Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 7-8 (Oktober 1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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als man sich seit Jahren gewöhnt hat, den Begriff der Nation von den genannten Faktoren abhängig zu denken, deren Zusammenhang mit stammestümlichen Gemeinschaften jederzeit in unmittelbarster Nähe beobachtet wird. Die Sprache scheint nun dasjenige Moment zu sein, welches am meisten als das Erkennungszeichen der Nationalität gilt, und im Nationalitätenstaate steht die Sprachenfrage daher obenan. In der ererbten Sprachgenossenschaft glaubt man die Nation verkörpert zu sehen, und kein geringerer als Richard Böcklr) sagt, dass „die Sprache das unverkennbare Band ist. welches alle Glieder einer Nation zu einer geistigen Gemeinschaft verknüpft." Kein Denkender wird nun leugnen wollen, dass wir in den Deutschen eine Nation zu erblicken haben. Und doch sind die deutscheu Mundarten von einander so verschieden, dass das Wort Deutsche Spracheinheit4' schon oft dem Witze als Unterlage dienen musste. Sind doch vor allem die ober- und mitteldeutschen Dialekte dem niederdeutschen Idiom so fremd, dass sich noch vor wenigen Jahrhunderten ein mecklenburgischer Herzog genötigt sah, gewisse Reformationsschriften ins Lateinische übertragen zu lassen, damit sie auch seinen des Hochdeutschen unkundigen, plattdeutschredcnden Untertanen zu Nutz und Frommen sein möchten. Noch bedeutend ferner stehen dem Hochdeutschen die Dialekte der Friesen, welche doch einen integrierenden Teil der deutschen Nation bilden. Andererseits reden die polnischen, russischen, ungarischen, rumänischen u. s. w. Juden, zum grössten Teile eine Mundart, die infolge eines verhängnisvollen Irrtums ein Jargon genannt wird, und die in ihren wesentlichen Bestandteilen der hochdeutschen Sprache näher steht als irgend ein plattdeutscher oder friesischer Dialekt. Doch aber wird niemand im Zweifel sein, dass diese Juden durchaus ebenso wenig zur deutschen Nation gehören, wie etwa die spagnolisch redenden Juden Bulgariens, der Türkei oder des heiligen Landes als Spanier anzusehen sind. Und nicht anders als die deutsche Nation, setzt sich auch die russische, die französische und ebenso die spanische r-us zw ei liaiiDtgruppen zusammen, denen eine „ererbte S^chgenossenschaft" nicht zugehört. Die kaukasischen Juden sprechen, so weit sie dem Stamme der Bergjuden angehören, eine Mundart, die unter dem Namen Tat bekannt ist, und dem grossen iranischen Zweige der indogermanischen Sprachfamilie angehört, und die ihren Ursprung im Medischen zu suchen haben dürfte. Die unter den Türkstiimmen Turans wohnenden bucharischen Juden sprechen eine Mundart, die von der Forschung als ein Abkömmling des ebenfalls iranischen Pechlewi. der Hof- und Amtssprache der Sassaniden, anzusehen ist. Sie ist eine direkte Schwestersprache, bezw. ein Dialekt des Neupcisischen. Aber es wird darum niemandem einfallen, die Bergjuden zu Medern und die Juden von Buchara zu Persern zu machen. Ein grosser Teil der kleinasiatischen Griechen kennt von der griechischen Sprache nicht mehr als das Alphabet und benutzt dieses, um seine :;:) Die statistische Bedeutung der Volkssprache als Kennzeichen der Nationalität. Zeitschrift für Völkerpsvcholoerie und Sprachwissenschaft, Herausgegeben von M. Lazarus und H. Steinthal. Jg. IV, 1866, S. 259—402. (S. 309.)