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Der jüdische Student · 1902-10-01 · Heft 7-8 (Oktober 1902) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 7-8 (Oktober 1902)
Date
1902-10-01
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
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iH No. 7/8, wurden zwei deutsche Dialekte auf Slawen und Lintizen übertragen, so dass heute die Nachkommen der wendischen Obotriten als die typischen Vertreter des Niederdeutschen gelten. Hier brachten Kolonisten und Missionäre die Sprache in das Land des sesshaften Stammes, während an andern Orten ein seiner Heimat entrissener Stamm die Sprache des neuen Wohnortes annahm. So reden die nach Nord-Amerika verpflanzten Neger englisch, die schwarzen Bürger von Hayti und San Domingo französisch. Zu Engländern oder Franzosen c' ' sie dadurch nicht geworden. Selbst in unserer nächsten Umgebung vollzieht sich noch in einem fort die Verschiebung von Sprache und Dialekt. Das N?rdeutsche verdrängt überall das Friesische (so im Saterlande) und das lische, während es selber vom Hochdeutschen in Gestalt grossstädtischer Volksdialekte aufgesogen wird. So wenig wie hier eine Verschiebung der Bevölkerung die Sprachverschiebung hervorruft, so wenig ist dies der Fall bei dem Vordringen der czechischen und magyarischen Sprache unter der böhmischen und ungarischen Bevölkerung. Fs würde zu weit führen, des Einzelnen zu zeigen, wie die Nationalsprachen in gewissem Sinne aus Familiensprachen erwachsen, wie ferner dort, wo ehe Stämme noch nicht sesshaft sind, sich häufig die Sprachen völlig wandeln, wie es sogar Stämme gibt, wo Männer und Frauen, zuweilen auch die Kinder verschiedene Sprachen sprechen. Endlich möge noch eine Bemerkung über Sprachverhältnisse h~i heutigen Juden nebenher Platz finden: Weitaus der grüsste Teil der Juden spricht einen jüdisch-deutschen Dialekt; die meisten Juden in Holland, Dänemark, England und Frankreich verstehen noch heute entweder hochdeutsch oder jüdisch-deutsch. So ist es besonders beachtenswert, da?s das Deutsche häufig bei ihnen eine Stellung einnimmt, wie eine Nati-. * :prache, ja, oft wie eine gewissermassen heilige Sprache. Während der poliK.^he und russische Jude seinen deutschen Dialekt kurzweg ..jüdisch" nennt, hat zwar der dänische Jude die Landessprache längst angenommen, aber Talmud in der Klaus lernt er ..deutsch".*) Eine gleiche Stellung nimmt für den sefardischen Juden das Spagnolische ein. Daher sprechen alle Chachanüm, d. h. Talmudgelehrte, auch wenn sie nicht Spagnolen sind, diesen Dialekt, der unter dem Namen .J.adino" auch in Livorno die Weihesprache talmudischer Gelehrsamkeit ist. Im engsten Zusammenhange damit steht es, wenn bucharische und yemenitische Juden in Palästina das Spagnolische, bisweilen auch das Jüdisch- Deutsche, als Umgangssprache annehmen. Und wie einst die germanischen Normannen das Französische zu den stammverwandten Angelsachsen ~) Als es in: Jahre 1863/64 in Kopenhagen gefährlich war, deutsch zu sprechen, haber. zahlreiche fromme dänische Juden, wie mir glaubwürdig berichtet wotvlv., während des Krieges doch regelmässig in der „Klaus" ihre Talmud Studien in deutscher Sprache fortgesetzt. Das gleiche Verhältnis ist i;i Holland, wie überhaupt die Juden beider Länder sich ausserordentlich ■: l c stehen, und erst seit jüngster Zeit wird in Groningen das Talmudstudium grösstenteils holländisch getrieben. Dänische und holländische . :;den haben nur wiederholt versichert: ,,Talmud kann man nur in deutscher Sprache lernen!" —

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