Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 7-8 (Oktober 1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 7/8. 115 brachten, so gelten die portugiesischen Juden in Hamburg für eine feste Burg des Plattdeutschen, und orientalische Juden find im Orient Träger der der spanischen und deutschen Sprache. Auch die hebräische Sprache hat ihre Dialekte regelmässig der jeweiligen von den Juden gesprochenen Mundart angepasst, wie an anderer Stelle ausführlich nachgewiesen werden soll. Dieser Ausflug auf das Gebiet der bei Juden gebräuchlichen Dialekte und Sprachen gehört zwar nicht direkt zu unserer Argumentation auf das Verhältnis von Sprache und Nationalität, dürfte aber ebenfalls zeigen, wie wenig stabil die Stammessprachen sind gegenüber der Stabilität der Nationalitäten. Dagegen dürfte es zu weitläufig werden, zu den oben angeführten Beispieeln noch zahlreiche andere hinzuzufügen, und es genüge der Hinweis, dass es Nationen gibt, die innerhalb der Stammeseinheit verschiedene Sprachen reden, sowie verschiedene Nationen mit gemeinsamer Sprache, um den Schluss zu ziehen, dass die Sprache an sich kein wesentliches M e r k m a 1 einer N a t i o n ist. Das T e r r i t o r i u rn ift der feste .Boden, auf dem Nationalitäten erwachsen. Es giebt keine Nation, die nicht wenigstens eine längere Zeit auf einem immerhin zusammenhängenden Landgebiete geeinigt gewesen se>. Denn das nationale Gepräge einer Gruppe von Menschen, welches denn selben aufgedrückt bleibt, wenn sich auch die territorielle Scheidung schon Hingst vollzogen hat, ist doch nur geschaffen worden auf Gnmd einer gemeinsamen, wenn auch weiten Heimat. Der älteste Zustand der ägyptsichen Sprache, die ziemlich genauen Mitteilungen, die uns selbst über älteste Phasen ägyptischer Entwicklungsgeschichte überkommen sind, zeigen uns deutlich, dass auch dort, wo wir am weitesten eine Nationalgeschichte zurückverfolgeu können, die Nation aus einer territorial geeinten Bevölkerung hervorgewachsen ist. Jedoch wäre es verkehrt, nun daraus schliessen zu wollen, dass der Begriff der Nation von dem des Laudgebietes in irgend welcher Weise abhängig wäre. Ganz abgesehen davon, dass heute wohl die wenigsten Völker auf dem Lande sitzen, in dem ihre Nationalität erwachsen ist, beweist auch schon die Tatsache der Existenz von Enklaven und Kolonien, dass das territorielle Prinzip zum mindesten nicht streng zu wahren ist. Gerade die deutsche Nation ist ein Beweis dafür, dass ein Volksstamm als Nation auch dann fortexistiert, wenn seine territorielle^ Grenzen ungewisse werden und ein im Verhältnis zum Gesamtvolke nicht unbeträchtlicher Teil seiner Angehörigen dem Stammlande überhaupt den Kücken gekehrt hat. Wir erinnern uns der baltischen Provinzen, der Schwaben und Sachen in Ungarn und Siebenbürgen, der zahlreichen deutschen Kolonien im Innern Russlands, in der Kri mund im Kaukasus, sowie in Australien, Afrika und Südamerika, und gar der Millionen Deutscher in den Vereinigten Staaten Nord-Amerikas. Wir finden eben dauernd auf demselben Grund und Boden verschiedene Nationalitäten ansässig, die sien