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Der jüdische Student · 1902-10-01 · Heft 7-8 (Oktober 1902) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 7-8 (Oktober 1902)
Date
1902-10-01
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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No. 7/6. 113 Litteratur, d. i. Liturgie und Neues Testament, in türkischer Sprache abgefasst zu schreiben. Diese Schrift führt den besonderen Namen „Karschunr. Griechen und Türken würden gleich erstaunt sein, wenn man Grund dessen, dass diese Griechen die Sprache ihrer Väter vergessen haben, sie zu den Türken zählen würde. Die karäische Gemeinde in Jerusalem spricht neugriechisch, ohne im Entferntesten irgend einen Berührungspunkt mit der griechischen Nation zu haben. Die weitaus grosse Mehrzahl der armenischen Nation versteht kein armenisch, sondern nur Russisch, Türkisch, Griechisch oder Arabisch, und doch gaben die Armenier noch in jüngster Zeit die kräftigsten Beweise eines lebendigen und lebensfähigen nationalen Daseins. Umgekehrt aber gibt es sehr wohl auch verschiedene Nationen, welche eine gemeinsame Sprache reden; so sprechen die von Hause aus stammfremden Engländer und Schotten die gemeinsame englische Sprache, die auch von der neuentstandenen Nation der Yankees als Nationalsprache angenommen ist. Die Norweger bedienen sich in Wort und Schrift der Sprache dei stammverwandten Dänen, und von einer norwegischen Volkssprache kann schlechterdings nicht die Rede sein, vielmehr nur von einem Dialekte, der wenig mehr von der dänischen Schriftsprache sich entfernt, als der jüdische Dialekt dieser Sprache vom Seeländischen oder vom Kopenhagener Stadtdialekt. Die hamitischen Berber sind gewiss eine andere Nation wie die semitischen Araber, und doch haben sie unter Wahrung ihrer nationalen Eigenart mit der Religion auch die Sprache des grossen Propheten von M. t k k a angenommen.*) Es ist auch eine der Weltgeschichte wohlbekannte Tatsache, dass Sprachen von einer Nation auf die andere übertragen werden, ohne dass gerade der eine Stamm durch den andern aufgesogen oder vernichtet wirJ. Der grössere Teil der heutigen romanischen Nationen verdankt solchem geschichtlichen Werdegange seine Entstehung. Durch die Rornanisierung der Iberer sind die portugiesische und spanische Volksgemeinschaft entstanden, die selbst trotz der starken Beimischung von Germanen, Berbern iüK' Semiten den alten iberischen Stammescharakter treu bewahrt haben. Die Helden von Zaragossa erinnern selbst in den kleinsten Zügen noch an die Verteidiger von Saguntum und Numantia. Auch auf die Charakterbildung der Eranzosen war die Erinnerung germanischer Stämme von so geringer Bedeutung, dass die meisterhafte Charakterisierung der Gallier dureti Cäsar noch immer auf die Eranzosen der Bartholomäusnacht, der grossen Revolution und endlich des Dreyfuss-Prozesses durchaus zutrifft. Freilich verschwanden die gallische und iberische Sprache bis auf geringe Reste, die Nationen blieben in ihrer Eigenart bestehen. In gleicher Weise wurden die Daker zu Rumänen, und ganz entsprechend die ural-alterischen Bulgaren zu slavischeu Bulagren. Östlich der Elbe und bis tief nach Russland hinein *) In seiner Arbeit „Die jüdisch-deutsche Sprache. Eine grammatisch-lexikalische Untersuchung ihres deutschen Grundbestandes. Köln 1902" hat Jacob G e r z o n in wissenschaftlich exakter Darlegung den hochdeutschen Charakter dieser Sprache nachgewiesen. Wir weisen unsere Leser ausdrücklich auf diese wichtige Arbeit hin.

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