Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 7-8 (Oktober 1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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ho. //S. Iii mus und Anarchismus, die doch auch beide in ihren Grundgedanken kontradiktorische Gegensätze sind. Diese Verwechselung nichtidentischer Begriffe muss überall da vor sich gehen, wo man mit Worten, anstatt mit Gedanken kämpft. Wenn daher im Streite der Parteien für die Erregung die Ruhe, und an die Stelle des Zwistes die gemeinsame Arbeit zum Wohle der Gesamtheit eintreten soll, so muss das Wort dem Begriffe weichen. Es gilt daher jene Begriffe fest ins Auge zu fassen und in deutlichen Worten zu präzisieren, welche Schlagwort und Losung im Streite der Parteien sind; es wäre sonst nicht ausgeschlossen, dass man in der Sache selbst einig ist, während man mit Worten streitet. Andererseits könnte es geschehen, dass man sich der gleichen Worte bedient und doch etwas ganz Entgegengesetztes meint. Wie wäre es sonst möglich, dass Parteien, die sich selber „national" nennen, von anderen als die typischen Gegner des stammestümlichen Wesens hingestellt werden könnten, während umgekehrt die Internationale sehr oft typische Eigenheiten des Nationalismus deutlich in die Erscheinung treten lässt! — Im Kampfe um die nationale Weltanschauung — denn von einer solchen dürfen wir getrost reden, — kommt es vor allem darauf an, sich über denjenigen Begriff völlige Klarheit zu verschaffen, den wir mit dem Worte „N a t i o n" zu bezeichnen pflegen. Dies würde ein Leichtes sein, wenn wir in der „Nation" etwas materielles zu erblicken hätten, das wir nach den Begriffen von Zeit und Raum bestimmen könnten. Es ist eben ein Unterschied zwischen blosser Bevölker u u g, wenn wir darunter die Summe aller Angehörigen eines bestimmt oder beliebig abgegrenzten Landgebietes verstehen, und jenen geistigen Individuen, die wir ,,V o 1 k" und „Nation" nennen. Es kommt daher darauf an, diejenigen Momente scharf zu fixieren, welche unbedingt nötig sind, den Begriff der Nation zu bestimmen, und jVn^ unwesentlichen Punkte auszuscheiden, die zwar gewöhnlich den meisten Nationen zukommen, aber doch nicht allen gemeinsam und als wesentlich zu bezeichnen sind. Gemeinhin gelten als die besonderen Kennzeichen einer Nation: S p r a c h e. Tc r r i t o r i u m, Sitten, u n d Gebräuche, Staatsa u g e h ö r i g k e i t. Religion, g e n\ eins a m e A h s t u m m u n g, R a s s e und gemeinsame politische Zu k u n f t. Ereilich dürfte es, wie man sagt, schwer werden, alle diese Merkmale bei einer einzigen Nation nachzuweisen: jedoch könnte man getrost von einer Nation dort sprechen, wo die vorwiegende Mehrheit der genannten Besonderheiten nachweisbar ist. Zwar erhält dadurch der zu eruierende Begriff schon an und für sich etwas Wechselndes, je nachdem, welche Volksstämme den Gegenstand der Untersuchung bilden, und ein Beobachter Indiens, Chinas oder Arabiens dürfte hierbei zu ganz anderen Ergebnissen kommen, als der, welcher seine Abstraktion auf Beobachtungen stützt, die er in Deutschland, Frankreich oder England gemacht hat. Oleichwohl verlohnt es sich der Mühe, die genannten Merkmale im einzelnen durchzugehen. Denn mag man persönlich auch noch so sehr von der Unzulänglichkeit der genannten Begriffsbestimmung von vornherein überzeugt sein, so darf man die gleiche Anschauung um so weniger bei einer grösseren Öffentlichkeit voraussetzen.