehörige verschiedener Nationen umschlösse.

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