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Der jüdische Student · 1902-10-01 · Heft 7-8 (Oktober 1902) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 7-8 (Oktober 1902)
Date
1902-10-01
Page
[Seite] (sequence 20)
Language
German
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Ho No. 7/8. _ aber ihrer Scheidung stets genau bewusst bleiben, auch wenn lieh der Fall ist, überhaupt nicht gedacht werden kann. Mehr noch als die Griechen des Altertums sind die heutigen Griechen über alle Küstenländer des östlichen Mittelmeerbeckens zerstreut, und halten gleichwohl selbst dort an ihrer angestammten Nationalität fest, wo sie ihre Sprache vergessen haben und in der Kirche ihre einzige greifbare Ver.* bindung mit ihren Stammesgenossen sehen. Die Armenier haben kaum noch ein Territorium, wo sie wenigstens eine achtunggebietende M i n o r i t ä t biden, und gehören doch in gewissem Sinne zu den nationalsten Nationen. — Die Phönizier haben zu keiner Zeit, wo sie der geschichtlichen Beobachtung erreichbar sind, ein geschlossenes Territorium innegehabt, sondern waren über alle Länder der Kulturwelt zerstreut, ohne doch aufzuhören eine Nation im eigentlichsten Sinne des Wortes zu bilden. Es ist eben ein Unterschied zwischen Bevölkerung und Nation, und ebenso wenig, ja noch weniger wie die Sprache ist das Territorium ein Kennzeichen oder wesentliches Merkmai einer Nation. In jüngster Zeit wurde der Versuch gemacht, die Bedeutung der geographischen Grenzen für die Begriffsbestimmung der Nation mehr in den Vordergrund treten zu lassen, als das bisher ohnedies der Fall war. Alfred Kirchhoff hat in einen Vortrag, den er am 26. Februar 1902 in der Sitzung des Thiir.-Sächsichen Vereins für Erdkunde zu Halle hielt,'"") sich so sehr von diesem Gedanken leiten lassen, dass es zeitgemäss ist, gerade dem Irrtum entgegen zu treten, als ob Territorium und nachbarliches Beisammeiiwohnen zur Begriffsbestimmung einer Nation unbedingt notwendig sind. Fs liegt hier eine Verwechslung vor, der Entstehung einer Nation mit ihrem Bestände. Denn es ist beispielsweise richtig, dass die arabische N; tion ihre Entstehung und charakteristische Eigenart dem Zusammenwohnen in der abgeschlossenen arabischen Halbinsel durch so viele Jahrhunderte und vielleicht Jahrtausende verdankt, dass aber diese Nation nicht das geringste von dem Charakter einer Nation verlor, als sie sich über die halbe Kulturwelt verbreitete. Da gehört der Aaraber Südafrikas und der auf den malaiischen Inseln um nicht weniger der arabischen Nation an, als der echte Sohn der Wüste, der Fellach Syriens oder der Yemenit. Kirchhoff, der als Geograph die Einwirkung der ..Milieus", d. h. in diesem Falle die Wirkung von Klima. Bodenbeschaffenheit und die durch die Natur des- Landes bedingten Lebensverhältnisse auf die Entstehung und Veränderung der Nationen regelmässig beobachtete, dehnte über Gebühr die Wirksamkeit dieser zum Werden einer Nation notwendigen geographischen Einheit aus. Umsomehr muss deshalb dies als irrig zurückgewiesen werden, als er selbst in der Folge dahin kommt, anstelle von Territorium den Begriff des Staates einzusetzen und so noch grösseren Fehlern in der Begriffsbestimmung Tür und Tor zu öffnen. In ganz ähnlicher Weise, wie das gemeinsame Territorium, werden Sitten und Gebräuche als Merkmal zur Unterscheidung von Nationen angeführt. Nur tragen diese nicht zur Entscheidung von Nationen bei, son- *) Kirch hoff. Alfred: Was ist national? Vortrag .... Zum Diuek gebracht von Alfred Funke. Halle a. S. 1902. 44 S. 8°.

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